Vom Herrn berufen
Gottesdienst am 25.04.2010

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
letzten Sonntag erlebten wir mit den Jüngern, wie Jesus ihnen morgens am Ufer des Sees Genezareth begegnete (Johannes 21,1-14). In einer Phase von Resignation und Erfolglosigkeit lenkte der Auferstandene ihren Blick wieder neu auf sich, lud sie ein zum Mahl am Strand und vermittelte ihnen, dass sie mit seiner Hilfe fähig wurden, vielen Menschen Lebensmut, Hoffnung und die innige Verbindung zu Gott weiterzugeben. 

Merkwürdig war in der Erzählung, wie Petrus aus dem Fischerboot sich in die Fluten stürzte, um als erster ans Ufer zu Jesus zu kommen. Merkwürdig schon deshalb, weil sein dreimaliger Verrat an Jesus noch nicht aus der Welt geschafft war. Petrus war mutig, sich trotz der schwelenden Schuld Jesus entgegen zu werfen. Eine tiefe Sehnsucht nach Wiedergutmachung erspüren wir in dieser Szene, fast als wollte Petrus sagen: „Jesus, ich habe es doch nicht so gemeint. Natürlich will ich immer noch als erster ganz nah bei dir sein!“

Jesus reagierte. Er nahm nach dem Stärkungsmahl Petrus beiseite und sprach unter vier Augen mit ihm.

Johannes 21,15-23

Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!
Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, der auch beim Abendessen an seiner Brust gelegen und gesagt hatte: Herr, wer ist's, der dich verrät? Als Petrus diesen sah, spricht er zu Jesus: Herr, was wird aber mit diesem? Jesus spricht zu ihm: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach! Da kam unter den Brüdern die Rede auf: Dieser Jünger stirbt nicht. Aber Jesus hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?

Seelsorge

Jesus redet mit Petrus nicht über den Verrat im Hof des hohepriesterlichen Hauses. Er streicht Petrus das Versagen nicht aufs Butterbrot, kommentiert die Szene nicht. Doch er setzt sie voraus. Das merken wir an der Zahl seiner Hast-du-mich lieb-Fragen. Ganz versteckt verkleidet Jesus darin seine Botschaft: „Ich habe dir vergeben.“ Die erste Frage ist leicht abgewandelt. Jesus fragt nicht nur nach Petrus Liebe zu ihm, sondern will wissen, ob Petrus ihn lieber hat als die anderen Jünger Jesus lieben. Eine irritierende Frage. Ist Liebe messbar, und soll man sich im Lieben mit anderen vergleichen?

Hier hilft eine Erinnerung an eine andere Jesus-Begegnung. Im Haus des Pharisäers Simon ist Jesus zu Tisch eingeladen. Ohne Ankündigung stört eine Prostituierte die gelehrte Tischrunde, wirft sich zu Jesu Füßen und bedeckt Jesu Füße mit ihren Tränen und Salböl, eine Geste tiefer Zuneigung und Dankbarkeit. Jesus kommentiert dieses Geschehen so: „Der Sünderin ist viel vergeben worden, deshalb liebt sie mehr als Simon, der ein ehrbares Leben führt“.

Jesus erinnert Petrus an diese Begegnung damals und gibt ihm zu verstehen: Dir ist vergeben! Und weil ich auch dir am Kreuz von Golgatha diese große Schuld vergeben habe, deshalb kannst du mich mehr lieben als die anderen Jünger, die nur wegrannten. Jesus bietet Petrus die Hand an. Wenn er sich zu dieser Liebe bekennt, gibt er seine Schuld ab, lässt sich vergeben und ist bereit für den Neuanfang. Noch zweimal stellt Jesus Petrus die Frage: „Hast du mich lieb?“ und rekapituliert den Verrat des Petrus im Hof des Hohenpriesters am Gründonnerstagabend. Petrus wird bei der dritten Frage traurig. Vielleicht realisiert er erst jetzt, dass Jesus ihn genau auf diese schwärzeste Stunde anspricht. Und dass sein Verrat die Liebe zu Jesus infrage gestellt hatte. 

Das ist die Botschaft an uns heute Morgen. Wir sind nicht Petrus und haben eine solche Verrat-Situation hoffentlich auch nicht erlebt. Doch wir lernen hier, dass jede Schuld, mit der wir uns gegen Jesus stellen, unsere Liebe zu ihm gefährdet. Ob ich etwas klaue, über meinen Nächsten Gerüchte in die Welt setze, anderen nicht vergeben will oder in meinen Beziehungen für Chaos sorge, es trifft jedes Mal Jesus wie ein Verrat. Es ist der Verrat an seiner Liebe zu mir, die mich doch verändern will, den neuen Menschen nach seinem Vorbild aus mir machen will. Und dieser Verrat wird nur aus der Welt geschafft, wenn ich mein Bekenntnis zu Jesus erneuere: „Ja, ich habe dich lieb – und das heißt, ich bereue, was ich gegen deinen Willen getan habe. Ich nehme dankbar deine Vergebung an und liebe dich noch viel mehr, weil du mich trotzdem liebst.“

Berufung

Zur Seelsorge gehört der Blick in die Zukunft. Richtig aufgeräumt wird mit der Vergangenheit, weil Jesus Petrus neu beruft. Er vertraut ihm aufs Neue seine Gemeinde an und erwartet von ihm, dass Petrus sich um die noch entstehende Gemeinde kümmert, sie auf Jesus hinweist und sie wachsen lässt. 

Hier in dieser Szene am See wirkt Vergebung und Berufung wie in einem Atemzug ausgesprochen. Als ob der Sünder Simon von jetzt auf nachher zum Gemeindeleiter Petrus wird, allein weil Jesus ihn berufen hat. Gespräch am UferUnd manch einer oder eine von uns wird sich wundern, dass es in seinem und ihrem Leben nicht so schnell geht. Will Jesus sie nicht berufen? Oder hat er noch gar nicht vergeben?

Hier hilft ein genauerer Blick auf diesen Petrus. Wie aus dem Fischer Simon der Fels Petrus wird, ist eine längere Geschichte. Der Simon drei Jahre zuvor wirkt wie ein unscheinbarer Rohdiamant, von Jesus entdeckt und über eine lange Zeit mit intensivem Einsatz Tag und Nacht geschliffen. Erst nach dieser Entwicklungszeit, die am See noch lange nicht abgeschlossen ist, schimmert der Edelstein durch die grauen Steinschichten. 

Schauen wir uns den Rohdiamanten Simon an. Er brachte drei Eigenschaften mit, die ihm in seiner späteren Tätigkeit sehr nützlich waren:

  • Wissbegier,
  • Initiative und
  • Engagement.
Er war meistens der erste, der von Jesus Erklärungen haben wollte, ob von Gleichnissen, bei Predigten oder im Zusammenleben der Jünger. Er ergriff wie kein anderer Initiative. Wenn Jesus den Jüngern Fragen stellte, Petrus war der Wortführer. Petrus verteidigte Jesus bei der Festnahme im Garten Getsemane. Petrus schmiss sich hier am See ins Wasser, um als erster bei Jesus zu sein. Und Petrus zeigte Engagement. Er war immer mitten dabei, auch bei den Spezialaufträgen, wo Jesus nur mit einer Auswahl der Jünger unterwegs war. Petrus war der einzige, der es in den Hof des Hohenpriesters geschafft hatte, die anderen waren schon längst weggelaufen. Aber diese Eigenschaften allein hätten den Fischer Simon nicht zu Petrus werden lassen. Jesus lehrte ihn entscheidende Haltungen.

Jesus machte ihm deutlich, wie er nur allzu leicht mit seiner Begeisterung aufs falsche Pferd setzten konnte. Direkt nachdem Petrus sich zu Jesus bekannte und von Jesus dafür gelobt wurde, ja, ihm von Jesus der Schlüssel zum Himmel versprochen wurde, wollte er Jesus von seinem Leidensweg abhalten – in gut gemeinter Absicht. Jesus sagte hart zu ihm: "Geh weg von mir, Satan!" (Matthäus 16) Petrus musste lernen, seine ersten Impulse zu kontrollieren, ihnen nicht nachzugeben, um nicht Spielball des Bösen zu werden.

Petrus lernte Beherrschung. Als er das Ohr des Malchus bei Jesu Verhaftung abgeschlagen hatte, wies ihn Jesus zurecht. Er sollte nicht seine eigenen Pläne verwirklichen, sondern auf Jesus hören, um das Richtige zu tun.

Petrus lernte vor allem im Hof des Hohenpriesters Demut. Er musste sich von seinem Selbstbild verabschieden, dass er der Super-Top-Jünger war. Nein, er war fehlbar wie jeder Mensch und absolut angewiesen auf Jesu Vergebung. Prahlen machte keinen Sinn, er würde seine Versprechungen im Ernstfall nicht einhalten können.

Petrus lernte Liebe zu seinen Mitjüngern. Bei der Fußwaschung, bei der er wieder mal als Erster seine Kommentare gab, verwies ihn Jesus an seine Jünger. Denen sollte er die Füße waschen, denen sollte er dienen. 

Und Petrus lernte Mut. Er brauchte diesen Bekennermut bei vielen Verhören vor der Polizei während der ersten Gemeindejahre. Mut bekam er durch den Auferstandenen, der ihm zusicherte, dass nichts und niemand ihn mehr von Jesus trennen konnte.

Wie aus Simon ein Petrus wurde, das war ein für Petrus oft schmerzhafter Weg. Sollte es bei uns anders sein? Auch wir brauchen Schulung, um der Berufung Jesu gerecht werden zu können. Wir sind vielleicht nicht zu Aposteln und Gemeindegründern berufen, aber jede und jeder von uns hat von Jesus einen ganz eigenen Ruf gehört. Der Ruf richtet sich in die Zukunft. Jesus will mit uns etwas anfangen, will unsere Gaben entfalten für seine Sache, will, dass wir seine Gemeinde in dieser Welt bauen. Dazu rüstet er uns zu. Wir brauchen wie Petrus dazu eine ganz feste Bindung an Jesus, wir müssen lernen, unsere eigenen Impulse zu beherrschen, wir können Jesus nur dienen, indem wir selbst demütig sind und uns etwas sagen lassen. Wir brauchen Liebe zu seinen Kindern und Mut, für ihn einzustehen, auch wenn es hart wird.

Jesus führt uns immer in Situationen, in denen wir etwas lernen können. Oft wäre es uns vielleicht lieber, wir hätten Ferien von der Lebensschule. Aber der Alltag ist eben Schule, Lebensschule, da schreibt man nicht nur Einsen und versteht nicht alles sofort. Da geht es gerade bei den schwierigen Fragen darum, mit Ausdauer dranzubleiben und sich am Unterricht Jesu zu beteiligen.

Petrus und der Lieblingsjünger

Ganz seltsam mutet es an, dass Petrus, der gerade mit einer neuen Berufung ausgezeichnet wurde, schon wieder ins nächste Fettnäpfchen tritt. Gerade hörte er, dass seine Berufung ihn so nahe an Jesus binden wird, dass er wie Jesus den Märtyrertod sterben wird. Da schaut er auf den Lieblingsjünger und Konkurrenzgedanken steigen hoch. Was wird mit dem? Jesus hat Petrus mit der neuen Berufung nicht aus der Schule entlassen. Der Unterricht hat Fortsetzung, so wie eine Berufsschule nach der allgemeinen Schule.

In der Berufsschule Jesu lernt Petrus, dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, das soll genügen. Und er lernt etwas Neues über den Lieblingsjünger, der nach dem Johannesevangelium ja so eine Art Rivale für Petrus darstellte. Er lernt, dass der Lieblingsjünger eine andere Aufgabe haben wird als er. Während Petrus Gemeinde gründen wird, wird der Lieblingsjünger für die schriftliche Überlieferung der Wahrheit Jesu zuständig sein. Nicht der Lieblingsjünger wird bleiben, bis der Herr wiederkommt, sondern sein Evangelium wird bleiben und damit für alle Zeiten dieser Erde Menschen Anteil an Jesus geben.

Wir werden durch das Evangelium des Lieblingsjüngers, den die kirchliche Tradition schon bald mit dem Jünger Johannes gleichsetzte, in eine Privatstunde hinein genommen: Jesus unterrichtet Petrus.

Es kann auch unsere Privatstunde mit Jesus am See werden. „Hast du mich lieb?“, so fragt uns unser Herr und sieht auf die blinden Stellen unserer Jesus-Beziehung. Nehmen wir seine Vergebung an und antworten: „Ja!“?

Jesus will auch uns berufen, mit unseren Gaben und Möglichkeiten. Was wir mitbringen, möchte er veredeln. Sein Unterricht ist unsere Lebensschule. Mag sein, dass die eine oder andere schwierige Lebenssituation, die wir im Moment erleben, eine Schulstunde ist, die uns lehrt, noch fester auf Jesus zu vertrauen und unseren Platz noch besser zu finden und auszufüllen.
Jesus stärkt uns für den Lebens-Unterricht so wie damals die Jünger am See mit Brot und Fisch. Er macht uns bereit, das Abenteuer eines Lebens mit ihm und für ihn zu bestehen. 

Cornelia Trick


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