Ja zum Abenteuer
Gottesdienst am 04.03.2007

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ein Freund von mir wollte mir sein neues Auto vorführen. Er nahm mich mit auf eine Spritztour durch den Taunus. Dabei nahm er die Kurven mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ich mich schon im Steilflug zum Friedhof wähnte. Was mich an dieser Fahrt einzig beruhigte war, Vorbeifliegende Landschaftdass der Freund noch nie einen Unfall hatte, zu Hause seine Frau und Kinder auf ihn warteten und er einen durchaus glücklichen und zuversichtlichen Eindruck machte. Auch wusste ich, dass er weder Alkohol noch Drogen zu sich genommen hatte, denn wir waren vorher beim Essen zusammen, und seine Fahrerlaubnis auf dem neusten Stand war. Allerdings stellte ich mir vor, ich hätte den Fahrer kaum gekannt. Ich hätte wohl die Notbremse gezogen (was auch immer das in voller Fahrt heißt ...) und wäre mitten auf dem Feldberg bei Nacht ausgestiegen. Die entscheidende Frage bei dieser Fahrt durch den Taunus, die mir der Freund stellte, war: Vertraust du mir oder nicht?

Mein Leben gleicht oft einer solchen Spritztour. Ich befinde mich in voller Fahrt, anhalten ist unmöglich, und es geht nur darum, heil anzukommen. Alles wird davon abhängen, ob es jemand gibt, der bei meiner Fahrt das Steuer in der Hand hält und mich sicher zum Ziel bringt. Und ob ich dem vertraue, bei dem ich auf dem Beifahrersitz sitze. 
Um Vertrauen geht es bei einer Begegnung von Jesus mit seinen Jüngern mitten in der Nacht.

Matthäus 14,22-24
Hinein in die Katastrophe

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Zur Vorgeschichte: Jesus hatte 5000 Menschen durch ein Wunder gesättigt. Es war inzwischen später Nachmittag geworden. Noch lagerten die zufriedenen Leute in einer wüstenähnlichen Gegend. Doch Jesus drängte seine 12 Jünger, ohne ihn schnell aufzubrechen, um mit dem Boot nach Genezareth über den See zu rudern. Er selbst zog sich gegen Abend auf einen Berg zurück, um in der Einsamkeit mit seinem Vater im Himmel zu reden, seinen inneren Akku aufzuladen und sich seiner Kraft und Liebe wieder neu zu vergewissern. Er brauchte die Stille, ohne schon wieder gefordert zu werden.

Währenddessen bahnte sich auf dem Wasser ein Drama an. Ein Sturm, meterhohe Wellen, Dunkelheit und ein Boot mit 12 Männern, von denen einige diesen See wie ihre Westentasche kannten, doch hilflos kapitulieren mussten. Das Boot verwandelte sich in der Nacht in eine Nussschale, die auf den Wellen tanzte und jeden Moment ihren Inhalt auskippen konnte. 

Auch wenn der nächste große See für uns in Neuenhain sehr weit ist und wir höchstens von Filmen Seenot kennen, werden wir uns in dieser Nussschale wahrscheinlich wiederfinden. Es gibt genug Lebenssituationen, die sich wie Seenot anfühlen, Phasen des Übergangs in eine neue Lebensphase, persönliche Krisen und Verletzungen, die zu schmerzenden Narben führen, Probleme, die wie eine Wellenwand über uns zusammenzubrechen drohen oder Gegenwind am Arbeitsplatz, wenn unsere Arbeitsergebnisse andauernd in den Mülleimer geworfen werden. Es kann auch mitten in Deutschland einen Seesturm geben, der uns nackte Existenzangst beschert.

Matthäus 14,25-27
Existenzangst

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen:  Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

Mitten in ihrem Existenzkampf erblickten die Jünger einen Schatten auf dem Wasser, der sich ihnen näherte. Sie hatten offensichtlich vergessen, dass Jesus alle Macht von seinem Vater im Himmel bekommen hatte. Sie rechneten überhaupt nicht mit ihm. In dem Schatten sahen sie ein Gespenst, das ihnen noch zusätzlich Angst machte. Doch Jesus stellte sich ihnen vor: "Ich bin es!" Es war sein Vollmachtswort, mit dem er bei den Jüngern die Erinnerung anklickte: "Ich bin das Brot des Lebens!" So hatte er noch vor Stunden vor den 5000 Menschen von sich geredet. Und dieses Brot des Lebens ist nicht nur für den körperlichen Hunger zuständig, sondern auch für die Angst ums Überleben. Jesus kam zu den in ihrer Nussschale schaukelnden Männern, sie waren nicht mehr allein.

Doch warum näherte Jesus sich den Jüngern zu Fuß über das Wasser laufend? Warum musste es so wundersam auf dem See Genezareth zugehen? Warum brach Jesus hier die Naturgesetze und macht uns heute die Geschichte so schwer verständlich? Hätte er nicht auch anders helfen können?

Offensichtlich wollte Jesus auf dem See die Aufmerksamkeit der Jünger auf sich ziehen. Er wollte nicht einfach den Sturm stillen und dann zum Alltag zurückkehren. Er wollte den Jüngern etwas Neues zeigen, eine Lektion erteilen, sie im Glauben weiterbringen. Wäre der Sturm einfach abgeebbt, hätten sie diese Nacht sicher schnell vergessen. Aber Jesus ging es gar nicht zuerst darum, das Wasser zu beruhigen. Er wollte die Jünger in ein neues Thema einführen: Jüngerschaft extrem.

Allerdings merkte das nur Petrus. Die anderen 11 blieben Zuschauer in ihrem Boot. Sie ließen die Gelegenheit verstreichen, die Unterrichtseinheit mit dem eigenen Leben nachzuvollziehen.
Sind wir bei Petrus oder den 11? Lassen wir uns auf das Abenteuer "Jüngerschaft extrem" ein oder schauen wir erstmal zu?

Matthäus 14,28-29
Herausforderung

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her!

Petrus wollte auf dem Wasser laufen lernen. Er sah die Herausforderung, aber er stürzte sich nicht blind in die Fluten. Er war nicht einer jener heutiger Zeitgenossen, die den ultimativen Kick suchen, süchtig nach Adrenalin werden und von Bungee-Jumping zu Extremklettern oder Antarktis-Survival übergehen. Er suchte nicht die Selbstbestätigung, sondern wollte von Jesus gerufen werden. Er wollte im lauten Getöse des Seesturms Jesu Stimme hören und sicher sein, dass Jesus ihm dieses Laufen auf dem Wasser zutraute. Genauso wie "Komm her!" hätte Jesus auch rufen können: "Bleib da!", und Petrus wäre in der Nussschale geblieben.

Was sich hier so einfach anhört, ist doch in unseren Stürmen schwer umzusetzen. Da steht Jesus nicht leibhaftig vor uns auf dem Wasser, vor dem Bürofenster, an unserem von Alpträumen zerwühlten Bett. Wie können wir trotzdem seine Stimme hören?

Ich bin auf einen sehr interessanten Weg gestoßen, den ich ihnen als einen von unzähligen Weisen, wie Jesus durch seinen Geist heute mit uns reden will, weitergeben möchte. Bei den Quäkern, einer evangelischen Bewegung, die besonders in Amerika Fuß gefasst hat, ist es üblich, bei weit reichenden Entscheidungen Freunde aus der Gemeinde zusammen zu rufen, die ein Klärungskomitee bilden. Sie haben nur die Aufgabe, Fragen zu stellen, die der beantwortet, der nach der Stimme Gottes fragt. Parker Palmer, ein amerikanischer Theologe, wurde z.B. zum Dekan einer theologischen Hochschule berufen. Er war sich sehr unsicher, ob er diesen Ruf annehmen sollte und Jesus ihn wirklich aufs Wasser rief. Sein Klärungskomitee trat zusammen und die Freunde fragten ihn: "Was ist deine Vision für die Hochschule?", "Was kannst du von deinen Gaben einbringen?" usw. Bis ein Freund fragte: "Was gefällt dir daran, Dekan zu werden?" Und er zählte lauter Argumente auf, die gegen diesen Posten sprachen. Er wollte keine Anträge durchboxen, keine Stellen besetzen, keine Sitzungen abhalten, sich nicht mit der Hochschulleitung in die Wolle bekommen. Da fragte ihn ein anderer Freund: "Und warum willst du Dekan werden?" Er antwortete sehr ehrlich, wie man es nur bei sehr guten Freunden kann: "Weil ich mein Bild in der Zeitung sehen will." Spätestens jetzt war er sich sicher, dass nicht Jesus ihn zum Dekan berufen hatte, denn zu einem Bild in der Zeitung würde er auf einfacherem Weg kommen. 

Mich beeindruckt diese Geschichte von Parker Palmer, ich möchte mein Klärungskomitee einberufen, wenn ich Jesu Stimme nicht deutlich hören kann. Sie sollen mir nicht raten, sondern mich einfach fragen. Dann höre ich schon Jesus zwischen ihren Fragen deutlicher.

Matthäus 14,29
Der erste Schritt

Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

Hier wird uns das Herz der Lehrstunde Jesu mitgeteilt. Petrus hat wirklich den ersten Schritt gemacht. Er ist aus dem Boot gestiegen. Der erste Schritt aufs Wasser war der entscheidende. 

Mir geht es gerade so mit JesusHouse im April, das wir zusammen mit der evangelischen Kirche in Neuenhain durchführen. Der erste Schritt fällt unheimlich schwer. Es geht zuerst um Geld. Sollen wir wirklich grob geschätzte 4000 € investieren, um Jugendliche zu werben, 120 Plakate zu verteilen, 2000 Handzettel unter die Leute zu bringen? Werden wir das schaffen? Wird ein Jugendlicher von außerhalb zu JesusHouse kommen? Wird einer dort Jesus finden? Habe ich genug Zutrauen zu Jesu Ruf, und er hat wirklich sehr laut gerufen, dass ich mit ganzem Herzen ja sage und nicht mit kleinen, alten Brötchen, bzw. Wohnzimmertechnik, seinen Ruf umsetze? Petrus hat sich nicht am Boot festgehalten, er ist losgegangen. Traue ich mich? Und noch ganz andere Themen sind hier zu nennen: eine neue Aufgabe, ein Wort der Versöhnung ohne Rückzugsmöglichkeit, ein mutiger Schritt der Trennung von Krankmachendem, um einen neuen Anfang zu finden. Haben wir genug Glauben für den ersten Schritt?

Matthäus 14,30
Rückschlag

Als Petrus aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!

Petrus ließ Jesus einen Moment aus den Augen. Sofort sah er die hohen Wellen rings um sich, und sicher dachte er: "Mensch, auf was für einen Wahnsinn habe ich mich da bloß eingelassen?" Das Wasser hatte plötzlich seine Stabilität verloren, es gab nach, er sank. Diese Erfahrung machten die 11 im Boot nicht. Sie verharrten in einer Art Risikostarre. Statt auf Jesu Wort hin das Laufen auf dem Wasser wenigstens zu probieren, vermieden sie das Sinken und verpassten dabei eine ganz wichtige Erfahrung:

  1. Das Wasser hatte für ein, zwei Schritte gehalten,
  2. Jesus war immer noch da, er hörte den Hilfeschrei.
Die Geschichte wäre runder, wenn Petrus nicht auf die Wellen geschaut und den Weg bis zu Jesus ohne Sinken zurück gelegt hätte. Aber so ist die Erfahrung des Petrus uns viel näher. Denn auch wir schauen leicht zur Seite und auf unüberwindliche Problemberge. Auch wir lassen uns einschüchtern von Menschen, die vor uns ihre Muskeln spielen lassen, mit dem Anwalt drohen oder mit Kündigungspapieren wedeln. Auch wir sind keine Wasserläufer, sondern eher Wasserskifahrer, die umgefallen sind und hinter dem Boot hergezogen werden.

Wir kennen die Erfahrung des Petrus gut. Umso wichtiger für uns, von ihm zu lernen. Er ist kein Versager geblieben, auch wenn solche Geschichten wie auf dem See Genezareth sich noch öfter - bis hin zum Verrat ereignet haben. Er ist an diesen Erfahrungen gereift, um nach Jesu Auferstehung ein wichtiger Gemeindebauer zu werden. Wenn wir unsere Sinkpartien als Lehreinheiten integrieren, müssen wir sie nicht voller Scham in unser Lebensalbum auf die letzten Seiten verbannen, sondern können sie gut sichtbar postieren als Dokumente, dass Jesus uns etwas beigebracht hat.

Matthäus 14,31
Lernziel

Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Die entscheidende Frage lautete: Vertraust du mir oder nicht? Diese Frage stellte Jesus fernab der Öffentlichkeit unter vier Augen. Jesus lehrte Petrus am eigenen Leib, was Glaube heißt, auf Jesus sehen, wie hoch die Wellen und Berge auch sind. Die 11 im Boot konnten die Lektion auch mitbekommen, aber eher so wie Schulfernsehen, das es früher vormittags für kranke Kinder zu Hause in den 3. Fernsehprogrammen gab. Richtig gelernt hatte es nur Petrus, er war dabei, er hatte die nassen Klamotten an, er spürte den festen Händedruck Jesu, mit dem er ihn aus dem Wasser zog.

Matthäus 14,32
Rettung

Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich.

Die 11 im Boot lernten etwas anderes viel mehr, sie lernten zu warten. Denn der Wind legte sich erst, als Jesus mit Petrus wieder ins Boot geklettert war. Sie mussten in ihrer hin und her schwankenden Nussschale ausharren mit den widersprüchlichsten Gefühlen: Ach, wäre ich doch auch aufs Wasser gegangen zu Jesus, dann wäre ich ihm jetzt auch nahe. Wer weiß, wann diese Schaukelei endlich aufhört? Werden wir das wirklich überleben? Ist unser Boot sicherer als Jesu Hand?

Warten müssen auch wir lernen, die nicht in jeder Hinsicht unsere Boote verlassen. Jesus hilft zu seinem Zeitpunkt. Nicht immer hat unser Anliegen erste Priorität. Doch sicher ist, dass Jesus auch die 11 im Boot sieht und sich über sie erbarmt zu seiner Zeit. Ob ihre Zuschauerposition am Ende bequemer war, ist zu bezweifeln, aber ihren Herrn durften auch sie ganz nah erfahren.

So steht am Ende des Glaubenskurses auf dem Wasser das Glaubensbekenntnis, es ist Antwort auf die Erfahrung, dass Jesus entgegengekommen ist und gerufen hat. So kann es auch unsere Antwort sein auf Jesu Rufen heraus aus den Sicherheiten hinein in ein abenteuerliches Leben, das öfter einer Rallye durch den Taunus gleicht.

Matthäus 14,33
Glaubensbekenntnis

Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

(Anregungen zu dieser Predigt entnahm ich dem Buch "John Ortberg: Das Abenteuer, nach dem du dich sehnst.)

Cornelia Trick


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