(Ver-)Zweifeln und Staunen
Gottesdienst am 15.03.2009

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
überall im Ort sind Plakatständer aufgebaut mit dem Motto der ProChrist-Woche: „Zweifeln und Staunen“. Im Blick auf die, die für Jesus gewonnen werden, bedeutet Zweifeln, an Gott und seiner Gegenwart zu zweifeln, ProChrist-Plakat in Neuenhainin Frage zu stellen, dass Jesus lebt und Bedeutung für jeden einzelnen Menschen hat. Das Staunen beschreibt, wie ein Mensch Jesus kennen lernt und mit ihm zu leben beginnt. Ein völlig neues Lebenskapitel wird aufgeschlagen, das nur noch staunen lässt.

Doch ist der Titel der ProChrist-Abende wirklich nur für die bestimmt, die ihr Leben mit Jesus erst noch anfangen werden? Sind Zweifeln und Staunen nicht auch bei langjährigen Christen bekannte Lebensäußerungen? Da fahren wir mit einem vollen Tank voll Heiligem Geist, haben super Glaubenserlebnisse, fühlen uns bestärkt und ermutigt, erzählen anderen vom Glauben, und plötzlich ist die Tankfüllung aufgebraucht. Unser Motor stockt, wir bleiben aus voller Fahrt einfach am Straßenrand liegen. Zweifel und Verzweiflung machen sich breit. War alles umsonst? Wohin hat der Glaube geführt, an den Straßenrand? 

An einer solchen Geschichte aus der Zeit der Könige in Israel bin ich hängengeblieben. Sie führt uns ein in das Wirken des ganz besonderen Propheten Elia, aber nimmt uns auch in Gottes Seelsorge hinein, dass wir nicht beim Zweifeln und Verzweifeln stehen bleiben, sondern zum Staunen geführt werden.

Elia war Prophet im Nordreich Israels zur Zeit des Königs Ahab Mitte des 9. Jahrhunderts vor Christus. Sein Name bedeutete: „Mein Gott ist Jahwe“, und so lautete auch sein Programm. Er sollte die Einzigartigkeit und Einheit Gottes seinem Volk bekannt machen. Doch das war schwer. Fremde Kulte breiteten sich mehr und mehr aus. König Ahab war mit der phönizischen Königstocher Isebel verheiratet, die die fremden Kulte mitbrachte und unterstützte. Es wurde modern, den Gott Baal und die Himmelsgöttin Aschera anzubeten. Elia fand sich bald im unmittelbaren Konflikt mit dem Königshaus wieder. Er wurde zum persönlichen Feind Isebels. Nach einer mehr als zweijährigen Dürre spitzte sich die Konfrontation zu. Elia ließ die 450 Baalspropheten auf den Berg Karmel rufen, um dort eine Gottesbefragung durchzuführen. Welcher Gott würde das dargebrachte Opfer mit Feuer entzünden, Baal oder der lebendige Gott? Welcher Gott hatte das Sagen? Sehr bildhaft beschreibt die Bibel das vergebliche Bemühen der Baalspriester, ihr Opfer in Brand zu bekommen. Elia dagegen demonstrierte die Macht des Gottes Israel, Gott schickte ein verzehrendes Feuer, um Elias Aussagen zu bestärken. Daraufhin wird berichtet, wie das ganze Volk den lebendigen Gott anbetete: „Der Herr allein ist Gott, der Herr allein ist Gott!“ Beflügelt von dieser Machterfahrung ließ Elia alle Baalspropheten umbringen. Der Regen setzte ein, ein sichtlich von Gott berührter König Ahab kehrte mit Elia heim nach Jesreel. 

Für Elia waren es die Stunden des höchsten Triumphes. Das Volk hatte sich wieder eindeutig zu Gott hingewandt, der König war von Gott angerührt worden, der Regen hatte wieder eingesetzt, Elia hatte Recht bekommen von Gott. 

Doch Elia hatte sich bei diesem Kräftemessen völlig verausgabt. Nicht allein sein Einstehen für Gott mit ständig lauernder Todesgefahr und einer spürbaren zahlenmäßigen Unterlegenheit gegenüber den Baalspriestern kostete ihn Kraft, sondern auch der Blutrausch, den Gott nicht angeordnet hatte, der aber wohl Elia als logische Folge der Entmachtung erschienen war. Ohne es zu merken, hatte er die Kompetenzen überschritten und war in Gottes Gebiet eingedrungen, der allein Herr über Leben und Tod ist.

So fand sich Elia nach dem Triumph nicht etwa auf der Sonnenstraße des Erfolgs wieder, sondern stürzte in bodenlose Verzweiflung.

1.Könige 19,1-2 Die große Wende

Ahab berichtete Isebel alles, was Elia getan und dass er alle Propheten Baals umgebracht hatte. Da schickte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: »Die Götter sollen mich strafen, wenn ich dich morgen um diese Zeit nicht ebenso umbringen werde, wie du meine Propheten umgebracht hast!«

Ahab erzählte seiner Frau von den Vorgängen auf dem Karmel, und die sann auf Rache. Wirklich neu konnten die Drohungen für Elia nicht sein. So wurden Unheilspropheten seit jeher bedroht, und er stand ja auch schon lang genug auf der „Wanted“-Liste. Aber Elia hatte sich völlig verausgabt. Sein inneres Bild war verzerrt. Er sah nicht die eine konkrete Feindin, sondern fühlte sich von einem ganzen Herr Mordlüsternder umgeben. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass das Volk zu Gott umgekehrt war. Ihm schien es, als ob alle Anstrengung umsonst gewesen wäre.

1.Könige 19,3-5 Auf der Flucht

Da packte Elia die Angst, und er floh, um sein Leben zu retten. In Beerscheba an der Südgrenze von Juda ließ er seinen Diener zurück und wanderte allein weiter, einen Tag lang nach Süden in die Steppe hinein. Dann setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte den Tod herbei. »HERR, ich kann nicht mehr«, sagte er. »Lass mich sterben! Ich bin nicht besser als meine Vorfahren.« Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Aber ein Engel kam, weckte ihn und sagte: »Steh auf und iss!«

Angst packte Elia. Er floh vom Nordreich bis zur Südspitze des Südreiches, dann noch eine Tagereise weit allein in die Wüste hinein. Am Ende seiner Kraft sank er an einem Ginsterbusch zusammen. Hat er sich diese Pflanze ausgesucht, weil sie mit ihrer Pfahlwurzel für Dauer und Standfestigkeit steht, die Elia gerade abhanden gekommen sind? Elia ist von der Krankheit zum Tode erfasst. Er bittet Gott, dass der ihn umbringe (wörtlich: dass er das Leben des Elia in seine Hand nähme). Vor Isebel ist er aus Todesangst weggelaufen, nun bestimmt ihn nur noch die Todessehnsucht. Wir erfahren auch, was Elia in diese tiefe Verzweiflung getrieben hat. Es war der Wunsch, es besser zu machen als die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Er wollte vor Gott der Beste sein und ist an seinem Machtrausch gescheitert. Er ist gescheitert wie die Vorväter auch. Die Medaille für beste Leistungen hat er verpasst. Doch war sein Wunsch wirklich Gottes Auftrag? Verlangte Gott von ihm, dass er alles richtig und besser als alle machte? War es nicht die eigene innere Messlatte, die Elia überforderte, ihn zum Morden trieb und letztlich an Gottes Ansprüchen scheitern ließ? 

Schauen wir uns solche Absturzzeiten in unserem Leben an. Ist der Tank leer, weil Gott keinen Sprit nachtankt oder weil meine eigenen Ansprüche so hoch sind, dass sie unerreichbar sind? Muss ich die Beste sein, oder will Gott mein Bestes für ihn? Das ist ein großer Unterschied. Und wenn ich mich an der eigenen Messlatte verhoben habe, dann ist die Ent-täuschung wichtig, um aufmerksam zu werden, was Gott wirklich von mir will.

1.Könige 19,6-8 Gottes Seelsorge

Als Elia sich umschaute, entdeckte er hinter seinem Kopf ein frisches Fladenbrot und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder schlafen. Aber der Engel des HERRN weckte ihn noch einmal und sagte: »Steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg vor dir!« Elia stand auf, aß und trank und machte sich auf den Weg. Er war so gestärkt, dass er vierzig Tage und Nächte ununterbrochen wanderte, bis er zum Berg Gottes, dem Horeb, kam.

Ein „Bote“ Gottes bringt Elia Essen und Trinken, er sorgt für Elias Leben. Seine Aufforderung „Steh auf und iss!“ ist ein Aufruf gegen die Verzweiflung, ein Lockruf aus der Zukunft, das Leben neu anzupacken. Aufstehen lässt weiter schauen. Elia soll den Horizont in den Blick bekommen und nicht mehr über Vergangenes grübeln. Er wird eingeladen zum Essen, eingeladen, endlich zuzugeben, dass sein Tank längst leer ist und er auf Hilfe von außen angewiesen ist. Auch wenn Elia nach dem ersten Aufruf nicht gleich losläuft, so sind die Weichen gelegt. Der folgende Schlaf lässt ihn Kräfte für die nächste Etappe sammeln. Nach einer weiteren Mahlzeit kann er den 40-tägigen Fußmarsch anpacken, der ihn in Gottes Arme treiben sollte.

Elia wünschte sich unter dem Ginsterbusch, dass Gott seine Seele nehmen möge. Bevor Gott das an seinem Lebensende auf sehr besondere Art tat, nahm er auch hier schon Elias Seele, sein Leben in seine Hand. Er schickt Elia auf seinen Weg, der ein Weg der Heilung und Neuorientierung werden sollte.

Zweifel sind Stunden Gottes, so können wir es hier lernen. Er sorgt für unseren Leib und unsere Seele. Er sucht uns auf, um uns an ihn zu erinnern. Er schickt Boten, die uns seine Liebe nahe bringen. Dann ist eigener Wille gefragt. Aufstehen müssen wir selbst, essen auch, um den Tank neu gefüllt zu bekommen.

1.Könige 19,9-10 In Gottes Schutz

Dort ging er in die Höhle hinein und wollte sich darin schlafen legen. Da hörte er plötzlich die Stimme des HERRN: »Elia, was willst du hier?« Elia antwortete: »HERR, ich habe mich leidenschaftlich für dich, den Gott Israels und der ganzen Welt, eingesetzt; denn die Leute von Israel haben den Bund gebrochen, den du mit ihnen geschlossen hast; sie haben deine Altäre niedergerissen und deine Propheten umgebracht. Ich allein bin übrig geblieben, und nun wollen sie auch mich noch töten.« 

Elia lässt sich bis zum Gottesberg in der Wüste führen. Der Sinai steht für Rettung, es ist der Ort des helfenden Gottes. Dort hatte Mose seine Berufung im brennenden Dornbusch erfahren, die ihn das Volk aus der Sklaverei führen ließ, von dort wurde seither Gottes rettendes Eingreifen erwartet. Und nun ist Elia an diesem Berg angekommen, der ihm Hilfe verheißt. Sofort sucht er eine Höhle auf, die ihm Schutz und Geborgenheit gewährte. Nach der wörtlichen Übersetzung schlief er die Nacht über in dieser Höhle, bevor Gott ihn ansprach. Er durfte in Gottes Nähe zur Ruhe kommen, und erst dann forderte Gott ihn auf, Rechenschaft zu geben. Elia rechtfertigte auch gleich sein Sicherheitsbedürfnis. Er war erfolglos, seine Leidenschaft war verpufft, er konnte kein Ergebnis vorweisen. Er war gescheitert. Dabei übertreibt er. Vorher erfahren wir von 100 Prophetenkollegen, die Gott treu geblieben sind, er ist nicht allein. Den Altar hatte er selbst aufgebaut, er ist nicht wieder zerstört worden. Nur Isebel ist gegen ihn angetreten, nicht das ganze Volk. Aber er klagt eben mit der Brille der Erschöpfung, er war an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert, und nun war alles schlecht.

Die Höhle in Gottes Nähe, die birgt, schützt und zur Ruhe kommen lässt, ist ein wunderbares Bild der Seelsorge an Verzweifelten und Müden. Gott möchte uns auch heute solche Höhlen zeigen, in denen wir uns für eine Nacht oder länger bergen können. Wo sind diese Höhlen? Sind es Plätze in der Wohnung, wo wir Jesu Gegenwart besonders spüren, sind es Gemeindeveranstaltungen, ist es eine Bank im Wald oder ein Mensch, der mich in seinen Armen birgt?

1.Könige 19,11-13 Gott zeigt sich

Der HERR sagte: »Komm aus der Höhle und tritt auf den Berg vor mich hin! Ich werde an dir vorübergehen!« Da kam ein Sturm, der an der Bergwand rüttelte, dass die Felsbrocken flogen. Aber der HERR war nicht im Sturm. Als der Sturm vorüber war, kam ein starkes Erdbeben. Aber der HERR war nicht im Erdbeben. Als das Beben vorüber war, kam ein loderndes Feuer. Aber der HERR war nicht im Feuer. Als das Feuer vorüber war, kam ein ganz leiser Hauch. Da verhüllte Elia sein Gesicht mit dem Mantel, trat vor und stellte sich in den Eingang der Höhle. Eine Stimme fragte ihn: »Elia, was willst du hier?« 

Gott zeigt sich nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Diese Manifestierungen standen für den Naturgott Baal. Gott will Elia anders begegnen und ihm mehr sein als ein Machtzeichen vom Himmel. Er lockt Elia erst mit einem sanften Hauch aus der Höhle heraus. Er holt ihn dort ab, wo der entkräftete und verzagte Elia ist. Er spricht Elias Sprache, um verstanden zu werden. Und Elia versteht. Er lässt seine Schutzhöhle zurück, er wagt sich in Gottes Gegenwart mit einem einfachen Prophetenmantel und einem Tuch über dem Gesicht, um von Gottes Glanz nicht blind zu werden. Die Stille, die ihn umfängt, lässt ihn hörbereit werden. Alle Sinne sind offen für Gottes Reden zu ihm.

Wie wünschen wir uns in Zeiten der Glaubensnot das kräftige Zeichen vom Himmel. Aber Gott redet zu uns in der Sprache, die wir verstehen. Er redet zu uns durch Jesus, er öffnet uns die Augen für die kleinen stillen Zeichen seiner Gegenwart. Er lässt uns ruhig werden, um eine andere, neue Richtung einschlagen zu können. In voller Fahrt lässt es sich so schwer wenden.

1.Könige 19,14-16

Er antwortete: »HERR, ich habe mich leidenschaftlich für dich, den Gott Israels und der ganzen Welt, eingesetzt, denn die Leute von Israel haben den Bund gebrochen, den du mit ihnen geschlossen hast; sie haben deine Altäre niedergerissen und deine Propheten umgebracht. Ich allein bin übrig geblieben, und nun wollen sie auch mich noch töten.«  Da befahl ihm der HERR: »Geh den Weg zurück, den du gekommen bist! Geh bis nach Damaskus, und salbe dort Hasaël zum König von Syrien. Darauf salbe Jehu, den Sohn von Nimschi, zum König von Israel und Elischa, den Sohn Schafats aus dem Dorf Abel-Mehola, zum Propheten, zu deinem Nachfolger. 

Nachdem Elia seine Klage wiederholte und klar wurde, dass Gottes Fürsorge ihn zwar beruhigt, aber noch nicht aus dem Tief herausholte, gibt Gott ihm einen neuen Auftrag. „Geh zurück!“ Drei Menschen sollte er salben, die als Gottes Boten seinen Willen tun sollten. Damit erfährt Elia Entlastung. Er ist nicht mehr allein auf weiter Flur, um Gottes Aufträge auszuführen. Er bekommt sogar einen direkten Prophetennachfolger Elischa. Und Elia wird sich aufmachen und die neue Wegstrecke unter die Füße nehmen. Nicht als einer, der der Beste sein will, sondern als einer, der Gott gehört hat und ihm vertraut, dass er mitgeht.

Jesus-Nachfolger, die für Jesus alles zurücklassen, sind vor Zweifeln und Verzweifeln nicht gefeit. Das gilt trotz Heiligem Geist und der Zusage Jesu, alle Tage bei ihnen zu sein. Aber Jesus-Nachfolger wissen, dass ihr Herr sie in den Wüstenzeiten nicht allein lässt, ihnen Stärkung schenkt, eine schützende Höhle für eine Sabbatzeit, dass er ihnen die Selbstüberschätzung vergibt und sie wieder auf den Weg bringt. 

Der Absturz in Wüstenzeiten ist hart und herausfordernd, aber vielleicht nötig, um an der richtigen Tankstelle den leeren Tank wieder füllen zu lassen.

Cornelia Trick


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