Die zweite Geburt und die Arbeitssituation
Gottesdienst am 18.06.2000
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
in unserer Kirchenzeitschrift gibt es eine Rubrik, die "Was mich beschäftigt" überschrieben ist. Als ich dieser Tage wieder diese Überschrift las, gingen meine Gedanken zu Gesprächen über die Arbeitssituation von vielen meiner Bekannten. Am liebsten hätte ich mich gleich an den PC gesetzt, um einen Artikel zu diesem Thema zu schreiben, denn es beschäftigt mich wirklich. So bin ich heute hier und möchte mit Ihnen darüber nachdenken, was von Gott her dazu zu sagen ist.
In den persönlichen Gesprächen in der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde kristallisieren sich für mich vor allem drei Aspekte heraus:
  • Man fühlt sich am Arbeitsplatz überfordert, gehetzt vom immer schnelleren Tempo und empfindet sich als Rädchen im Getriebe, das wahllos verkauft, gekündigt oder umstrukturiert werden kann.
  • Die Situation am Arbeitsplatz hat Auswirkungen bis in alle Bereiche des privaten Lebens. Die Familie leidet, Hobbies und Freundschaften siechen dahin, in der Gemeinde hat man keine Kraft mehr zu verbindlicher Mitarbeit und Entfaltung der Gaben Gottes.
  • Die gesellschaftliche Situation gleicht fast der des römischen Reiches. Wurden da Länder besetzt, unterjocht und wirtschaftlich ausgebeutet, werden heute Firmen aufgekauft, ausgebeutet und wieder abgestoßen. Bis in alle Bereiche des Berufslebens - auch in den sozialen Berufen - sind diese Tendenzen spürbar.
Es kommt mir vor, als wären wir alle Segelschiffe und Spielbälle der Mächte und Gewalten um uns herum. Manchmal stehen wir kurz vor dem Kentern, einige Segel sind zerfetzt oder aus Resignation längst eingeholt.

SegelschiffWelchen Kommentar gibt nun die Bibel dazu? Welchen Auftrag haben wir von Christus her? Woher nehmen wir Orientierung und Trost? Wo soll unser Lebensschiff hin - gibt es etwas, das auf Kurs hält?
Dabei bin ich auf einen sehr sympathischen Mann aus der Bibel gestoßen. Er war ein Gelehrter seiner Zeit, heute wäre er vielleicht Jurist und in einer Justizbehörde tätig. Er lernte Jesus kennen und wurde neugierig. Obwohl er im jüdischen Glauben fest verwurzelt war, spürte er, dass sein Leben nicht ganz im Lot war und ihm etwas fehlte, das Jesus offensichtlich hatte. Er suchte Jesus nachts auf. Nachts, weil er von anderen nicht gesehen werden wollte - vielleicht war es ihm peinlich, vielleicht fürchtete er, ein Besuch bei Jesus könnte die Karriere beeinflussen. Aber die Nacht steht auch für das andere. In der Nacht werden gewöhnlich die tiefsten Lebensprobleme gewälzt. Er kam des Nachts, weil er keine Ruhe finden konnte, von Konflikten getrieben wurde, seine Not besonders deutlich wurde.
Der Abschnitt des Johannesevangeliums gibt das Gespräch wieder:

Johannes 3,1-8

Einer von den Pharisäern war Nikodemus, ein Mitglied des jüdischen Rates. Eines Nachts kam er zu Jesus und sagte zu ihm: "Rabbi, wir wissen, daß Gott dich gesandt und dich als Lehrer bestätigt hat. Nur mit Gottes Hilfe kann jemand solche Wunder vollbringen, wie du sie tust." Jesus antwortete: "Amen, ich versichere dir: Nur wer von oben her geboren wird, kann Gottes neue Welt zu sehen bekommen." "Wie kann ein Mensch geboren werden, der schon ein Greis ist?" fragte Nikodemus. "Er kann doch nicht noch einmal in den Mutterschoß zurückkehren und ein zweites Mal auf die Welt kommen!" Jesus sagte: "Amen, ich versichere dir: Nur wer von Wasser und Geist geboren wird, kann in Gottes neue Welt hineinkommen. Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt von menschlicher Art. Von geistlicher Art kann nur sein, was vom Geist Gottes geboren wird. Wundere dich also nicht, dass ich zu dir sagte: 'Ihr müsst alle von oben her geboren werden.' Der Wind weht, wo es ihm gefällt. Du hörst ihn nur rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So geheimnisvoll ist es auch, wenn ein Mensch vom Geist geboren wird."

Nikodemus kommt mit einer sehr konkreten Frage zu Jesus, die hier gar nicht ausformuliert ist: "Was muss ich tun, dass mein Leben sich in Gottes neuer Welt erfüllt?" An anderer Stelle kommt ein anderer Mann zu Jesus, der die gleiche Frage stellt. Ihm gibt Jesus zur Antwort, dass er seinen ganzen Besitz - alles, woran sein Herz hängt - drangeben und mit Jesus leben soll. Hier verweist Jesus auf das, was Gott an Nikodemus tun muss. Er sagt: "Du kannst nicht so weitermachen wie bisher. Es gibt keine Strategie, wie du dir das Leben bei Gott erarbeiten kannst. Denn es ist eine neue Geburt nötig. Eine neue Geburt, die nur "von oben" - von Gott her geschehen kann. Diese neue Geburt muss sein, sonst kannst du dich nicht im Sinne Gottes entfalten."

Nikodemus versteht das ganz wörtlich. Er überlegt, wie es biologisch angehen kann, dass ein alter Mensch wieder in den Mutterschoß zurückkehrt. Jesus greift das Bild von der Geburt auf, deutet es aber bildhaft auf die Beziehung Gottes zu den Menschen um. Die natürliche Geburt ist ein entscheidender Einschnitt und markiert zwei Entwicklungsphasen. Die erste vor der Geburt ist unbewusst. Das Kind sieht noch nichts und hört noch nichts - so war jedenfalls damals das Verständnis. Es ist umgeben von einer Welt, die es noch nicht wahrnehmen kann. Erst nach der Geburt sieht, hört und fühlt es die Umgebung. So ist das auch mit der Neugeburt durch Gott. Man lebt umgeben von Gottes Liebe und seiner Kraft, aber man kann sie nicht wahrnehmen, die Augen sind für Gott noch geschlossen. Erst mit der Neugeburt durch den Heiligen Geist kann man Gottes Liebe wahrnehmen. Man spürt den Heiligen Geist, man ist an die Kraft Gottes angeschlossen und wird durch sie verändert. Diese Geburt von oben ist ein Geschenk Gottes, das er allen macht, die darauf vertrauen, dass Jesus für sie die Konsequenzen der Gottesferne getragen hat und ausgeräumt hat. Nun kann der Heilige Geist umgestalten und verändern, wie Gott uns gemeint hat.

Kehren wir noch einmal zu unserem Segelschiff zurück. Mit der neuen Geburt bekommt unser Segelschiff einen neuen Kapitän. Es ist Jesus Christus, der unser Schiff auf den Wind des Heiligen Geistes ausrichtet. Wir müssen nicht länger den täglich wechselnden Tageskursen hinterhersegeln und uns von den Böen über Bord werfen lassen. Jesus Christus sitzt im Boot und hat unser Leben im Griff.

Die neue Geburt ist ein einschneidendes Ereignis. Sie hat ganz offensichtliche Auswirkungen. So wissen wir ab diesem Zeitpunkt, dass wir Gottes Kinder sind und nichts uns von seiner Liebe scheiden kann. So können wir mit Gewissheit sagen, dass unser Leben ein Ziel hat, mit Gott in Ewigkeit vereint zu sein. So werden wir auch immer klarer die Wirkungen des Heiligen Geistes in unserem Leben erkennen können - Lebenswege, die er uns führt und die wir uns nicht selbst gewählt haben. Die neue Geburt geschieht nicht so nebenbei, sie ist auf jeden Fall eine Zeitenwende, nicht immer auf einen bestimmten Termin festlegbar, auch über einen längeren Zeitraum hinweg eingeleitet.

Was bewirkt nun diese neue Geburt im Leben? Wir werden erinnert an den biblischen Dreiklang, Glaube, Hoffnung, Liebe. In diesen drei Aspekten lässt sich die Veränderung beschreiben, die die neue Geburt auslöst. Im Verhältnis zu Gott wird der Glaube zu einer festen Gewissheit. Das Lebensschiff ist auf seinem Kurs - von Gott her und zu Gott hin. Jesus Christus ist dabei im täglichen Manövrieren und Kurs Halten. Für die Zwischenzeit zwischen Abfahrt und Ankunft ergibt sich eine klare Aufgabenstellung. 
Das Stichwort Hoffnung bringt gut zum Ausdruck, wie sich die Dinge durch die zweite Geburt auch in meinem Verhältnis zu mir selbst ändern. Ich bekomme Hoffnung. Es ist nicht alles zu Ende und sowieso sinnlos. Gott hat einen Plan. Jetzt ist die Zeit der Bewährung, aber Jesus ist an der Seite und er wird sicher in den Zielhafen bringen. 
Auch die Liebe ist Auwirkung der neuen Geburt. Gottes Liebe verändert und setzt unsere Liebe frei, eine Liebe, die auf das Wohl des andern bedacht ist und die das Zusammenleben ermöglicht und fördert. 

In verschiedenen typischen Situationen möchte ich diesen biblischen Dreiklang im Berufsalltag durchbuchstabieren.
Einer Frau ist gekündigt worden. Jahre lang gehörte sie zu dem Unternehmen, doch nun ist sie durch eine Umstrukturierung überflüssig geworden. Sie wird gehalten von Gottes Liebe. Sie ist in Gottes Augen wertvoll. Ihr Auftraggeber ist nicht der Chef ihres Unternehmens, sondern letztlich Gott selbst. Und so weiß sie, dass Gott sie auch in dieser schwierigen Situation gebrauchen wird, um andere in Kontakt zu ihm zu bringen. Sie liest die Bibel und nimmt sich die vielen sehr persönlichen Zusagen zu Herzen, einige lernt sie neu auswendig. Und sie trägt ihre Situation in die Gemeinde. Die ist wie eine Mauer der Liebe um sie - genauso wie Nehemia das beim Bau der Stadtmauer in Jerusalem beschreibt (siehe Predigt zu Nehemia 4,1-8, "Gegenwind"). Die Gemeinde ermutigt sie und schützt sie, ohne dass die Leute es gleich wieder besser wissen oder hinter vorgehaltener Hand sich erzählen: Das habe ich ja gleich gewusst, dass die arbeitslos wird.

Ein Mann hat Angst. Er hat Angst von den Veränderungen mitgerissen zu werden und unterzugehen. Er fragt sich, worauf es in seinem Leben ankommt. Er setzt für sich Prioritäten und räumt damit der Zeit mit Gott einen hohen Stellenwert ein. Der Beruf und die Überstunden dürfen ihn nicht davon abhalten, seine Beziehung zu Gott zu pflegen, der ihm alle Kraft zum Leben schenkt. Er bittet seine Freunde, für ihn zu beten. Und er erfährt, dass Gott ihn bereit macht zu Veränderungen, die zwar auch Unruhe mit sich bringen und doch einen Weg in die Zukunft markieren.
Die Familienfrau steht daneben und bekommt indirekt alles mit, was ihr Ehemann im Berufsalltag erleidet. Sie würde so gerne direkt eingreifen und kann doch nur zuhören, Mut machen und beten. Für sie ist es wichtig, sich immer wieder klar zu machen, wieviel ihr Mann ihr bedeutet. Dass sie alles tun möchte, um Druck von ihm zu nehmen, ihn zu ermutigen und seine Situation mitzutragen. Das kann praktisch bedeuten im Interessenkonflikt zurückzustehen, Veränderungen zu bejahen, auch das Haushaltsbudget zurückzuschrauben, wenn das der Preis einer Veränderung ist. Quelle für dieses miteinander Last Tragen ist die Zeit mit der Bibel, gemeinsames Beten und daraus folgend die kleinen Zeichen im Alltag, die signalisieren "ich denk an dich!"

Der Freund, die Freundin kann in eine schwierige Lage geraten und gerade auf Sie warten. Da ist es nötig ein wirklich offenes Ohr zu haben und voller Anteilnahme zu fragen, wie es wirklich geht. Auch hier können wir Fürbitte anbieten und da sein, wenn es darum geht, einen neuen Weg zu finden.

Der Kollege, der sich einsetzt für seinen Mitkollegen, dessen Arbeitsplatz rettet und selbst abgebaut wird, findet Trost nur in Jesus Christus selbst. Denn Jesus hat es uns vorgelebt, nicht nur für die Freunde, sondern sogar für die Feinde sein Leben zu lassen. Um in einer solchen Situation nicht an der Ungerechtigkeit dieser Welt kaputt zu gehen, brauchen wir Jesus an unserer Seite, der uns in seine Arme schließt und unser Lebensschiff auf Kurs hält.

Wer wie Nikodemus nachts schlaflos eine Antwort nach Sinn und Ziel seines Lebens sucht, ist eingeladen, mit Nikodemus Jesus aufzusuchen. Er oder sie kann Jesus vertrauensvoll bitten, ihm oder ihr auch die zweite Geburt zu schenken, den Neubeginn des Lebens mit Jesus als Kapitän im Lebensboot. Und wir, die wir vielleicht schon vor vielen Jahren den Geist Gottes geschenkt bekommen haben, werden aufgefordert eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was ist daraus geworden? Sind wir lebendige glaubensfrohe, hoffnungsvolle, liebende Christen oder ist nur die Geburtsurkunde von damals übriggeblieben? Sind unsere Segel in den Wind des Heiligen Geistes gehisst oder längst gut verwahrt oder irgendwo verloren? Dann ist es an der Zeit, diese neue Geburt wieder bewusst aus der Erinnerung in die Gegenwart zu holen. Gott hat begonnen und er will weitermachen. Er will unser Herz, unser Denken und Fühlen umgestalten, uns die Angst vor morgen nehmen. Er ist dabei und keine noch so entscheidende Umstrukturierung, Kündigung oder Versetzung kann uns aus seiner Liebe und von seinem Kurs wegreißen. Das lässt uns in dieser Welt zwar nicht schwerelos werden, aber erfüllt und dankbar, gelassen und motiviert den Veränderungen, die der Heilige Geist schafft, nachzuspüren.
John Wesley, unser "Kirchenvater" schloss viele seiner Predigten mit dem Aufruf: "Du musst wiedergeboren werden". Offensichtlich verändert das eine ganze Menge. Gerade in unserer Zeit, in der Winde von allen Seiten nach unserem Segelboot greifen, brauchen wir einen Kapitän und den Geist Gottes, der uns den Kurs bewahren hilft. Morgen schon, wenn wir wieder mit dem Alltag konfrontiert werden und der Heilige Geist unser Berater und Fürsprecher sein will.

In einem Lied Charles Wesleys kommt die vertrauensvolle Bitte um die Neugeburt von Gott her zum Ausdruck. Wir sind eingeladen, in diese Bitte mit einzustimmen.

Liebe, komm herab zur Erde! Die du nicht von dieser Welt, 
mach, dass sie die deine werde, schlage bei uns auf dein Zelt!
Liebe, komm, du heißt Erbarmen, keine Schranke schränkt dich ein,
darum lass auch bei uns Armen heute dein Erbarmen sein.

Noch ist unser Herz gefangen, Angst und Trauer hält es fest,
aber es war dein Verlangen, das uns Ruhe finden lässt.
Liebe, komm, komm und befreie eilends uns aus aller Not,
schenk das Leben uns, das neue, schenk das Leben ohne Tod.

Komm, o Gott, uns zur Erlösung, schaffe unser Leben neu!
Komm und mache uns zur Wohnung deines Geists und deiner Treu.
Herr, wir wollen für dich leben, dienen dir bei Tag und Nacht,
loben dich auf allen Wegen, Preis sei deiner Liebesmacht.

Dann vollende deine Werke, lass uns rein und heilig sein.
Gib uns durch den Geist die Stärke, dir zu dienen, dir allein!
Denn du gibst uns ja das Beste, jeder von uns ist dein Kind.
Du lädtst uns zu deinem Feste, dass wir ewig bei dir sind.

Nach Charles Wesley 1707-1788

Cornelia Trick


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