Steh auf und komm!
Gottesdienst am 18.06.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
nach dem Garteneinsatz rund ums Gemeindezentrum mussten die leeren Pfandkisten wieder zurück zur Baumschule gebracht werden. Dort redeten wir mit der Chefin über die gepflanzten Gräser Gräserund das trockene Wetter. Zu unserem Erstaunen warnte sie uns eindringlich vor zu vielem Gießen, einmal pro Woche, so ihre Aussage, würde völlig genügen. Die Pflanzen sollten sich tief einwurzeln. Bei zuviel Gießwasser würden sich ihre Wurzeln nicht tief genug ausbilden können. Die Pflanze hätte auf Dauer keine guten Chancen zum Überleben. Das erstaunte uns, dachten wir doch, Dauerberieselung wäre jetzt das Beste.

Der Gießtipp der Gärtnerin lässt sich vielleicht auch auf unser Leben übertragen. Wir gehen davon aus, dass optimale Lebensbedingungen zu einem glücklichen und erfüllten Leben führen. Wir meinen, auch Glaube kann am besten in optimalen Lebensbedingungen wachsen, wenn die Existenz gesichert ist, keine Katastrophen die Warum-Fragen herauf beschwören, man im Frieden lebt. Doch dann müsste bei uns das Wort Gottes wirklich überreich Anklang finden, die existenzsicheren Leute müssten die Kirchentüren eindrücken, das Lob Gottes und die Dankbarkeit würden über die ganze Rhein-Main-Ebene schallen. Leider kann ich davon in meiner Lebenswelt wenig entdecken. Aus dem neu entstandenen Wohngebiet rund ums Gemeindezentrum gehen nur sehr vereinzelt welche zur Kirche. Die anderen haben mit dem Thema nie etwas angefangen oder abgeschlossen.

Die Fortsetzung der Erzählung von Petrus und Kornelius greift das Thema auf, wie Gottes Wort wächst und sich ausbreitet. Ich möchte mit Ihnen die gewonnenen Erkenntnisse teilen.

"Das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus" ist die Zusammenfassung einer längeren Geschichte der Urgemeinde und ihrer Bedrohung (Apostelgeschichte 12,24). Dieser Schlusssatz lässt drei Folgerungen zu.

  • Die Zahl der Christen, die von ihrem Glauben erzählten, nahm zu, das "Wort Gottes" kam immer mehr unter die Leute.
  • Die gute Nachricht von Jesus Christus traf auf viele offene Ohren, nur so konnte es weitergetragen werden.
  • Die Menschen öffneten ihr Inneres, um das Gehörte in ihrem Leben ankommen zu lassen, der Heilige Geist ergriff sie.
Die Urgemeinde wurde Zeugin von Gottes Handeln. Sie erlebte Unterdrückung, Not, Anfeindung. Daraus ließ Gott Wachstum werden. Nicht optimale Randbedingungen führten zum Glauben, sondern Geschehnisse, die menschlich gesehen vom Glauben wegführen mussten.

Szene 1: Apostelgeschichte 12,1-2

Um diese Zeit ließ König Herodes verschiedene Mitglieder der Gemeinde von Jerusalem festnehmen und schwer misshandeln. Jakobus, den Bruder von Johannes, ließ er enthaupten. 

Jakobus gehörte zum Jüngerkreis. Er hatte Jesus gesehen, gehört, sein Herz für ihn geöffnet und den Heiligen Geist am Pfingsttag empfangen. Er wurde zum Zeugen für Jesus. Und nun war er tot, ermordet im Zuge einer Machtdemonstration des Königs gegenüber der kleinen Minderheit von Christen in Jerusalem. Musste diese Erfahrung nicht schockierend für die Gemeinde gewesen sein? Wieder starb ein Zeuge Jesu den Märtyrertod. Wieder wurde einer aus ihrer Mitte gerissen, den sie nötig brauchten für ihre Mission, das Evangelium bis ans Ende der Welt weiterzusagen. Wieder ging eine Prophezeiung Jesu in Erfüllung, die er Jakobus und seinem Bruder Johannes gegeben hatte. Jakobus musste wie Jesus um seines Glaubens willen sterben. Wie sollte es mit der Mission weitergehen? Doch
"Das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus".

Szene 2: Apostelgeschichte 12,3-5

Als Herodes merkte, dass dies den Juden gefiel, ging er noch einen Schritt weiter und ließ auch Petrus gefangen nehmen - gerade in den Tagen des Passafestes. Petrus wurde ins Gefängnis gebracht; zu seiner Bewachung wurden vier Gruppen zu je vier Soldaten abgestellt, die einander ablösen sollten. Herodes wollte ihm nach dem Fest vor allem Volk den Prozess machen. So saß Petrus also streng bewacht im Gefängnis. Die Gemeinde aber betete Tag und Nacht inständig für ihn zu Gott. 

Den Jerusalemern gefiel offenbar das Schauspiel der Hinrichtung. Hier erkennen wir eine deutliche Veränderung der Großwetterlage. Hatten die Jerusalemer noch als Mitläufer "Kreuzige ihn!" geschrieen, angestachelt durch die einflussreiche Oberschicht, wurden sie nach Pfingsten den Christen gegenüber so wohl gesonnen, dass sich die Justiz nicht mehr traute, Christen längere Zeit festzuhalten. Weil sie den Aufruhr des Volkes fürchten, ließen sie die Apostel nach Verhören immer wieder schnell frei. Doch nun gefiel dem Volk die Hinrichtung, es bejubelte die Verfolgung. Die Zeugen erzählten weiter von ihrem Glauben, aber Ohren blieben taub und Herzen verschlossen, die Botschaft kam nicht mehr an.

So setzte Herodes seine Maßnahmen gegen die Christen fort und setzte Petrus als nächsten gefangen. Er setzte mit 16 Mann eine überaus starke Bewachungstruppe ein. Aber obwohl ein Zeuge mehr ausgefallen war: "Das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus". Das Wort Gottes wuchs am Widerstand. Zwei Hinweise gibt uns die Erzählung:

  • Es geschah zum Passafest. Mit diesem Grunddatum des jüdisch-christlichen Glaubens verbanden die Menschen Gottes Herausführung aus dem Gefängnis Ägypten. Mit diesem Datum verbanden die Christen Jesu Tod am Kreuz für die Menschen, dass sie frei wurden von ihrer Schuld und dem Gefängnis ohne Gott. Eine Gefangennahme am Passafest konnte aus Gottes Perspektive nur bedeuten, dass er seine Befreiungstat auch durch Petrus fortsetzen wollte.
  • Die ganze Gemeinde betete für Petrus. Wurde er im Gefängnis von 16 Männern rund um die Uhr bewacht, so bewachte ihn die Gemeinde mit ihrem Gebet und Gott auf ihrer Seite. Die Gemeinde stellte sich in Gottes Dienst, um der Gefängniswache die himmlische Bewachung entgegenzusetzen. Petrus war trotz Lebensgefahr bei Gott in Sicherheit.
Szene 3: Apostelgeschichte 12,6-11
In der Nacht, bevor Herodes ihn vor Gericht stellen wollte, schlief Petrus zwischen zwei der Wachsoldaten, mit Ketten an sie gefesselt. Vor der Tür der Zelle waren die zwei anderen als Wachtposten aufgestellt. Plötzlich stand da der Engel des Herrn, und die ganze Zelle war von strahlendem Licht erfüllt. Der Engel weckte Petrus durch einen Stoß in die Seite und sagte: "Schnell, steh auf!" Da fielen Petrus die Ketten von den Händen. Der Engel sagte: "Leg den Gürtel um und zieh die Sandalen an!" Petrus tat es, und der Engel sagte: "Wirf dir den Mantel um und komm mit!" Petrus folgte ihm nach draußen. Er wusste nicht, dass es Wirklichkeit war, was er da mit dem Engel erlebte; er meinte, er hätte eine Vision. Sie kamen ungehindert am ersten der Wachtposten vorbei, ebenso am zweiten, und standen schließlich vor dem eisernen Tor, das in die Stadt führte. Das Tor öffnete sich von selbst. Sie traten hinaus und gingen die Straße entlang, doch als Petrus in die nächste einbog, war der Engel plötzlich verschwunden. Als Petrus zu sich kam, sagte er: "Es ist also wirklich wahr! Der Herr hat seinen Engel geschickt, um mich vor Herodes zu retten und vor dem zu bewahren, was das jüdische Volk sich erhofft hat!"

Die Situation war für Petrus aussichtslos. Er war von Wachen umgeben, an Ketten gefesselt, an Flucht war nicht zu denken. Mitten in seine Finsternis schien Gottes Licht, so hell, dass er das nun folgende Geschehen wie im starken Gegenlicht wahrnahm, schemenhaft, traumhaft, passiv. Der Engel des Herrn brachte göttliches Licht in die Situation. Das Licht schluckte die Finsternis der Gegenwart. Petrus überließ sich dem Licht und folgte der Aufforderung des Engels: "Steh auf! Komm!" Petrus stand auf, er folgte, ohne zu wissen wohin. 

Hier kommen wir mit hinein in die Geschichte. Sicher liegen wir jetzt nicht in Jerusalem im Gefängnis, doch sind manche hier, die in Gefängnissen ganz unterschiedlicher Art sitzen. Sie sind nicht nur in einer ausweglosen Situation, sondern zugleich auch mit ihrem Glauben in die Sackgasse geraten.

  • Jemand hat sein Haus hier gebaut, um sich ganz für die Gemeinde vor Ort einbringen zu können. Doch er wird arbeitslos und im Umkreis findet sich weit und breit keine Stelle. Hatte ihm nicht Jesus so am Herzen gelegen, dass er nahe bei der Gemeinde bleiben wollte? Und nun?
  • Ein Paar führt einen Ehekrieg hinter verschlossenen Türen. Die Liebe ist kalt geworden, Ursachen gibt es viele. Beide wollen an der Ehe festhalten, weil sie ihr Treueversprechen vor Gott gegeben haben. Aber die von Jesus erflehte neue Liebe füreinander lässt auf sich warten. Wie soll es nach Gottes Willen mit ihnen weitergehen?
  • Eine Frau leitet voller Freude und Liebe eine Kindergruppe in der Gemeinde. Aber die Verantwortung, die Vorbereitungszeit, die ständigen Absprachen nach allen Seiten zermürben sie. Soll sie ihr Amt niederlegen, für das sie begabt ist, wo Gott Frucht schenkt und sich niemand sonst als Nachfolger am Horizont zeigt? Warum gibt ihr Gott nicht die nötige Energie für ihre Aufgabe?
In Gefängnisse kommen wir nicht nur als Menschen ohne Gott. Gerade in der Nachfolge Jesu kann unser Weg in solche Abgründe führen, in denen wir Jesu Fußspuren nicht mehr sehen können.

Hier kann wie damals in Jerusalem der Engel des Herrn in unser Leben treten als helles Gegenlicht, das unsere Finsternis in sich aufnimmt. Dieser Engel sagt: "Steh auf! Komm!"

In dem Aufruf aufzustehen steckt der erste Teil der guten Nachricht. Wer sich traut, aus seinem Elend aufzustehen, signalisiert, dass er oder sie Hilfe erwartet. In manchen Gesprächen erlebe ich, dass Leute mir ihr ganzes Leid erzählen, irgendwann im Gespräch kommen wir dann zu dem Punkt, wo der Engel des Herrn sagen würde: "Steh auf!" Angesprochen auf die Erwartung, die derjenige oder diejenige an Gott hat, erlebe ich häufig, dass das Gespräch eine merkwürdige Wende nimmt. Auf einmal scheint es, als ob das Leid doch nicht so groß wäre, eine Veränderung doch viel zu früh und man auch keine Hilfe braucht, um aus dem Gefängnis in die Freiheit zu kommen.

Und ich ertappe mich selbst dabei, wie ich auch zurückschrecke vor der Aufforderung "Steh auf!" Ich will oft gar nicht aufstehen, ich erwarte gar keine Änderung, ich habe mich in meiner Lage eingerichtet. Doch Petrus steht auf, und er folgt dem Ruf "Komm!". Vielleicht denken wir jetzt gleich an einen Ruf nach Afrika oder ins Kloster, irgendetwas Extremes, das die Alternative zu unserer bescheidenen Existenz bietet. Petrus wurde zurückgerufen in die Jerusalemer Gemeinde.

Heißt "Komm" für mich vielleicht auch, dass ich in meine Gemeinde gehen soll, dort die Freiheit erfahren kann, die Jesus mir schenken will? Diese Gemeinde betet für mich, wie sie damals für Petrus betete. Sie bewacht mich in der Gefangenschaft und bereitet mir den Weg in die Freiheit. In der Gemeinschaft der Gemeinde kann ich den neuen Weg erkennen, der in die Weite zeigt. Und warum fällt es so schwer, diesen Weg in die Gemeinde zu gehen? Wollen wir hier nur als Sieger zusammen sein und nicht als ehemalige Strafgefangene auf Bewährung? Ich sehe in dem Ruf "Komm!" eine wunderbare Möglichkeit, hier und jetzt dem Engel des Herrn zu vertrauen, meine Hilfe hier zu suchen und festzuhalten, dass Jesus in der Gemeinde und mit der Gemeinde Großes vorhat.

Wie freuen wir uns, wenn jemand im Gottesdienst Zeugnis gibt wie Petrus einst: "Der Herr hat seinen Engel geschickt, um mich zu retten und zu bewahren."

Kleine Gräsersetzlinge sollten nicht zu oft gegossen werden, damit sie kräftige Wurzeln ausbilden können. Wir Christen sehnen uns nach einem Leben wie im Regenwald. Doch unsere Wurzeln müssen sich ausbilden, unser Vertrauen zu Jesus muss wachsen. Dazu sind Dürrezeiten lehrreich, auch wenn wir im Vaterunser um Verschonung bitten. Gottes Wort wächst und breitet sich aus, unsere Glaubwürdigkeit als Christen gewinnt, wenn wir in Gefängnissen auf den Engel des Herrn warten, ihm unsere Hand geben und seinem Ruf zurück in die Gemeinde folgen.
(Fortsetzung folgt)

Manchmal brauchst du einen Engel,
der dich schützt und dich führt.
Gott schickt manchmal einen Engel,
wenn er deine Sorgen spürt.
(Hermann Schulze-Berndt)
Cornelia Trick


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