Niemand ist perfekt (1.Johannes 3,1-3)
Gottesdienst am 2.9.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
angenommen, wir sind ein Holzklotz in der Werkstatt eines Bildhauers. Woran würde man erkennen, dass der Künstler uns wertschätzt? Wohl daran, dass er mit besonderer Sorgfalt an uns arbeitet, uns nicht gleich beim ersten falschen Kratzer in die Ecke schmeißt oder uns beim Entdecken eines kleinen Astlochs zum Brennholz aussortiert. Im Gegenteil, wenn er uns wertschätzt, wird er sich auf unsere Astlöcher und Maserungen einlassen. Wir werden mit unseren Besonderheiten und auch Macken sein Kunstwerk mitgestalten.

So können wir uns auch Gottes Werkstatt vorstellen. Er sieht uns, wie wir sind. Aber nicht nur das, er hat auch eine Vorstellung davon, was aus uns werden kann. Er liebt uns so, dass er sich mit uns beschäftigt, uns von allen Seiten betrachtet, unsere Eigenheiten wahrnimmt und das Beste aus uns herauslockt. Dabei sind wir ja nicht wehrloses Holz in seiner Hand, sondern lebendig, fähig zum Widerspruch, aber auch zur Kooperation.

In unserer Gemeinde haben wir solch einen Holzkünstler. Er arbeitet aus Holzklötzen sehr ausdrucksstarke Figuren heraus. Auch unsere Weihnachts-Krippenfiguren sind in seiner Werkstatt entstanden. Wer sich einen Hirten genauer anschaut, kann auf den Künstler schließen, mit viel Liebe ist er ausgestaltet, sodass man das Leben in ihm spüren kann.

Der 1.Johannesbrief will das seinen Leserinnen und Lesern nahebringen. Gott ist Liebe, nicht ein abstraktes Prinzip und nicht „Rote Rosen“, sondern abzulesen an seinem Umgang mit uns und wie er uns beeinflusst.

Schauen wir in die Bibel, so können wir seine Mühe mit uns Menschen schon auf den ersten Seiten entdecken. Er umsorgte Adam und Eva, das erste exemplarische Menschenpaar im Garten Eden. Er ließ sie nicht schutzlos in die Fremde gehen, nachdem sie sich selbst ums Paradies gebracht hatten. Später liebte er einen Menschen heraus und begann mit ihm die Geschichte mit seinem Volk Israel, eine Geschichte voller Steine, Widerworte, Katastrophen und Neuanfänge aus Liebe. Und schließlich kam Gott selbst zu seinen Menschen, er wollte mit seinem Sohn Jesus handgreiflich werden lassen, wie seine Liebe immer noch galt, grenzenlos für die ganze Welt.

Nun könnte jemand einwenden, dass diese Geschichte lange her ist, und wer weiß, ob sich das wirklich alles genauso zugetragen hatte. Ja, die Geschichte Gottes mit seinen Menschen muss sich in jedem Menschenleben neu abbilden. Niemand hat etwas davon, wenn Gott tausende Holzklötze liebevoll bearbeitet hatte, aber den eigenen links liegen lässt.

Und so sind wir auch persönlich herausgefordert, die eigene Geschichte anzuschauen und darin Gottes Spuren zu erkennnen:

  • dass wir an diesem Ort mit diesen Eltern geboren wurden,
  • dass wir seinen Beistand in Notzeiten erlebt haben,
  • dass wir ihm begegnet sind und er uns nicht losgelassen hat,
  • dass wir unseren Glauben nicht allein leben müssen, sondern in eine Gemeinde hineingekommen sind,
  • dass seine Zusage gilt, immer bei uns zu sein.


1.Johannes 3,1-3
Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es tatsächlich. Aber die Welt weiß nicht, wer wir sind. Denn sie hat Gott nicht erkannt. Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir einmal sein werden, ist noch gar nicht sichtbar. Wir wissen jedoch: Wenn es sichtbar wird, werden wir Gott ähnlich sein. Denn dann werden wir ihn sehen, wie er wirklich ist. Und wer das voller Hoffnung von Gott erwartet, hält sein Leben rein von aller Schuld – so wie Gott rein ist. 

Geliebt
Gott ist Liebe, dafür haben wir eine Sehhilfe nötig, um sie im eigenen Leben wahrzunehmen. Wir werden hier als Kinder angeredet, um zu verstehen, wie unsere Beziehung zu diesem Gott der Liebe gemeint ist. Wie ein Kind im Idealfall eine lebenslange Beziehung zu den Eltern hat, die nicht zeitlich begrenzt ist, so wird Gott mit uns in Verbindung bleiben. Wie Kinder werden wir uns entwickeln, aus dem Holzklotz wird mehr und mehr die Person, die Gott in uns sieht. Bei diesem Wachstum kann es auch schmerzhafte Entwicklungsschritte geben. Der erste Tag im Kindergarten, die ersten Zwänge der Schulzeit, die ersten Freunde, die verraten und enttäuschen, sind im Kinderleben Einschnitte, die weh tun, aber auch voran bringen. So wie der Hobel am Holzblock hier und da ansetzt, um ihn zu formen.

Doch im Vergleich mit einem Kind liegt auch ein ganz entlastender Aspekt. Das Kind trägt nicht die volle Verantwortung. „Eltern haften für ihre Kinder“, Gott haftet für uns, erwartet nicht, dass wir die Welt auf unseren Schultern tragen, sondern ihm das Tragen überlassen.

Die „Welt“, so heißt es im 1.Johannesbrief, erkennt diese Liebesbeziehung nicht. Sie kennt den Vater nicht, sondern nur uns. Ein Rückschluss von uns auf unsere Elternhäuser ist ja auch nur bedingt möglich. Meine Eltern sind vor einigen Jahren gestorben. Wer mich heute kennenlernt, wird nicht erraten können, wie sie waren, wie sie mit mir umgegangen sind, wie weit ihre Liebe reichte. Ich muss schon von ihnen erzählen, damit sie jemand hinter meinem Leben entdecken kann.

Wenn wir den Menschen außerhalb unseres Glaubensumfeldes Gott näher bringen wollen, ist ein Leben nach Gottes Willen sicher ein wichtiger Hinweis, aber er wird nicht reichen. Wir sollten auch erzählen von Gott, von unseren Glaubenserfahrungen, von unserem manchmal auch schmerzhaften Ringen um den roten Faden seiner Liebe.

Entwicklung
Noch stehen wir nicht im Ausstellungsraum, sondern bleiben zeitlebens in der Werkstatt Gottes. Jeden Tag arbeitet er an uns, schaut uns an, überlegt, wohin er uns locken kann, um ihm ähnlicher zu werden. Dabei ist unser Vorbild Jesus. Gott ähnlicher zu werden, bedeutet, Jesus, seinem Sohn, der Mensch wurde zum Anfassen, ähnlicher zu werden. Es geht dabei sicher nicht um Äußerlichkeiten, sondern seine Art, wie er sich Menschen gegenüber verhielt. Er sah Not und reagierte darauf, ohne von der Not überwältigt und erschlagen zu werden. Er ging seinen Weg sicher und gewiss, dass Gott ihn begleitete und führte. Er sah der Angst ins Auge und ließ sich nicht von ihr beherrschen. Er kannte seine Berufung.
Wenn wir Jesus ähnlicher werden, geht es um genau die Punkte. 

  • Dass wir uns von unseren Mitmenschen berühren lassen, immer gewiss, dass letztlich Gott ihnen helfen will.
  • Dass wir unsere Lebensweg auch über Umwege und Hindernisse gehen mit der Sicherheit, dass der Vater im Himmel auf uns aufpasst und uns Signale aufstellt.
  • Dass wir uns von unseren Ängsten nicht beherrschen lassen, sondern mutig Gottes Willen vertreten und ihn auch gegenüber Leuten vertreten, die uns bedrohen.
  • Dass wir wissen, wozu wir da sind: Gott Freude zu machen und seine Liebe weiterzugeben.
Gott ähnlicher zu werden, ist das erste Ziel, das Johannes nennt, das zweite Ziel ist, dass wir Gott sehen, wie er wirklich ist. Das ist uns für dieses Leben leider nie möglich, wir werden ihn glasklar erkennen, und im nächsten Moment wieder zweifeln, ob Gott wirklich der ist, den wir gerade gesehen haben.

Vor ein paar Wochen saß ich beim Friseur. Gerade war die Brücke in Genua eingestürzt. Die Friseurin neben mir erzählte, wie sie vor wenigen Tagen mehrmals über diese Brücke gefahren ist und schloss „da hat der liebe Gott wirklich auf uns aufgepasst“. Ich war sehr ergriffen, wie diese Frau hier im Friseursalon ein ehrlich gemeintes Zeugnis ihres Glaubens gab. Es war nicht einfach so dahingesagt. Doch schon wenige Augenblicke später rumorte es in mir: Was sagen die Angehörigen der Opfer, die von der Brücke erschlagen wurden? Hat der liebe Gott auf sie nicht aufgepasst? In dieser Zwiespältigkeit erleben wir Gott, für den einen eine Bewahrung, für die andere eine Katastrophe. Das zeigt uns, dass wir eben noch in der Holzwerkstatt sind, der Bildhauer ist noch nicht fertig mit uns. Wir können nur das Ungeklärte und Unerklärliche stehen lassen und hoffen, dass es in Gottes Ewigkeit aufgelöst wird.

Beste Arbeitsbedingungen
Um am Holzblock zu arbeiten, ist Ruhe nötig. Ein Holzblock, der auf einer Rüttelplatte steht, kann nicht geformt werden. Wir stehen oft auf Rüttelplatten aller Art. Hetzen von A nach B, lassen uns ablenken und haben ein Gedankenkarussell am Laufen, wenn das Licht abends ausgeht. 

Eine Lehrerin erzählte mir, dass an ihrer Schule neuerdings Elternabende veranstaltet werden, um Eltern mit dem Medienverhalten ihrer Kinder vertraut zu machen. Oft läuft deren Handy durch, sie bekommen nachts Nachrichten, reagieren, sind dann wach und morgens todmüde. So wirbt die Schule dafür,  „Handygaragen“ einzuführen. Abends wird das Handy – auch das der Eltern – in die Handygarage gelegt und „schläft“ dort die Nacht über.

Ich finde solch eine Garage echt nachahmenswert. Vielleicht nicht nur für Handys, sondern auch für Unerledigtes, Sorgen, Probleme, Kummer und Wut. Ganz zeichenhaft diese Gemütszustände in die Garage zu legen und Gott zu bitten, sich darum zu kümmern, kann zu einem ersten Schritt in die Ruhe führen. 

Aber nicht nur Orte helfen, Ruhe ins Leben zu bekommen, auch kraftschenkende Freundschaften und Menschen, die uns zuhören und verstehen, die für uns beten und uns ein Fenster zur Hoffnung aufschließen.

Schon jetzt motiviert
Als Ziel wird genannt, „rein von Schuld“ zu sein. Damit ist ein Leben nach Gottes Willen gemeint, wie Jesus es führte. Doch wir werden natürlich nicht ohne Fehler durchs Leben gehen. Die Fehler sind Chancen zum Verändern und Lernen. Wichtig ist wohl, dass wir überhaupt anfangen, ernsthaft Gott an uns wirken zu lassen.

Wie das geht – aus der Zuschauerrolle herauszukommen und uns selbst auf die Werkbank Gottes begeben. Nicht kommentieren, was Gott alles an anderen tun könnte, damit sie ihr Leben besser auf die Reihe bekommen, sondern selbst Gott fragen: Was ist bei mir dran? Was kann ich mit deiner Hilfe verändern? Wo willst du mir neue Lebensräume zeigen? Wo brauchst du mich in deiner Welt?

Wir sind, solange wir leben, nicht perfekt und nicht fertig, aber auf dem Weg dahin. Gott hat uns lieb und will, dass wir heranwachsen und ihm die Ehre geben, indem wir sein Wesen in uns tragen und widerspiegeln.

Cornelia Trick


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