Über den Jordan (Josua 3,5-17; 4,1-3+8)
Gottesdienst am 13.1.2019 in Brombach

Liebe Gemeinde,
etwas „geht über den Jordan“, dieses Sprichwort gebrauchen wir, wenn wir umschreiben wollen, dass etwas oder jemand tot oder kaputt ist, eine Beziehung, ein Menschenleben, vielleicht auch nur ein Gegenstand. Der Jordan steht für eine Grenze zwischen Leben und Tod. Worauf geht diese Redensart zurück?

Eine Erzählung der Bibel von den Anfängen Israels berichtet, wie Mose zunächst die Israeliten aus Ägypten und weiter einen sehr lehrreichen Weg 40 Jahre durch die Wüste führte. Die Israeliten bekamen Intensivunterricht im Fach „Gottvertrauen“. Immer vor Augen war ihnen das Ziel ihrer Wanderschaft, das Gelobte Land, in dem Milch und Honig fließen sollten. Dort hofften sie auf Heimat, Bleiben-Dürfen und Frieden.

Nachdem die Ägypten-Generation weitgehend gestorben war und auch Mose die Führung an Josua abgegeben hatte, war es endlich soweit. Josua erhielt den Auftrag, mit den Israeliten das Gelobte Land zu betreten. Nur noch der Grenzfluss zwischen alt und neu, der Jordan musste überschritten werden. Eigentlich ist das ein kleiner Fluss, doch die Bibel berichtet, dass der Übergang im Frühling stattfinden sollte, wo der Fluss wegen Hochwasser weit über die Ufer getreten war. Die Grenze schien unüberwindlich. 

So ist das Sprichwort „über den Jordan gehen“ entstanden. Es markiert eine Grenze zwischen gewohnt und unbekannt, zwischen Wüsten-Wegen des irdischen Lebens und dem Gelobten Land, der Ewigkeit bei Gott, wo keine Tränen mehr fließen werden und der Tisch mit einem himmlischen Festmahl angerichtet ist.

Schauen wir uns am Beginn des neuen Jahres den Übergang zwischen alt und neu, gewohnt und unbekannt, genauer an,  werden wir merken, dass Gottes Fahrplan für sein Volk ein Mix aus Wunder von oben und Mitarbeit der Israelisten war. 

Josua 3,5-17; 4,1-3+8
Weiter sagte Josua zum Volk: »Macht euch bereit! Sorgt dafür, dass ihr rein seid, wie der HERR es von seinem Volk verlangt. Denn morgen wird der HERR ein Wunder für euch tun.« Am nächsten Tag befahl Josua den Priestern: »Nehmt die Bundeslade und geht vor uns her durch den Jordan!« Da hoben sie die Bundeslade auf ihre Schultern und gingen dem Volk voran. Der HERR aber sagte zu Josua: »Von heute ab werde ich dich vor dem ganzen Volk Israel groß machen. Sie sollen merken, dass ich dir beistehe, wie ich Mose beigestanden habe. Befiehl den Priestern, die die Bundeslade tragen: 'Sobald ihr den ersten Schritt ins Wasser des Jordans getan habt, bleibt stehen!'« Da rief Josua das Volk zu sich und sagte: »Hört, was der HERR, euer Gott, euch sagen lässt: Wählt zwölf Männer aus, von jedem Stamm einen! Die Bundeslade des HERRN, dem die ganze Erde gehört, wird voranziehen und euch einen Weg durch den Jordan bahnen. Sobald die Priester, die sie tragen, ihre Füße ins Jordanwasser setzen, wird kein Wasser mehr nachfließen. Der Fluss wird sich weiter oben anstauen wie vor einem Damm. Daran sollt ihr erkennen, dass ihr einen lebendigen Gott habt. Er wird sein Versprechen halten und die Völker des Landes vor euch vertreiben: die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter.« Nun brach das Volk auf, um den Jordan zu überschreiten. An der Spitze des Zuges gingen die Priester mit der Bundeslade. Es war gerade Frühjahr; um diese Zeit führt der Jordan so viel Wasser, dass er über die Ufer tritt. In dem Augenblick, als die Priester den Fuß ins Wasser setzten, staute sich der Fluss weit oben bei dem Ort Adam in der Nähe von Zaretan und das Wasser unterhalb der Stauung lief zum Toten Meer ab. So konnte das ganze Volk trockenen Fußes bei Jericho durch den Jordan gehen. Die Priester aber blieben mit der Bundeslade im Flussbett stehen, bis alle sicher auf der anderen Seite angekommen waren. 
Als das ganze Volk durch den Jordan gegangen war, sagte der HERR zu Josua: »Wählt zwölf Männer aus, von jedem Stamm einen und lasst sie zwölf Steine aus dem Jordan holen, von der Stelle, wo die Priester stehen. Sie sollen die Steine mitnehmen und dort niederlegen, wo ihr das Nachtlager aufschlagt.«
Die Männer befolgten Josuas Anweisung und holten zwölf Steine aus dem Jordan, für jeden Stamm Israels einen, wie der HERR es befohlen hatte. Sie trugen sie bis zum Lagerplatz und stellten sie dort auf.

Sehr anschaulich wird der Übergang berichtet und für uns festgehalten, denn die Erfahrungen von damals haben auch mit uns heute zu tun. Zwei Ebenen zeichnet uns das Geschehen auf. Einmal können wir uns als Gemeinde im Volk Gottes wiedererkennen. Wir stehen immer wieder an scheinbar unüberwindlichen Übergängen, brauchen Gottes Eingreifen, seine Ermutigung und Wegweisung, wie es weitergehen soll. 

Als Einzelne – die zweite Ebene – kennen wir diese Jordan-Erfahrungen wohl auch. Nicht nur der Jahreswechsel, auch ganz persönliche Erfahrungen wirken wie Grenzen, die uns ein Weitermachen wie bisher unmöglich machen. Doch wie kommen wir über unsere ganz persönlichen Jordan-Grenzen hinweg? Da gibt es hier einiges zu entdecken.

Josua und das Volk
Josua beginnt den Übergang mit der Aufforderung, dass das Volk sich heiligen soll. Heiigen meint, sich in den Einflussbereich des heiligen Gottes zu stellen und sich so zu verhalten, wie es Gott entspricht. Damals wurden rituelle Waschungen abgehalten als Zeichen für die seelische Hygiene.

Auch heute hat diese Aufforderung Bedeutung, wenn auch nicht als Anweisung für das Waschen unseres Körpers. Vielmehr geht es darum, dass wir uns bewusst in Gottes Gegenwart begeben, dass wir uns der Gegenwart Gottes bei allem bewusst sind, was den Tag über so läuft. Dazu gehört auch, die vielen Stimmen um uns auszublenden, die alle wissen, was für uns gut ist.

Bei einem Familientreffen zu Weihnachten war eine Schwangere unter uns. Wir alle gaben ihr 100 Tipps, wie sie die Zeit am besten gestaltet. Am Abend dachte ich, die Arme, vollgetextet von lauter Leuten, die es gut mit ihr meinten. So geht es uns ja oft, alle wissen was, wenn wir an unserer Jordan-Grenze stehen. Wichtig ist die Stimme Gottes, die sollten wir hören und erkennen. Da hilft, sich zu erinnern, was Gott schon getan hat, wo wir ihn erlebt haben, wie er da zu uns geredet hat, so finden wir ihn, auch wenn viele Ratschläge auf uns einprasseln.

Die Bundeslade geht voran
Die Bundeslade war ein hölzerner Kasten, 1,25mx075mx0,75m groß. In ihm wurden die 10 Gebote, die Mose von Gott in der Wüste bekommen hatte, aufbewahrt. Diese Kiste repräsentierte Gottes Gegenwart. Wenn nun Gott anwies, die Bundeslade vorneweg zu tragen, hieß dass, die Leute sollten nicht wie gebannt aufs furchterregende andere Ufer schauen, sondern auf Gott. Und da die Kiste so klein war, konnten sie das Ufer trotzdem im Blick haben, aber eben wie durch eine Brille „Gott“.

Wir haben heute keine Bundesladen, die wir uns vor Augen stellen, um Gott zu sehen. Leider, könnte man sagen, denn es hilft, etwas vor Augen zu haben. Deshalb gibt es den Brauch, Silvester eine Spruchkarte zu ziehen, weil sie Gottes Gegenwart im neuen Jahr sichtbar machen soll. Eine Handy-App mit Bibelworten zum Tag kann ebenso helfen, ein Kreuz am Schreibtisch oder eine Postkarte am Spiegel.  Kleine Hilfen haben große Wirkung, denn sie verdeutlichen: „Du bist nicht allein, Gott geht voraus!“

Mit den Füßen im Wasser
12 Abgesandte müssen voraus gehen und mit ihren Füßen in den reißenden Fluss treten. Ich stelle mir vor, wie sie zweifelten, ob das Wasser wirklich anhalten würde. Was, wenn sie direkt in den Tod liefen? 

Für mich ist diese Anweisung die erstaunlichste und beunruhigendste. Ich hätte lieber, dass der Fluss stoppt, bevor die Männer hineintreten. Ich hätte lieber, dass Gott bedrohliche Situationen vorher klärt, sodass ich mir nicht mehr die Füße nass machen muss. Aber meistens erlebe ich es genauso wie die 12 Abgesandten. Ich habe zuerst einen Glaubensschritt zu machen, ich bekomme keine Garantien im Vorhinein.

Als wir vor vielen Jahren unsere Wohnung anmieteten, stand im Mietvertrag, dass die Mindestdauer 5 Jahre betragen würde. Damals war völlig offen, ob wir noch 2 Jahre oder 3 Jahre am Ort wohnen würden, vielleicht länger. Nichts war klar. Wir hatten dieses Gefühl, in den Fluss zu treten und nicht zu wissen, wie es ausgehen würde. Wir hatten nur die Gewissheit, dass Gott uns diese Wohnung sehr deutlich gezeigt hatte. Und wir durften erfahren, dass der Jordan stoppte, die 5 Jahre sind längst rum und wir mussten nicht umziehen. 

So gibt es immer wieder Zeiten, an denen unser Gottvertrauen herausgefordert ist. Trauen wir darauf, dass Gott Wasser stoppt? Oder dass er unseren Weg rechtzeitig stoppt, weil wir auf falsche Stimmen gehört haben?

Durchzug
Nicht alle mussten mit den Füßen ins Nasse, nach den 12 konnte die Menge trockenen Fußes durch das Flussbett laufen. Ich versuche mich, in eine Frau einzufühlen, die mit ihrer Familie mitlief. „Wird die Wasserwand halten? Ich kann jetzt nicht mehr zurück, hätte ich besser bleiben sollen?“ Solche Gedanken kenne ich gut. Mein Vertrauen stärkt, wenn ich nicht allein unterwegs bin, sondern verlässliche Begleiter habe. Wer kann mich unterstützen, für mich beten, mir helfen? Wen kann ich bitten, an meiner Seite zu sein?

Für die Israeliten war das gelobte Land attraktiv trotz aller Ungewissheit. Was sind meine Ziele, unsere Gemeindeziele, die uns den Weg durch das Flussbett lohnend machen? Für mich ist ein Ziel, dass neu Hinzugekommene in der Gemeinde ihren Platz finden, wo sie mitwirken und mitgestalten können.

Das große Ziel, die Ewigkeit, leuchtet schon jetzt in unsere Zwischenziele hinein. Gott ist gegenwärtig, nicht erst im Himmel, sondern schon heute hier und morgen bei der Arbeit. Wir werden ihn erleben, wie er uns mit seiner Liebe umfängt, auch da, wo es schwer wird. So war es auch für das Volk Israel, denen im Gelobten Land auch Feinde begegnet sind.

Gedenksteine
Die Steine, die Josua als Erinnerungszeichen aufrichten ließ, sollten auch für die nachfolgenden Generationen die Gotteserfahrung lebendig halten. Das ist ein guter Hinweis für uns, auch unsere Gotteserfahrungen festzuhalten, damit wir sie anschauen können, wenn rauere Zeiten kommen. Manche schreiben Tagebuch, machen sich Notizen in den Kalender, sammeln Kieselsteine oder sammeln Notizzettel das Jahr über – Gedenksteine können sehr unterschiedlich aussehen. 

Und was wir erleben, strahlt über uns hinaus in die Umgebung. Wie damals die umliegenden Stämme von dem wundersamen Durchzug der Israeliten erfuhren, so beobachten unsere Mitmenschen uns und lassen vielleicht eine Sehnsucht wachsen, selbst diese Führung Gottes zu erleben und mit ihm neue Ziele zu erreichen, die er eröffnet.

Cornelia Trick


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