Leben in Beziehungen (Epheser 4,22-26+29)
Gottesdienst am 15.7.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
als wir noch zwei Meerschweinchen hatten, konnten wir ihr Verhalten sehr gut studieren. Sie kamen normalerweise gut miteinander aus, teilten sich das Futter, stupsten sich an zum Spielen, wärmten sich an kalten Tagen. Eine war dominanter als die Andere. Sie durfte im Haus schlafen, die Andere davor, sie holte sich die Salatblätter sofort ins sichere Haus, und die Andere war offensichtlich damit einverstanden. Aber an manchen Tagen gab es im Käfig dicke Luft, sie knurrten sich an, gingen in Kampfstellung aufeinander los, verfolgten sich Runde um Runde ums Haus. Da half nur noch ein menschliches Machtwort, um sie voneinander zu trennen. Als dann Eine starb, entwickelte die Andere eine heftige Trauerreaktion. Das Gerangel war vergessen, sie brauchten sich gegenseitig.

So sind wir Menschen ja auch. Wir leben überwiegend friedlich zusammen, doch wie aus dem Nichts kann es zu Streit kommen, und manchmal findet man nicht selbst den Weg heraus zum Frieden. Schlimm ist es, wenn die Konflikte überhand nehmen, der Zufluchtsort Zuhause zum Kampfplatz wird. Da fehlt die Basisstation zum Aufladen, die emotionale Erde, um gut darin wachsen zu können. Darunter leidet auch die Gottesbeziehung, ist sie doch eng verbunden mit unseren persönlichen Erfahrungen von Gemeinschaft, Vertrauen und Wärme.

Der Epheserbrief thematisiert zunächst das Fundament des Glaubens an Jesus Christus. Jesus ist die Hand Gottes, die er uns entgegenstreckt und in die wir einschlagen können. Jesus lädt uns ein, Bürger im Himmel zu werden, er gibt uns jetzt schon einen Pass, der uns die Einwanderung sichert. Dieses Bürgerrecht, das bis jetzt nur dem auserwählten Volk Gottes galt, ist nun durch Jesus für alle Menschen gültig. Juden und Nichtjuden können zu Gott kommen. 

Wer den Pass für ein Bürgerrecht im Himmel bekommen hat, wird – so das Bild des Epheserbriefes – neu eingekleidet. Die alten Kleider zeichneten ihn als Bürger dieser Welt ohne Gottesbezug aus, die neuen Kleider weisen hin auf den Pass, den Jesus ihm schenkt.

Epheser 4,22-24
Deshalb sollt ihr den alten Menschen ablegen, denn er entspricht der früheren Lebensweise. Er wird zugrunde gehen aufgrund seiner trügerischen Lust. Lasst euch stattdessen dadurch erneuern, dass der Heilige Geist in eurem Verstand wirkt. Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Kleid. Denn er ist nach Gottes Bild geschaffen und dadurch fähig zu wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Wir werden aufgefordert, unser altes Leben ohne Jesus Christus abzulegen wie alte Kleider. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit alten Kleidern geht. Wenn ich etwas Neues habe, dann schone ich es noch Wochen und Monate lang. Ich trage meine abgetragenen Klamotten, obwohl das Neue im Schrank wartet. Meistens geht das so lange, bis das Alte wirklich kaputt ist und das Neue schon unmodern geworden ist. Aber es gibt mir ein gutes Gefühl, etwas in Reserve zu haben für den Fall, dass ich es spontan brauchen könnte.

Wenn ich das auf mein Leben mit Gott übertrage, bedeutet das, meine alten Gewohnheiten, die zu Jesus nicht mehr passen, behalte ich bei. Ich versuche zwar, das neu Gelernte zu integrieren, aber das Alte ist mir vertrauter, passt besser, ist bequemer. Und als Option ist das neue Verhalten ja immer in Greifnähe.

Der Brief an die Epheser macht Mut, das Alte endgültig auszusortieren und das Neue einzuüben. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen, sondern ist ein wohl lebenslanger Prozess, so ähnlich, wie wir ja auch lebenslang beschäftigt sind, den Keller immer wieder aufzuräumen.

Die neuen Kleider helfen uns, zu den Menschen zu werden, die Gott in uns sieht und an denen er sich freuen will. Sie bringen das Beste in uns zum Vorschein. Sie spiegeln Gottes Wesen in uns, lassen uns barmherzig, vergebungsbereit, gerecht, treu und zuverlässig unseren Mitmenschen gegenüber sein.

Wie ich meine neuen Klamotten erst mal meinen Lieben vorführe, bevor ich sie in der Öffentlichkeit trage, so ist es wohl auch mit diesen neu einzuübenden Verhaltensweisen. Wir probieren sie zuerst im geschützten Raum aus, in unserer Partnerschaft, bei Freunden, in unserer Familie, in der Gemeinde.

Drei Themenfelder habe ich aus den weiteren Ausführungen des Epheserbriefes herausgegriffen.

Die Wahrheit sagen
Deshalb sollt ihr die Lüge ablegen, und jeder soll seinem Nächsten die Wahrheit sagen. Denn wir alle sind Glieder am Leib von Christus. (Epheser 4,25)

In unserer vertrauten Umgebung geht es meistens nicht um fette Lügen, sondern die kleinen Unwahrheiten, die den Strom der Liebe schmälern und ins Stocken bringen. 

Da sind zum einen die guten Wahrheiten, die wir einander nicht oder zu selten sagen: „Ich bin so froh, dass es dich gibt – ich mag dich so, wie du bist – du tust mir gut, und ich bin glücklicher mit dir als ohne dich.“ So oft gehen diese Wahrheiten im Alltag unter. Wir halten es häufig für selbstverständlich, dass der oder die Andere weiß, was ich für ihn oder sie empfinde. Warum nochmals sagen? Es geht sicher nicht um einstudierte stereotype Worte, sondern um den Dünger für die Beziehungen, die Anerkennung, dass wir einander wichtig sind, die Erinnerung, dass das Zusammensein niemals selbstverständlich ist.

Es gibt die ernsten Wahrheiten, die wir uns leicht vorenthalten. Statt ehrlich miteinander zu reden, halten wir unsere Kritik, unseren Ärger, unsere Irritation, auch unser Schuldeingeständnis zurück. Warum? Vielleicht aus Angst, die Beziehung zu gefährden und schlechte Stimmung zu verursachen. Vielleicht aus Scham, dass ich so empfinde oder so fehlbar bin. Vielleicht auch aus Angst vor den Konsequenzen der Wahrheit, die schmerzhaft sein könnten. Doch Zurückhalten bedeutet, dass etwas unter der Oberfläche gärt und irgendwann mit Macht aufbricht. Oder im Bild der Kleider, dass die neuen Kleider einfach nicht über die alten Kleider drübergehen, wir uns wundern, dass sich trotz Jesus nichts bei uns verändert.

Jesus gibt uns die Freiheit, unsere Masken und Verstellungen abzulegen. Dass wir Wahrheit einander nicht an den Kopf knallen, versteht sich von selbst. Wir haben nicht das Recht, einander die alten Kleider vom Leib zu reißen, es geht zuerst um unsere eigene Kleidung. So werden wir fähig, selbst ehrlich und wahrheitsgetreu zu reden, und unser Gegenüber kann sich öffnen, er weiß, woran er mit uns ist.

Zorn eindämmen
Euer Zorn soll nicht dazu führen, dass ihr Schuld auf euch ladet! Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. (Epheser 4,26)

Nie bin ich so zornig geworden als in der Zeit, als die Kinder klein waren. Sie kannten wohl ganz genau meine Schwachstellen und konnten meisterhaft darin bohren, bis ich buchstäblich geplatzt bin. Es war eine sehr lehrreiche Zeit meines Lebens. Ich lernte meine Begrenzungen kennen, war Jesus sehr dankbar für das täglich neue Vergeben und lernte wirkungsvolle Strategien der Selbstbeherrschung, eine davon: „Geh schnell ins Bad und schließe die Tür hinter dir, bevor du explodierst.“ Wie gut, dass das Bad eine Tür hatte.

Zorn ist wie ein Sturm, der Dächer abdeckt, Autos durcheinanderwirft und Bäume entwurzelt. Danach bleibt ein wüstes Beziehungsfeld, das mühsam wieder aufgeräumt werden muss. Manches geht endgültig kaputt, manche zornigen Sätze bleiben ein Leben lang in die Seele tätowiert, auch wenn später der Satz fällt: „Es war doch nicht so gemeint.“ Irgendetwas bleibt doch hängen.

Zornig werden wir, wenn wir uns ungerecht behandelt fühlen, jemand in unsere innerste Zone der Seele eindringt, unseren Stolz verletzt oder an wunden Stellen ansetzt. Zornig werden wir nicht nur persönlich, sondern auch, wenn wir an politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen scheinbar nichts ändern können, ohnmächtig zuschauen müssen, wie Entscheidungen gegen unseren Willen getroffen werden. Viele Stuttgarter waren zornig, weil Stuttgart 21 gebaut wurde, obwohl sie gute Argumente dagegen hatten, die bis heute nicht widerlegt sind.

Wir werden den Zorn als eine Gefühlsreaktion nicht aus unserem Herzen herausoperieren können, und selbst Jesus wurde zornig, als er die Händler im Tempel in Jerusalem sah. Neue Kleider werden den Zorn nicht stilllegen, aber sie helfen, ihn zu kanalisieren. Der Zorn sollte in produktive Energie umgewandelt werden, die verändert und näher zu Gott bringt. So rät der Epheserbrief, den Konflikt noch vor der Nacht zu bereinigen, von Zorn befreit zu schlafen, damit am nächsten Tag ein neues Kapitel aufgeschlagen werden kann.

Bei einem Hausbesuch zu einem Ehejubiläum erzählten einmal die Ehepartner, wie es ihnen gelungen ist, sich immer vor der Nacht zu versöhnen. Sie sagten, ihre Strategie hatte sie davor bewahrt, ihre Meinungsverschiedenheiten zu kultivieren. Sie zwangen sich, das Verbindende spätestens am Abend wieder zu suchen. Das war ihnen bestimmt nicht immer leicht gefallen, aber es hatte zum Frieden in der Ehe beigetragen. Vielleicht reicht manchmal schon eine so simple Aufforderung, um den Sturm nicht in einen Hurrikan ausufern zu lassen.

Es ist, wie wenn Jesus uns mitten im Wüten am Arm packt und uns ins Ohr flüstert: Hör auf, was du jetzt sagen willst, stimmt erstens nicht, zweitens meinst du das jetzt nicht wirklich so, und drittens, denk dran, heute Abend wirst du sowieso wieder zurückrudern. Also was soll´s, spar dir deine Energie und nutze sie für etwas Sinnvolleres, als dein Gegenüber in Grund und Boden zu schreien.

Als junge Mutter bin ich ins Bad gegangen, habe mich gegen die Tür gelehnt, ganz tief durchgeatmet und mir bewusst gemacht: Jesus ist da, er hilft – ein kurzes Stoßgebet zum neu Verbinden mit seiner Kraft und Weisheit.

Gute Worte sagen
Kein böses Wort soll über eure Lippen kommen. Vielmehr sollt ihr stets ein gutes Wort haben, um jemanden aufzubauen, wenn es nötig ist. Dann bringt dieses Wort denen Gnade, die es hören. (Epheser 4,29)

Worte prägen. In einem Lehrgang wurden wir aufgefordert, einen Satz unserer Kindheit zu benennen, der uns bis heute geprägt hat. Es fiel niemand von uns schwer, diesen Satz zu finden. Wir hatten ihn im Ohr und im Herzen. Und tatsächlich war er eine Leitschnur für manche Entscheidungen unseres Lebens. Faszinierend. Gute Worte geben Kraft, Zuversicht, Selbstvertrauen und Gottvertrauen. Schlechte Worte können lebenslangen Schmerz verursachen und uns an wichtigen Schritten hindern. Für die uns gesagten Worte können wir nichts. Damit müssen wir leben und können sie Jesus anbefehlen, der sie mit unseren alten Kleidern im Müllcontainer entsorgen soll.

Aber für unsere neuen Worte sind wir verantwortlich. Sie sollten von Gottes Zuwendung, von seiner Liebe zu uns getränkt sein. Was sagen wir einander, um uns zu ermutigen, Kraft zu geben, einander zu fördern? Tauschen wir in unseren Gesprächen Neuigkeiten über die Nachbarn oder die Weltpolitik aus, oder reden wir über uns? Unsere Ängste vor der politischen Entwicklung, unsere Sorge um die Nachbarn, unsere Sehnsüchte, Träume und Bedürfnisse?

Der Epheserbrief legt uns ans Herz, das weiterzugeben, was wir von Jesus empfangen haben, Gnade. Um dieses Wort in alltagstaugliche Sprache zu übersetzen, könnte man auch sagen, wir geben uns Entlastung, wir vergeben einander, wir nehmen die Vergebung des Gegenübers an, wir vergewissern einander: Du gehörst zu Gott.

Gute Worte können fruchten in einer Atmosphäre von Vertrauen und Lebensmut, sie fallen auf diese Erde und bewirken, dass wir uns öffnen und Gottes Möglichkeiten ergreifen.

Neue Kleider, die Jesus uns durch seinen Geist schenken will, haben sehr konkrete Formen. Sie äußern sich in Wahrheit, Zuwendung und Ermutigung für die, die mit uns unterwegs sind. Und vielleicht entsteht so der Raum, um Gott miteinander zu loben und zu singen, wie es weiter heißt:

Tragt euch gegenseitig Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder vor. Singt für den Herrn und preist ihn aus vollem Herzen! Dankt Gott, dem Vater, zu jeder Zeit und für alles – im Namen unseres Herrn Jesus Christus. (Epheser 5,19-20)

Cornelia Trick


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