Wie können wir überleben?
Gottesdienst am 27.08.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
der britische Physiker Stephen Hawkings stellte vor sechs Wochen die Frage ins Internet-Forum von Yahoo "In einer Welt, die politisch, sozial, ökologisch im Chaos ist, stellt sich die Frage, wie kann die Menschheit die nächsten 100 Jahre überleben?“ Darauf antworteten über 29.000 Menschen, er selbst sagte von sich, er wüsste die Antwort nicht, vermutete aber, dass das langfristige Überleben nur sicher sei, wenn die Menschheit ins Weltall Milchstraßeausschwärmt zu anderen Sternen. (Quelle: Die Zeit vom 17.8.06)

Ich habe in der Bibel nach einer Antwort gesucht, die für mich eine Leitlinie sein kann. Sagt Jesus etwas zu diesem Thema?

Zuerst stellte ich fest, dass es Jesus nie darum ging, dass Menschen möglichst lange in dieser Welt lebten. "Wer Leben gewinnen will, wird es verlieren. Wer Leben verliert um Jesu willen, wird es gewinnen." So lautete sein Überlebensmotto. Leben nur um zu überleben ist kein Wert an sich. Aber Jesus sagte sehr viel zu einem lohnenswerten Leben. So führte er aus, dass ein lohnenswertes Leben bedeutet, dass Gott in diesem Leben anwesend ist, seine Kraft zum Ausdruck kommt, ein Mensch von seinem Heiligen Geist erfasst und von ihm durchdrungen ist. Jeder Augenblick eines solchen Lebens ist Ausdruck des Reiches Gottes, Ausdruck dessen, wie Gott sich unser Leben hier auf der Erde vorgestellt hat.

Jesus sagte auch etwas zur Begrenzung des Lebens auf dieser Erde. Er sprach davon, dass er wiederkommen wird am Ende der Zeit und alle Welt erkennen wird, dass er im Auftrag Gottes kommt. Wer Jesus schon kennt, wird an diesem Tag von Jesus in die Ewigkeit geholt werden. Er oder sie wird überleben, nicht nur 100 Jahre. Wer Jesus nicht kennt, wird mit seinem Zug buchstäblich an die Betonmauer fahren, ob in 100 Jahren oder wann auch immer Gott den Zeitpunkt festsetzt, an dem Jesus wiederkommen wird.

Es sind ernste Worte, die Jesus uns aufgibt. Aber sie treffen unsere Frage ins Mark. Wenn wir uns heute ernsthaft fragen, wie wir im Chaos dieser Zeit und ihrer ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen überleben können, greift es zu kurz, Programme und Aktionen zu starten, die oft an unserem Egoismus scheitern. Die Perspektive Gottes ist unbedingt einzubeziehen. In den nächsten 100 Jahren wird es darauf ankommen, Jesus zu kennen, ihm nachzufolgen und ihm in allen Entscheidungen, Planungen und Strategien im Großen und Kleinen Raum zu geben. Je mehr Menschen es tun, je mehr Menschen wird Jesus bei seinem Wiederkommen antreffen, die zu ihm gehören und im wahrsten Sinne des Wortes überleben werden.

Gleich nach Jesu ernsten Worten zum Zukunftsgeschehen der Welt (Lukas 17, 20-37) erzählt er ein Gleichnis, das scheinbar gar nichts mit den großen Entwürfen der nächsten 100 Jahre zu tun hat. Es ist ein Gleichnis, das das sehr persönliche Verhältnis einer armen Frau am Rand der Gesellschaft beschreibt, die um ihr Recht kämpft. Im Zusammenhang mit Jesu Rede vom Weltende bekommt diese Geschichte aber auch eine Bedeutung weit über ein einzelnes Leben hinaus. Sie ist Anleitung, wie wir als Einzelne die nächsten 100 Jahre gestalten sollen und wie es gelingt, Jesus nicht aus den Augen zu verlieren.

Lukas 18,1-8

Jesus sagte zu den Jüngern ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: 
Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er's bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

Das Gleichnis

Jesus erzählte das Gleichnis aus der Perspektive eines Menschen, der ohne Erfolg um sein Recht kämpfte und von der Stelle, die eigentlich für sein Recht einzustehen hatte, im Stich gelassen wurde. Diese Perspektive teilen auch 2006 einige Leute. Sie fühlen sich um ihre Lebenschancen betrogen. Vielleicht ist der Job weg, die Frau bei einem anderen, die Wohnung gekündigt. Vielleicht bricht das Chaos ihres Lebens noch an ganz anderen Stellen auf, sie leiden an einer unheilbaren Krankheit, die Kinder spielen verrückt, die Geldnot schnürt ihnen die Kehle zu. Sie sehen nur noch einen Ausweg, das Gebet zum lieben Gott: "Da hilft nur noch beten." Der hilft auch nicht, sondern scheint für ihre Belange taub zu sein. Entweder ist er ungerecht und bevorzugt die Reichen und Schönen ohne Probleme oder es gibt ihn gar nicht. Viele dieser Betenden wenden sich entmutigt von Gott ab. 

Jesus holt uns mit diesem Gleichnis bei unseren Erfahrungen ab. Er schildert den wirklich ungerechten Richter ohne Moral, ohne Respekt, ohne Leitbild. Doch dieser ungerechte Richter geht in sich und führt ein Selbstgespräch. Er entschließt sich, der Witwe Recht zu geben. Nicht aus Motiven der Gerechtigkeit, sondern um endlich Ruhe vor ihr zu haben.

Jesus blieb bei diesem ungerechten Richter nicht stehen. Er sagte nicht: Seht, so ein ungerechter Richter ist Gott. Er stellt sich taub, aber irgendwann will er seine Ruhe haben und schenkt euch dann alles, was ihr wollt. Jesus rief in Erinnerung, dass Gott sich uns erbarmen möchte, dass er nichts lieber will, als dass wir als seine Kinder alles bekommen, was wir brauchen. Jesus machte deutlich: Der Richter der Witwe war nicht taub, obwohl er ungerecht war. Wie sehr wird erst der Vater im Himmel hinhören, wenn wir unsere Bitten vor ihn bringen. Wie sehr wird sich der Vater im Himmel unsere Not zu Herzen nehmen, dass wir vor lauter Chaos schon in den Weltraum auswandern wollen. Doch das können wir lernen von der Begegnung der Witwe mit ihrem Richter. Das Entscheidende tut Gott. Sein Beschluss, uns zu helfen, ist seine Sache und von uns nicht herbei zu zwingen. Unsere Aufgabe dabei ist nur, mit ihm in Kontakt zu bleiben und nicht die Hoffnung aufzugeben, dass er hört und erhört. So ist Gebet nach diesem Gleichnis auch kein immerwährendes Treten gegen einen Gebetsautomaten, der das Gewünschte erst auf heftige Tritte hin ausspuckt, sondern Gebet ist Beziehung und Dranbleiben, Hoffnung und Erwartung, dass Gott handeln wird.

Gebet und Entmutigung

Wie überlebe ich im Chaos meines Lebens und warum antwortet mir Gott nicht? Diese Frage höre ich in Gesprächen immer wieder. Da erzählt mir ein Mann mit großer innerer Bewegung: Ich habe Gott vertraut, aber als ich von einem Christen tief enttäuscht wurde, habe ich den Kontakt verloren. Ich habe so oft gebetet, dass Jesus wieder sichtbar in mein Leben kommt, aber nichts ist geschehen. Ich habe es aufgegeben. Eine Jugendliche erzählt davon, wie sie bei anderen bewundert, wie sie glauben können. Obwohl sie in einer christlichen Familie aufgewachsen ist, ist ihr Jesus nie begegnet. Irgendwann hat sie aufgegeben, nach ihm Ausschau zu halten. Eine Bekannte von mir betete Jahre lang für ihren Mann, der sich zu ihrem Glauben ablehnend verhielt. Aber statt dass er zum Glauben kam, hat er jetzt die Scheidung eingereicht.

Wie können solche Erfahrungen mit dem Zeugnis der Bibel zusammen gebracht werden, dass Gott nicht taub ist, sondern alles für uns tun will, um uns ganz nahe zu sein?

In seinem Buch "Aufbruch zur Stille" erzählt der Autor Bill Hybels von einem alten Lehrer, der ihm einmal auf die Frage, warum Gott die eine Bitte erhört und die andere nicht, antwortete: Es gibt mindestens vier mögliche Antworten Gottes auf eine Bitte: Ja, Nein, Noch nicht, Wachse!

Ja - das ist der Idealfall. Ich bitte um Hilfe, und Gott antwortet umgehend. Wenn ich mir einige dieser Gebetserhörungen in Erinnerung rufe, wird mir deutlich, dass mir Gott häufig damit sagen wollte: "Ich zeige dir mit dieser Erhörung, dass ich für dich da bin. Vertraue mir deshalb auch in den Fragen, auf denen du noch keine Antwort hast." Und ich muss mir auch eingestehen, dass ich diese Erhörungen schnell wieder vergesse. Sie werden dann zu Alltagserfahrungen  fast wie "Glück gehabt" - ohne sich dauerhaft als Erinnerungsstück in meinem Leben festzusetzen. Würde Gott immer gleich antworten, wäre es wohl schädlich wie die Apfelsaftnuckelflasche für Milchzähne.

Nein - das ist das andere Extrem. Jesus sagte zu seinen Jüngern öfter Nein. Er versprach Johannes und Jakobus nicht einen Ehrenplatz im Himmel, er verbot bei einigen Heilungen den Geheilten, für ihn Reklame zu machen. Er ließ Petrus keine drei Hütten auf dem Berg der Verklärung bauen. Immer sagte Jesus Nein zu Bitten, die eindeutig egoistische Beweggründe hatten. Ich bin daraufhin meine persönliche Gebetsliste durchgegangen und habe festgestellt, dass sich viele meiner Bitten um sehr egoistische Anliegen drehen. Ich habe sie rot markiert. Nicht, dass ich sie gleich aus meiner Gebetsliste aussortiere, denn ich weiß, dass Jesus sich auch für meine egoistischen Anliegen interessiert. Aber diese Bitten sind sozusagen auf der Beobachtungsstation. Ich möchte auch das Nein hören und dann die Bitte von der Liste nehmen - ohne Verbitterung, aber mit der tiefen Gewissheit, wieder mehr von Gottes Willen für mein Leben gelernt zu haben.

Noch-nicht - diese Antwort Gottes ist schwer auszuhalten. Sie ist die Antwort, die die Witwe lange bekam und die so leicht zur Entmutigung und zum Abschalten führen kann. Ich habe es schon erlebt, dass jemand auf mich zukam und mir ganz glücklich dankte, dass ich die ganze Zeit für ihn gebetet hätte und Gott das Gebet nun erhört hat. Ich musste eingestehen, dass ich nicht die ganze Zeit gebetet hatte, sondern leider sehr bald das Anliegen aus den Augen verloren habe. Dagegen kam ich nach einem Jahr wieder in die Kirchengemeinde, die wir während unseres Urlaubs immer besuchen. Eine Frau, deren Namen ich mir noch nicht einmal gemerkt hatte, kam auf mich zu und sagte mir, sie habe das ganze Jahr über für mich und meine Familie gebetet und wie es mir in den und den Monaten gegangen wäre, da hätte sie ganz intensiv für uns gebetet. Ich muss sehr rot geworden sein, weil ich für sie kein einziges Mal gebetet hatte, sie aber genau in den Monaten besonders an uns dachte, wo wir es nötig brauchten.

Wie können wir uns helfen, dran zu bleiben an den Anliegen, sie nicht aus dem Blick zu verlieren, unseren Glauben an Gottes Eingreifen nicht an den Nagel zu hängen? Ich helfe mir mit einem Gebetstagebuch, in dem ich die Anliegen festhalte und weitertrage. Ich habe von anderen gelernt, die jeden Tag drei Anliegen ihrer inneren oder geschriebenen Listen intensiv vor Gott bringen. Ich profitiere von regelmäßigen Gebetsgemeinschaften von anderen, die mir neue Perspektiven und Anliegen wichtig machen, aber auch von Erhörungen berichten, die mir Mut machen, weiter zu beten.

Wenn Gott Gebete noch-nicht erhört, dann oft, weil er uns damit eine wichtige Botschaft geben will: wachse! Im Jugendkreis spielten wir vor ein paar Monaten ein Spiel, in dem die zukünftige Lebensplanung entwickelt wurde. Einige Mädchen äußerten, dass sie am liebsten sofort heiraten würden und dann bald Kinder haben wollten. Sie konnten es kaum erwarten, die Schule hinter sich zu bringen und für die Familie da zu sein. Mittlerweile haben die jungen Frauen ihre Schule beendet und keine einzige redet davon schnell zu heiraten. Sie beginnen ihre Ausbildung, fangen an zu studieren und wissen, dass vor dem Heiraten und Kinder Bekommen noch andere wichtige Lebensthemen stehen. Hätte Gott ihren Herzenswunsch damals sofort erfüllt, wäre es nicht gut für sie gewesen. Sie werden in ihre Rolle als Ehefrauen und Mütter noch hineinwachsen. So geht es uns in vielerlei Hinsicht. Wir denken zwar, gewisse Wachstumsschritte schnell überspringen zu können, doch Gott sieht auf unser ganzes Leben und kann am besten beurteilen, in welche Gebetserhörungen wir noch buchstäblich hineinwachsen müssen.

Wachsen müssen wir auch in unserem Glauben. Mit Jesus zusammen zu leben, bedeutet ja gerade nicht, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen. Leben mit Jesus zeichnet sich dadurch aus, dass wir in seine Wünsche hinein wachsen, unsere Wünsche verblassen und sein Wunsch für unser Leben immer mehr an Gewicht gewinnt. Das Gleichnis der bittenden Witwe lässt den Ausgang offen. Die Frau bekommt ihr Recht. Sieht es so aus, wie sie es sich vorgestellt und gewünscht hat? Oder sieht es ganz anders aus? 

Wachsen bedeutet auch, unser Leben zu ordnen. Stellen Sie sich vor, ich fange einen Streit mit den Nachbarskindern an, beschimpfe sie wüst, so dass sie sich völlig verschüchtert ins Haus flüchten. Eine halbe Stunde später klingele ich bei den Nachbarn und bitte um 2 Eier für meinen Kuchen. Werden die Nachbarn mir gerne 2 Eier geben? Oder nicht eher angewidert die Tür schließen, weil ich ihre Kinder so beschimpft habe? Wie oft entgleise ich im Verhalten zu meinen Mitmenschen oder in Gedanken über meine Mitmenschen. Wie mag Gott sich fühlen, wenn ich wenig später zu ihm komme und ihn bitte, mir aus der Patsche zu helfen? Genauso wie meine Nachbarn? Hier merke ich, dass manche nicht erfolgte Gebetserhörung mich auf mich selbst verweist. Ich habe Bedarf, meine Verhältnisse zu ordnen und konsequent in der Nachfolge Jesu auch in Bezug auf meine Mitmenschen zu sein.

Wie werden wir die nächsten 100 Jahre überleben? Jesus sagt uns, dass wir anhaltend beten und nicht nachlassen sollen. Gott wird uns begegnen und uns zeigen, was sein Wille für die nächsten Jahre ist. Seine Antworten auf unsere Gebete, sein Ja, Nein, Noch-nicht und Wachse! sind Hilfen, die uns zur Veränderung zwingen. Sie helfen uns auch, von uns selbst wegzusehen und die Belange dieser Welt in den Blick zu bekommen. Nicht in den Raumschiffen liegt die Lösung, sondern Jesus Christus ist die Lösung, der hier und heute mit seinem Geist Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wirken will.

Cornelia Trick


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