Zeit und Ewigkeit
Gottesdienst am 20.11.2005

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
der Ewigkeitssonntag öffnet uns ein Fenster. Wir können in eine andere Wirklichkeit hineinschauen, Orientierung und Abstand von unseren Sorgen gewinnen, dabei gelassener werden im Hier und Heute.

Im Alltag erleben wir ganz ähnliche Situationen. Spät abends verließ ich eine Feier, um nach Hause zu fahren. Ich kannte mich in dem Ort nicht aus, es war Oktober, Regen und Nebel, kein Mensch war auf der Straße. Obwohl der Ort wirklich nicht groß ist, fuhr ich minutenlang im Kreis, durch Einbahnstraßen und Sackgassen völlig verwirrt. Ich hatte keine Ahnung mehr, wo ich war. Da tauchte ein Hinweisschild "Frankfurt" aus dem Nebel auf. Ich hätte es umarmen können. Mein Ziel war wieder klar. Zwar war der Nebel immer noch da, es regnete in Strömen, aber ich war auf dem richtigen Weg, das allein zählte.

Ein Abiturient lernt und schuftet für die Abschlussprüfungen. Doch etwas hält ihn immer wieder vom konsequenten Arbeiten ab. Er weiß nicht, wie es nach dem Abitur weitergehen soll. Er hat keinen Schimmer, welchen Beruf er einmal erlernen will, welches Studium für ihn dran wäre. Und plötzlich in einem Gespräch mit einem Bekannten öffnet sich das Fenster. Er hat den Eindruck, ja, das ist es, das möchte ich werden, das will Gott von mir.

Eine Frau in den besten Jahren kann sich über ihr Leben nicht beschweren. Sie ist recht glücklich, ausgefüllt und eigentlich zufrieden. Doch mehr und mehr empfindet sie ihren Alltag wie einen immerwährenden Kreisverkehr ohne Möglichkeit zum Abbiegen. Da hört sie in einer stillen Stunde deutlich den Ruf Jesu zu einer neuen Aufgabe. Sie fühlt sich wie vor einem offenen Fenster, durch das frische Luft ins Zimmer weht. Eine Abfahrt im Kreisverkehr tut sich auf, Gott braucht sie.

Das letzte Buch der Bibel beschäftigt sich mit einem Fenster, das den Blick in die Zukunft freigibt. Es beschreibt die Zustände dieser Welt drastisch und ohne Beschönigung als eine Abfolge von schrecklichen Ereignissen, die ausgelöst sind durch die Trennung der Menschen von Gott. Der Seher Johannes bekommt nun mitten in den bedrängenden Zeiten der ersten systematischen Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Domitian von Gott ein Fenster geöffnet, durch das er eine andere Welt sehen kann. Er blickt auf Gott und den himmlischen Gottesdienst. Diese Sichtweise gibt ihm Antwort auf seine Fragen nach dem Warum, Wozu und Wohin.

Offenbarung 5,1-7

In der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, sah ich eine Buchrolle. Sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln verschlossen. Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit lauter Stimme fragte: "Wer ist würdig, die Siegel aufzubrechen und das Buch zu öffnen?" Aber es gab niemand, der es öffnen und hineinsehen konnte, weder im Himmel noch auf der Erde, noch unter der Erde. Ich weinte sehr, weil niemand würdig war, das Buch zu öffnen und hineinzusehen. Da sagte einer der Ältesten zu mir: "Hör auf zu weinen! Der Löwe aus dem Stamm Juda und Nachkomme Davids hat den Sieg errungen. Er ist würdig; er wird die sieben Siegel aufbrechen und das Buch öffnen." Da sah ich direkt vor dem Thron, umgeben von den vier mächtigen Gestalten und vom Kreis der Ältesten, ein Lamm stehen. Es sah aus, als ob es geschlachtet wäre. Es hatte sieben Hörner und sieben Augen; das sind die sieben Geister Gottes, die in die ganze Welt gesandt worden sind. Das Lamm ging zu dem, der auf dem Thron saß, und nahm die Buchrolle aus seiner rechten Hand. 

Im Thronsaal

Uns wird der himmlische Thronsaal vor Augen gestellt. Gott sitzt auf dem Thron, sein Hofstaat, bestehend aus den 24 Ältesten, vier Wesen, die wie Menschen aussehen, und einer großen Schar von Engeln um ihn herum. Der Seher Johannes ist als Augenzeuge und Übersetzer dieser Szene dabei. Gott trägt in seiner rechten Hand eine versiegelte Buchrolle. Dass er sie in der Rechten trägt, ist ein Zeichen, dass sie Gutes beinhaltet und Heil bringen soll. Diese Buchrolle ist einem amtlichen Schreiben vergleichbar, denn es ist beidseitig beschriftet, wie es damals bei offiziellen Schriftstücken üblich war. In dieser Rolle ist die ganze Weltgeschichte niedergeschrieben, so lässt es uns der Übersetzer Johannes wissen. Und Bibelkundige kennen das Schlusskapitel der Weltgeschichte, das himmlische Jerusalem, wo Gott bei den Menschen wohnt und Friede sein wird.

Gott könnte nun selbst die Siegel öffnen und die Weltgeschichte vorlesen, das bedeutet zugleich, sie ablaufen lassen bis zum Schlusskapitel. Man kann sich fragen, wieso er nicht selbst handelt, sondern darauf wartet, dass seine Schöpfung dieses Buch lesen will. Hier wird Grundsätzliches zum Verhältnis von Gott und Mensch gesagt. Gott könnte uns seinen Willen jeden Tag vorlesen wie ein "Wort zum Tag". Er könnte uns seinen Willen implantieren oder durch Genmanipulation sogar als Erbgut mitgeben. Doch er schuf den Menschen zu einem freiwilligen Wesen, das selbst auf Gottes Anruf antworten kann. Gott will gefragt werden. Gott will, dass seine Menschen seinen Willen selbst lesen wollen.

Der Seher weint, als er erkennt, dass niemand sich für Gottes Willen interessiert. Seit Adam und Eva ist die Kluft so breit, dass niemand so nah an dieses Buch mit sieben Siegeln kommt, um es von Gott erbitten zu können. Der Himmel ist verschlossen. Johannes weint und wir können in diesem Weinen Maria und Martha entdecken, die am Grab ihres toten Bruders Lazarus weinten. Auch für sie war der Himmel verschlossen. Der Tod schien endgültig (Johannes 11). Auch die Mutter des jungen Mannes aus Nain gehörte zu den Weinenden. Auch ihre Zukunft wurde durch den Tod des Sohnes jäh abgebrochen.

Der Seher wird aus seinem Weinen herausgerissen. Da ist einer, der die Buchrolle nimmt und öffnen kann. Es ist der schon lang angekündigte Retter Jesus. Gott beauftragte seinen Sohn Jesus, das Fenster zum Himmel Fenster nach obenfür uns zu öffnen, das Buch für uns in Empfang zu nehmen und die Weltgeschichte auf das große Ziel hin zum Laufen zu bringen.

Jesus ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Er ist das Verkehrsschild in der Nebelnacht, der Ratende für den Abiturienten, der Rufende, der die Frau aus dem Kreisverkehr holt. Mit ihm ist Gottes Wille nicht länger unter Verschluss, sondern eindeutig und für alle Menschen erkennbar.

Das neue Lied

Jesus öffnet, löst und erlöst. Darauf antwortet der himmlische Hofstaat vor den Augen des Sehers mit drei Lobpreisliedern:

"Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel aufzubrechen! Denn du wurdest als Opfer geschlachtet,
und mit deinem vergossenen Blut hast du Menschen für Gott erworben, Menschen aus allen Sprachen und Stämmen, aus allen Völkern und Nationen. Zu Königen hast du sie gemacht und zu Priestern für unseren Gott;
und sie werden über die Erde herrschen." 

"Würdig ist das geopferte Lamm, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Ruhm und Preis!"

"Preis und Ehre, Ruhm und Macht gehören ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm, für immer und ewig." 

Die 24 Ältesten reden Gott mit "DU" an. Sie gehören zum innersten Kreis um Gott und haben eine persönliche Beziehung zu ihm. Die Engel reden von Gott in der 3. Person. Sie haben als Boten Gottes offenbar die Aufgabe, anderen etwas von ihm weiterzugeben. Sie sind die Evangelisten des Hofes. Als dritte Gruppe singen alle Befreiten ihr Loblied. Sie hatten unter den Folgen der Sünde gelitten und sind nun frei.

Folgen

Aus dieser Schau durch das Fenster zum himmlischen Gottesdienst ergeben sich Konsequenzen für uns. 
Die Weltgeschichte ist keine Abfolge von Erfolgsgeschichten hin zu immer mehr Frieden und Menschlichkeit, sondern sie war und ist voller Schrecken. Sie ist Welt ohne Gott, hingegeben an Mächte, die zum Untergang führen. Sie toben sich aus in Eroberungen, Kriegen, Hungerkatastrophen, Seuchen, Erdbeben.

Doch Gottes Wille für diese Welt ist nicht ihr Untergang, sondern ihre Erlösung. Während noch die Kriege toben, Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mitten in der Friedensmission getötet werden, Menschen in Pakistan durch Erdbeben verursacht erfrieren, die Aids-Seuche einen ganzen Kontinent zu zerstören scheint, bietet Jesus sich an als Retter, der seine Welt erlösen will.

Das beginnt ganz klein und unscheinbar bei mir selbst. Er erlöst mich aus dem Griff der Zerstörung. Ich darf zu Gott "DU" sagen, für mich gilt Gottes Wille. Die Schrecken dieser Welt können mich von ihm nicht mehr vertreiben. Mein Leben ist kein Weg mehr durch Nebel, Unwissenheit und Langeweile, sondern hat einen Auftrag, wie die Engel von ihm zu erzählen, und kennt ein Ziel, mit ihm in Ewigkeit zu leben.

Das neue Lied, das ich anstimmen kann, ist heute schon Lobpreis inmitten des himmlischen Thronsaals. Mit diesem Lied kann ich mitten in meinem Alltag den Blick auf Gott richten, auf seine Liebe, seine Möglichkeiten und seinen Willen, mir Heil zu schenken. Das lässt mich Abstand zu meinen Befindlichkeiten gewinnen. Sie sind Teil der vergehenden Welt, sie müssen mich nicht in den Strudel des Untergangs mitreißen.

Gemeinschaft mit Jesus Christus

Lobpreis ist ständige Gemeinschaft mit Jesus Christus. Wie gestalten wir diese Gemeinschaft? Ist sie für uns nur eine Zweckgemeinschaft, durch die wir unsere Ziele erreichen können? Oder kann Jesus durch diese Gemeinschaft auch seine Ziele mit uns erreichen? Ich betrachte mich kritisch und stelle fest, dass ich oft den himmlischen Thronsaal betrete und meine Lasten abladen will, meine Fragen beantwortet haben will, meine Interessen im Vordergrund sehe. Ich missbrauche die Gemeinschaft.

Ich wünsche mir, den Thronsaal zu betreten und bereit zu sein für Jesu Anliegen. Will er mir eine Last übergeben, die ich mit einem anderen teilen soll? Will er mir einen Auftrag geben, zu dem ich ohne ihn niemals Ja sagen würde? Will er mir klarmachen, dass ich dringend eine lieb gewordene Gewohnheit aufgeben soll, weil sie mich zu stark an die vergehende Welt bindet? Wenn das neue Lied bedeutet, mit Jesus im Geben und Nehmen zusammen zu sein, dann will ich mir die beiden Schwestern Maria und Martha (Lukas 10) als Vorbild nehmen, die beides zum Ausdruck bringen, das Geben und das Nehmen in der Gemeinschaft mit Jesus.

Gebet

Lobpreis ist Gebet als ein unmittelbares Sprechen mit Jesus. In Nebelsituationen dürfen wir ihn anrufen und wissen, dass er uns den Ausweg zeigen wird. Doch das ist in meinem Leben oft Theorie. Natürlich weiß ich, dass Jesus die Weltgeschichte in seiner Hand hält und mir zeigen wird, wie es für mich weitergeht.

Aber verlasse ich mich darauf? Höre ich wirklich hin, wenn er mir aus der Buchrolle vorliest? Ich ertappe mich dabei, dass ich nur dann ernsthaft hinhöre, wenn es mit meiner Meinung in etwa übereinstimmt. Was ich nicht hören will, blende ich aus. Ich möchte bestätigt, aber nicht erschüttert werden. Ich möchte gestreichelt, aber nicht geschubst werden. Ich möchte hören, dass ich genau richtig bin und die anderen falsch. Ich ertrage es nicht, als Falschfahrer ertappt zu werden. Aber Jesus braucht nicht mit mir zu reden, wenn ich mich nicht auf seine Korrekturen einlasse. Das neue Lied im Gebet meint, dass ich Jesus zuhöre, auch wenn es unbequem ist, und erwarte, dass er mich von innen her verändern will.

Probleme

Ja, mag manche und mancher denken, neue Lieder kann ich gerne singen, wenn es mir überhaupt zum Singen zu Mute ist. Aber ich stecke mitten in Beziehungskisten und habe alle Freude zum Singen verloren. Ich kann mich noch so ändern, die anderen werden es nicht merken, wir sind so verstrickt in Probleme, dass sich das einfach nicht mehr entwirren lässt.

Ich meine, dass die Perspektive aus dem himmlischen Thronsaal auf unser Leben uns gewaltig helfen kann. Denn entsprechend der Weltgeschichte, die von Sünde beherrscht wird, ist auch unser Leben und sind unsere Beziehungen darin verstrickt. Probleme und Krisen gehören dazu. Weil Jesus sie angenommen hat, für sie gestorben ist, so nimmt er auch meine Probleme an, ist für sie gestorben. Er will mir eine Schere in die Hand geben und ermutigt mich, die Fäden, die verfilzt sind, einfach durchzuschneiden. Wie er vergeben hat, so kann auch ich vergeben und neu anfangen, mit mir, mit anderen, mit Gott.

Es wird eine Zeit dauern, bis ein wärmender Pullover entstanden ist. Was abgeschnitten ist, muss heilen und sich auch erst wieder als tragfähig erweisen. Aber der erste Schritt, die Fäden abzuschneiden, ist meine Aufgabe, Jesus gibt mir die Kraft. Er lässt mich das neue Lied der Vergebung singen, das ich von ihm lerne.

Der Seher Johannes nimmt uns mit in eine neue Welt. Dort erfahren wir Gottes Willen. Gott will durch seinen Sohn Jesus Christus, den Erstgeborenen der Schöpfung, lösen und erlösen. Die Schrecken dieser Zeit hat er angenommen, er ist für sie gestorben. Sie haben nicht das letzte Wort, die Sünde ist besiegt.

Noch sind wir nur Besucher im himmlischen Thronsaal. Doch mit den Engeln haben wir die großartige Aufgabe, von unserem Herrn den Menschen zu erzählen, die mit uns unter der Not, dem Elend und dem Tod leiden. Wir können sie ermutigen, Jesus zu vertrauen und in das neue Lied mit einzustimmen.

Cornelia Trick


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