Kennzeichen eines Christen (Matthäus 12,46-50)
Gottesdienst am 27.8.2017 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ein neuer Nachbar von gegenüber steht an seinem Auto. Auf der Heckklappe seines Autos klebt ein Fisch. Ich spreche ihn an: „Vielleicht haben wir Gemeinsamkeiten. Wie ich sehe, sind Sie Christ. Gehen Sie in eine Gemeinde?“ Er schaut mich irritiert an: „Ja, ich bin Christ, aber wie kommen Sie darauf?“ „Na, ich sehe Ihren Fisch-Aufkleber, das Erkennungszeichen der ersten Christen in Rom.“ „Ach, antwortet er, das Auto habe ich gebraucht gekauft und mich schon die ganze Zeit gefragt, was dieser Fisch wohl bedeutet, ob das irgendeine Reklame von Nordsee ist.“

Kennzeichen sind dafür da, dass man sich erkennt und von anderen erkannt wird. Sie machen nur Sinn, wenn sie bekannt sind. Sonst kann ein Christen-Fisch leicht für Nordsee-Reklame gehalten werden.

John Wesley, der Begründer der methodistischen Bewegung vor gut 250 Jahren, hatte großen Zulauf. Viele fanden durch seine Predigten Gottes Liebe und gründeten Gemeinden. Andere schauten von außen auf die Bewegung und waren skeptisch. Wofür stand John Wesley? Was waren die Inhalte, die er den Menschen weitergab?

1742 veröffentlichte Wesley eine Schrift mit dem Titel „Kennzeichen eines Methodisten“. Er wollte seinen eigenen Leuten und denen, die die Bewegung kennenlernen wollten, Kennzeichen an die Hand geben, woran man Methodisten erkennen konnte. 

Das erste Kennzeichen ist allen Christen gemeinsam. Jesus hat jeden und jede, die an ihn glaubt, in seine Familie aufgenommen. So ist das, was Methodisten ausmacht, auch Merkmal aller anderen Christen, denn sie gehören zu einer Familie.

Matthäus 12,46-50

Während Jesus noch zu der Menschenmenge sprach, kamen seine Mutter und seine Brüder dazu. Sie standen vor dem Haus und wollten ihn sprechen. Einer aus der Menge sagte zu Jesus: »Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sprechen!« Jesus antwortete ihm: »Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?« Dann streckte er seine Hand über seine Jünger aus und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer tut, was mein Vater im Himmel will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«

Diese Szene aus dem Leben Jesu wirkt sehr anschaulich. Jesus ist unterwegs mit seinen Jüngern, während seine Familie ihn nicht versteht. Eigentlich wäre sein Platz in der Werkstatt seines verstorbenen Vaters. Er hätte sich als Erstgeborener um den Familienbetrieb zu kümmern. Die Familie hatte das erste Anrecht auf Jesus. Nun stehen sie vor der Tür, können gar nicht direkt an Jesus herankommen, weil so viele Menschen sich um ihn drängen. 

Jesus scheint seine Familie vergessen zu haben. Er macht mit seinem Nachsatz deutlich, Familie sind für ihn die, die Gottes Willen beherzigen und tun, nicht die, die gleiche Gene im Erbgut haben. Vielleicht ist diese Aussage nicht nur als Abfuhr an seine Herkunftsfamilie zu verstehen, sondern auch eine Werbung. Sie sind sehr wohl seine Familie, wenn sie mit ihm Gottes Leitung vertrauen.

Kennzeichen der Familie Jesu ist also nicht ein besonderer Stammbaum, eine besondere Stellung oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder Kirche. Wer zur Familie Jesu gehört, entscheidet sich daran, ob er so lebt, wie Gott es will – egal ob Methodist, lutherisch, katholisch oder eher charismatisch orientiert. 

In John Wesleys Schrift „Kennzeichen eines Methodisten“ wird das ausführlich dargestellt.

Im Herzen ist die Liebe Gottes ausgegossen

Stellen wir uns das Herz als eine Schüssel vor. Sie ist mit undefinierbar aussehender Flüssigkeit gefüllt. Da sind Schmerz, Enttäuschung, Lebenslust, Freude, gute und schlechte Erfahrungen gemixt. Nun gießt Gott seine Liebe in diese Herz-Schüssel, klares, sprudelndes Quellwasser. Die trübe Flüssigkeit wird nicht auf einmal ersetzt, die Liebe Gottes vertreibt das Schwere allmählich. Bei dem Einen geschieht das mit einem großen Schwall am Anfang. Mit einem Mal weiß man, dass sich etwas radikal geändert hat, man weiß sich geliebt von Gott. So war es bei John Wesley, als er am 24.5.1738 abends die Vorrede Luthers zum Römerbrief im Gottesdienst hörte und diese Liebe ihn durchströmte und alles neu machte. Doch meistens fließt Gottes Liebe erst nach und nach in unser Herz. Vielleicht sind unsere Zugangswege zu eng, wir erwarten gar nicht die große Veränderung, sind mit ein bisschen Gottesliebe schon zufrieden. 

Wenn diese Liebe Gottes ins Herz kommt, geschieht etwas, das von anderen wahrgenommen werden kann:

  • Ich bin sicher, dass Gott mich auf dieser Welt will.
  • Ich bilde mir nichts darauf ein, dass ich Gottes Liebe spüre, es ist ein Geschenk.
  • Ich weise auf Jesus hin, der diese neue Kraft in meinem Leben ermöglicht hat.
Um es mit einem Vergleich deutlich zu machen: Wenn mir ein Kleid gut passt, dann hänge ich mir kein Schild um den Hals, auf dem steht: „Seht mal, wie toll ich bin, dass dieses Kleid mir passt“, sondern ich trage ein Schild vor mir her mit der Aufschrift: „Seht die tolle Schneiderin, da müsst ihr auch hin“.

Deshalb dankbar in allen Dingen

Der Gegensatz zu dankbar ist undankbar. Undankbare Menschen nehmen Geschenke als selbstverständlich hin. Sie vergessen, wenn ihnen geholfen worden ist. Sie fordern Unterstützung ohne Bereitschaft selbst zu helfen. Sie sagen nicht danke, wenn sie gelobt werden.

Eine dankbare Lebenshaltung dagegen weiß darum, dass nichts selbstverständlich ist, schon gar nicht das Gute. Sie hat eine 360-Grad Sicht. Nach oben: Ich weiß, von wem mir Gutes im Leben zukommt, von Gott. Ich akzeptiere, dass ich von ihm abhängig bin und ihn brauche. Zur Seite: Ich bin dankbar auch für Kleinigkeiten unterwegs. Ich danke anderen, die mir auf meinem Weg unter die Arme greifen, das ist nicht selbstverständlich für mich. Ich bewahre die Erinnerung an solche Erfahrungen auf und lerne von ihnen, selbst andere zu unterstützen. Nach unten: Ich bin auch denen dankbar, die von mir abhängig sind. Sie lehren mich viel: Barmherzigkeit, Selbstbeherrschung, einen authentischen Lebenswandel und Arbeitsstil, der Vorbild sein kann. Sie geben mir Anerkennung, die mir gut tut, und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Beten ohne Unterlass

Wie soll Beten ohne Unterlass gehen, wenn wir voll im Alltag gefordert sind? Seit einigen Tagen habe ich ein Fitness-Armband, eigentlich eine nette Spielerei. Es zeichnet auf, wie viele Schritte ich täglich gehe, wie lange meine Schlafphasen sind, es gibt über Ernährung Auskunft und vibriert, wenn ich einen Anruf bekomme. Abends werde ich gelobt, wenn ich mehr als das Tagesziel gelaufen bin, und morgens informiert, wenn mein Schlaf zu kurz war. 

Beten ohne Unterlass ist für mich, als wäre Jesus mein Fitnessarmband. Er ist immer mit dabei, registriert meinen Pulsschlag, meine Schritte, meine Gespräche, sogar meine Ernährung. Anders als bei meinem Armband sind seine Antworten nicht vorhersehbar, deshalb viel spannender. Was sagt er mir am Abend über meinen Tag? Wahrscheinlich nicht immer „Bravo, du bist gut gelaufen“. Was gibt er mir morgens mit? Wann leuchtet der Alarm, dass ich besser den Mund halte oder einen Anruf tätige?  Einen Streit von mir aus beende?

Beten ohne Unterlass meint, Jesus ist in meinem Alltag immer dabei und beteiligt, dazu gehören Minuten, wo ich in der Stille mit ihm rede, aber auch der ganz normale Wahnsinn, wo meine Gedanken ganz woanders sind.

Ein reines Herz haben

Ist die Herz-Schüssel mit klarem Wasser gefüllt, ist der Dreck vertrieben. Zu einem Leben als Christ gehört Seelenhygiene. Anders als bei der Wasserschüssel kann ich meine trüben Brocken ganz gut festhalten. Das Quellwasser umspült sie dann, aber sie bleiben im Herzen. So ist es von Zeit zu Zeit nötig, dass ich mir Rechenschaft ablege: Welche Gedanken machen mir zu schaffen? Wo lebe ich bewusst gegen Gottes Willen? Welcher Schmerz will einfach nicht heilen? Was macht mich immer wieder wütend und verletzend? Diese Brocken kann ich Jesus übergeben und ihn bitten, dass er sie fortträgt und mich frei macht.

Gutes allen Menschen tun

Die einzige Regel, was wir zu tun haben, sieht John Wesley in seiner kleinen Schrift in Kolosser 3,17 zusammengefasst: „Alles, was ihr tut und was ihr sagt, soll zu erkennen geben, dass ihr Jesus, dem Herrn, gehört.“

Zachäus begegnete Jesus, erfuhr, wie er durch Jesus eine neue Chance bekam. Seine Herz-Schüssel wurde bei einem Abendessen von Gottes Liebe geflutet, sodass sich sein Leben komplett änderte. Den Willen Gottes tat er von sich aus, gab alles erpresste Geld den Armen und noch mehr dazu. 

Wir sind nicht Zachäus, aber die Reihenfolge ist bei uns die gleiche. Haben wir Gottes Liebe erfahren, so sehnen wir uns danach, sie andere spüren zu lassen, und geben sie weiter, wo immer wir können. Hoffentlich.

Die „Kennzeichen eines Methodisten“ nehmen wir vielleicht in die Hand, um zu erfahren, wie nun die Methodisten wirklich sind. Wir erfahren aber letztlich, wie Christen sind, egal zu welcher Glaubensrichtung sie sich halten. Es geht Methodisten wie Christen darum, die Bibel ernst zu nehmen: Die Liebe Gottes anzunehmen, sich verändern zu lassen und sie weiterzugeben.

Daran sollte man uns erkennen: Wir sind sicher, dass Gott uns liebt, und mit Brüdern und Schwestern, die an Jesus glauben, in der Liebe zu Gott und allen Menschen vereint. So hat Jesus sich seine Familie gewünscht.

Cornelia Trick


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