Worauf warten Sie?
Gottesdienst am 19.12.1999
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Schienen im Bahnhofin diesen Tagen ist auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt viel los. Leute kommen und gehen, warten auf ihre Züge, die sie ins Geschäft, in den Feierabend, in die Ferien bringen. Manche warten auch gar nicht auf etwas Bestimmtes. Sie stehen einfach herum, ja warten vielleicht auf eine neue Dosis Betäubungsmittel, um das Elend zu ertragen.
Ich möchte jetzt ein paar typische Bahnhofsmenschen fragen, worauf sie warten:
Da ist eine gut gekleidete Dame Mitte 60 mit großer Reisetasche. Worauf warten Sie? "Ich warte auf den Zug zu meinen Kindern. Er hat so viel Verspätung und ich frage mich, ob ich hier überhaupt noch wegkomme. Dabei hält mich hier nichts, viel zu einsam in meiner Wohnung für die Feiertage!"
Da ist ein Herr mit Aktentasche. Er steht unruhig da. Worauf warten Sie? "Ich will endlich nach München fahren. Habe da eine ganz wichtige Besprechung, wie wir weiter arbeiten können. Das Warten hier macht mich verrückt."
Da steht ein Junge mit Pommes in der Hand. Er scheint es hier auf dem Bahnhof so richtig zu genießen. Na, worauf wartest du denn? "Ich schaue mir so gerne die ICEs an. Zu Weihnachten wünsche ich mir so einen Zug für meine Modelleisenbahn. Hoffe nur, dass ich die auch bekomme."
Da sitzt ein Typ auf dem Boden, neben ihm eine Tasche und ein Schlafsack. Er schaut nicht auf, scheint auf nichts zu warten. Worauf warten Sie denn? "Reden Sie mit mir? Ich warte auf meinen Kumpel, wollte mir was zum Rauchen besorgen. He, haste ne Mark für mich?"
Und ein paar Schritte weiter steht eine junge Frau ohne Gepäck, nur mit einer roten Rose in der Hand. Worauf warten Sie? "Ich warte auf meinen Freund. Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen. Ich bin wahnsinnig aufgeregt auf das Wiedersehen. Hoffentlich vertragen wir uns noch."

Irgendwo stehen auch wir zwischen diesen Leuten - mit Taschen bepackt oder mit leeren Händen. Freudig erwartend oder ungeduldig herumschimpfend, angespannt, ängstlich oder verschüchtert, vielleicht sogar mutlos und ohne Perspektive. Bahnhofssituationen gibt es nicht erst seit Erfindung der Eisenbahn, sie sind so alt wie die Menschheit selbst. Leute warten, hoffen - und es ereignet sich, das Erwartete kommt!

Eine solche Bahnhofssituation wird im Alten Testament vom Propheten Jesaja beschrieben. Das Volk Israel hatte politisch völlig versagt. Ergebnis war die Übernahme durch die Babylonier und Exilierung eines großen Teils der Bevölkerung nach Babylon. Die Leute interpretierten diesen politischen und persönlichen Zusammenbruch so: Weil wir nicht mehr auf Gott gehört haben, ihm nicht mehr alles anvertraut und alles zugetraut haben, hat er uns ins Unglück rennen lassen. Es geschieht uns zurecht, dass wir zerstört sind und weit weg von unserer Heimat. Und nun saßen die Leute in Babylon wie in einer großen Bahnhofshalle und warteten auf eine Veränderung. Sie erinnerten sich an alles Gute, dass sie von diesem Gott Israels schon empfangen hatten und hofften, dass Gott eben auch diesmal eingreifen würde. Natürlich mischte sich in ihre Hoffnung auch hier und da Verzweiflung und Resignation. Wer kann angesichts des Elends in einem Ghetto weit ab der Heimat immer nur hoffen! In diese Stimmung sprach der Prophet Jesaja als Botschafter Gottes. Es war, als ob - bildlich gesprochen - ein Zug in die Bahnhofshalle Babylon einfuhr, Jesaja ausstieg und die Ankunft des Heimkehrerzuges ankündigte. 

Jesaja 41,8-14
Gott steht zu seinem erwählten Volk

8 Der HERR sagt: "Israel, du Volk Jakobs, das ich erwählt habe, damit es mir dient, du Nachkommenschaft meines Freundes Abraham! 
9 Du weißt: Aus dem fernsten Winkel der Erde habe ich dich gerufen und herbeigeholt, ich habe zu dir gesagt: 'Du stehst in meinem Dienst!' Ich habe dich erwählt, und ich habe dich auch jetzt nicht verstoßen.
10 Fürchte dich nicht, ich stehe dir bei! Hab keine Angst, ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ich helfe dir, ich schütze dich mit meiner siegreichen Hand! 
11 Alle, die gegen dich wüten, werden in Schimpf und Schande dastehen; alle, die dir dein Lebensrecht streitig machen, werden zugrunde gehen. Fürchte dich nicht! Ich habe dich erwählt, ich mache dich stark, ich helfe dir, ich schütze dich, ich fasse dich bei deiner Hand.
12 Du wirst dich nach ihnen umsehen, aber sie nicht mehr finden; alle deine Feinde verschwinden und werden zu nichts.
13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, ich fasse dich bei der Hand und sage zu dir: Fürchte dich nicht! Ich selbst, ich helfe dir!
14 Fürchte dich nicht, Israel, du Nachkommenschaft Jakobs! Auch wenn du so schwach und hilflos bist wie ein Wurm, den man zertritt - ich, der HERR, helfe dir; darauf gebe ich dir mein Wort. Ich, der heilige Gott Israels, bin dein Befreier." 

Jesus kommt in die Bahnhofshalle

Was für eine großartige Zusage: Fürchte dich nicht! Ich habe dich erwählt, ich mache dich stark, ich helfe dir, ich schütze dich, ich fasse dich bei deiner Hand.
Gott ist nicht nachtragend. Er steht zu seinen Zusagen - wer konnte je daran zweifeln? Und die Geschichte gab dem Propheten Recht. Schon wenige Jahre später trat ein neuer Herrscher auf den Plan, der die Vertriebenen nach Hause ziehen ließ. Ihre Heimat durften sie wieder aufbauen.
Was für eine großartige Zusage heute für uns Bahnhofsmenschen. Da kommt der Sonderzug Gottes in unseren Bahnhof eingefahren, der vom Propheten Jesaja schon angekündigte Sohn Gottes steigt aus und sucht uns auf in der Situation, in der wir gerade stecken. Anders als die Nikoläuse und Weihnachtsmänner dieser Tage will er nicht erst ein Gedicht von uns hören und auch nicht die guten Taten aufgezählt bekommen. Er interessiert sich für unser wirkliches Leben, für die Erfolge und die Pleiten, für die Stärken und die Schwächen, für Heilungen und Verletzungen, für Versöhnung und Zerbruch. Er fragt direkt und unausweichlich: "Wo kommst du her und wo willst du hin? Wovor läufst du gerade auf diesem Bahnhof weg? Ist es die Einsamkeit, der Stress, ist es Prüfungsangst oder Beziehungsnot, ist es die pure Langeweile, die dich weg treibt oder gar eine Stimmung von No future und Null Bock?" So direkt stellt er die Fragen. Vielleicht müssen wir da erst einmal ein bisschen darüber nachdenken. Was ist es, das uns zum Bahnhof treibt? Und schon kommt seine nächste Frage: "Willst du überhaupt Hilfe oder bist du selber stark?" An dieser Stelle, glaube ich, beenden viele Bahnhofsmenschen abrupt das Gespräch. Es ist ja durchaus üblich und sogar modern, einander von den inneren Gefühlen und Nöten zu erzählen. Das geschieht in öffentlichen Fernseh-Talkshows genauso wie beim Frisör. Aber nur selten erlebe ich, dass jemand wirklich Hilfe möchte, die weiter führt und verändert. Mit den Sorgen und Nöten zu leben ist vielleicht schon so vertraut, dass eine Veränderung oder gar Heilung erstmal Angst macht. Und ich ertappe mich ja selbst dabei, dass ich viel lieber über die wöchentliche Putzaktion stöhne, als konkrete Hilfe anzunehmen. Da sage ich dann schnell: "Ach, so schlimm ist es auch wieder nicht, ich schaffe es schon allein. Eigentlich will ich meinen Dreck am liebsten selbst weg putzen." Also diese Frage Jesu, ob wir wirklich Hilfe wollen auf dem Bahnhof unseres Lebens, ist heikel. Deshalb schließt er auch gleich die nächste an: "Hast du mit mir, Jesus, schon etwas erlebt?" Noch nichts? Dann wird es höchste Zeit, Jesus eine Chance zu geben. Nur Langeweile und religiöse Pflichterfüllung in der Konfirmanden- oder Kommunionszeit? Dann wird Jesus alles daran setzen, neuen Schwung in die Beziehung zu bringen. Vielleicht ist da auch jemand, der antwortet: "Ja, ich habe etwas mit Jesus erlebt. Ich war ganz tief unten, da hat er mich aufgesucht und mir Mut gemacht und darauf - worauf sonst - habe ich vertraut. Seither ist er  nicht von meiner Seite gewichen." 
Jesus geht direkt auf die Bahnhofsmenschen zu, er spricht sie auf ihr Leben an und er erwartet Antwort.

Reaktion der Bahnhofsmenschen

Wie sieht wohl die Reaktion aus?
Jesus bietet an: "Fürchte dich nicht, ich habe dich erwählt, ich mache dich stark, ich helfe dir, ich schütze dich, ich fasse dich bei der Hand. Also du gehörst zu mir, du stehst unter meinem persönlichen Schutz, es gibt einen Ausweg und einen Weg in die Zukunft, ich befreie dich."
Eigentlich könnte man annehmen, dass bei einem solchen Angebot alle herbei strömen und Jesus die Hände entgegen strecken: Ich zuerst - nimm mich an die Hand - hier bitte noch meine Freundin, mein Mann ---
Doch wird es erfahrungsgemäß ganz anders sein. Das Angebot Jesu wird sogar über Lautsprecher ausgerufen, einzelne Werbefachleute gehen mit der Message über die Bahnsteige, aber nur sehr vereinzelt kommen Leute zu Jesus. Die, die ihn schon kennen, die sich bei ihm bedanken wollen, die sich freuen, dass er mal wieder so eine Bahnhofsaktion startet. Weil nur so wenige zu ihm kommen, macht er sich auf und geht auf die Bahnsteige, er tippt den Leuten auf die Schulter und spricht sie persönlich an. Manche werden bestimmt nach einem Ausweis fragen und kühl abwehren, dass sie schon kommen würden, wenn sie etwas bräuchten. Manche werden sagen, sie können ihr Gepäck gut allein tragen und wissen auch genau, wo die Reise hingeht. Manche werden bemerken, dass sie zwar von Jesus schon mal gehört haben, ihn aber nie persönlich kennen gelernt haben und jetzt ist vielleicht in der Hektik der Vorweihnachtszeit auch nicht der richtige Zeitpunkt. Manche aber werden erstaunt und verwundert aufschauen und fragen, ob sie wirklich persönlich gemeint sind und ob es für sie tatsächlich eine Zukunft geben soll.
Jesus setzt alles daran, um mit Bahnhofsmenschen in Kontakt zu kommen. Er nimmt sich Zeit für die negativen Erinnerungen und die vielen Fragen, er wird nicht müde, das Gepäck zu tragen und die Ohren aufzusperren. Er wird nur sehr, sehr traurig, wenn er abgewiesen wird, obwohl er sieht, dass jemand auf der Flucht ist, vor sich selbst oder vor andern. Jesus setzt alles daran, um uns aufmerksam zu machen auf seinen Zug, der durchfährt bis zur Ewigkeit.

Folge: Aufbruch und Mut

Sie hören heute wieder die werbenden Worte: "Ich habe dich erwählt, du gehörst zu mir, deshalb fürchte dich nicht!" Und hoffentlich lassen Sie sich helfen und mitnehmen. Die möglichen Folgen können so aussehen:
Für die Frau mit dem großen Koffer, die der Einsamkeit zu Hause entfliehen wollte. Mit Jesus unterwegs sein, führt sie in eine Gemeinde, wo sie andere Christen und Christinnen trifft, mit ihnen den Alltag und den Sonntag teilt und auf einmal viele neue Aufgaben entdeckt, die ihr Gott in die Hand drückt. Sie erfährt Mut und Stärkung im Gebet, das ihre Einsamkeit vertreibt.
Für den Mann mit seinem Aktenkoffer, der unruhig auf den Geschäftstermin wartet. Zu ihm sprechen die Verse 11-13 
(Alle, die gegen dich wüten, werden in Schimpf und Schande dastehen; alle, die dir dein Lebensrecht streitig machen, werden zugrunde gehen. Du wirst dich nach ihnen umsehen, aber sie nicht mehr finden; alle deine Feinde verschwinden und werden zu nichts. Denn ich bin der HERR, dein Gott, ich fasse dich bei der Hand und sage zu dir: Fürchte dich nicht! Ich selbst, ich helfe dir!) sehr persönlich. Er bittet Jesus um Weisheit von oben. Er sieht mit Gottes Hilfe im Rücken seinen Kontrahenten ins Gesicht. Er wird standfest, seine Position zu vertreten und dabei den Leuten nicht nach dem Mund zu reden. Er weiß, dass er letztlich nur einen Chef hat. Dem ist er verantwortlich.
Für den Jungen, der Weihnachten kaum erwarten kann. Er gibt uns die Anleitung, wie wir Weihnachten entgegen sehen können: erwartungsvoll, mit Vorfreude und mit einer tiefen Gewissheit, dass Gott uns beschenken wird - vielleicht nicht mit einer Modelleisenbahn, aber mit seiner Gegenwart und dem Frieden, der uns aufatmen lässt.
Für den Penner mit Schlafsack. Er fordert uns eigentlich heraus, alles stehen und liegen zu lassen, um sich seiner anzunehmen. Er braucht Hilfe, er braucht die Hand Jesu, die ihn befreit von allem, was ihn auf die Straße gebracht hat. Wir können nicht genug die Leute aus unserer Gemeinde unterstützen, die sich bei der Obdachlosenarbeit in Frankfurt engagieren. Sie sind unsere Vorposten in der Bahnhofshalle. Sie sind keine Alibileute, die das schon für uns regeln, sondern Teil von uns und wir alle haben etwas dazu beizutragen, auch wenn wir nicht selbst aktiv in dieser Arbeit sind. Wir können sie in unseren Gebeten unterstützen, ihnen ermutigende Zeichen der Begleitung geben, wir können überlegen, wo wir persönlich unseren Botschafterposten in der Bahnhofshalle sehen. Genug Posten gibt es da.
Für die Frau, die aufgeregt auf ihren Freund wartet. Auch bei der Beziehungskiste ist Jesus voll dabei, von Anfang an, nicht erst, wenn die Scherben geflickt werden müssen. Jesus gibt die Mitte, er hilft uns, Kritik zu ertragen und positiv umzusetzen. Er gibt im Gebet die Chance zur Versöhnung und zum neuen Anfang. Er ist die Quelle der Liebe, die eine Beziehung wachsen lässt und sie in die Umgebung wirken lässt. 

Advent ist eine gute Zeit für Bahnhofsmenschen aller Art. Jesus kommt in unsere Welt. Er bietet uns alles an, was wir brauchen. Er macht uns stark für das Leben hier und jetzt und gibt uns die Fahrkarte, über unser Leben hinaus bei Gott zu sein.
Und wenn Sie bis jetzt die Ankunft nicht bemerkt haben, es ist noch Gelegenheit, die Hand zu erfassen, die uns Heil und Frieden, Stärke und Standfestigheit eröffnet. Jesus wartet auf Antwort.

Cornelia Trick


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