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Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Die Palmsonntagsgemeinde
damals war nicht die Gemeinde Jesu heute. Für uns liegt Karfreitag
und Ostern schon hinter uns, für sie noch nicht. Doch kann es uns
gehen wie bei einem Brettspiel, das ich als Kind sehr gern gespielt habe.
Man würfelte, und die Zahl der Augen auf dem Würfel bestimmte, Palmsonntag kann ein solcher Rückfallpunkt sein. Man geht rückwärts und befindet sich auf einmal mitten in der damaligen Palmsonntagsgemeinde. Man ruft "Hosianna" und meint die eigenen Wünsche, Ziele, Vorstellungen und Pläne, die Jesus nun zum Erfolg führen soll. Natürlich geschieht das Zurückfallen nicht durch Würfeln. Drei mögliche Gründe kann es geben:
Der Hebräerbrief spricht
eine Gemeinde an, die mutlos und kraftlos geworden ist. Die Leute fragen
sich: "Was bringt uns der Glaube? Wir haben mit unserer Vergangenheit gebrochen,
aber die große Zukunft bleibt aus. Es geht nicht nach oben. Lohnt
sich das?" Die Lehre ist verblasst, die Erfahrungen mit dem Auferstandenen
liegen weit zurück, das eigene Leben scheint damit nichts mehr zu
tun zu haben. Die Gemeinde steht in der Gefahr, die Rückfall-Punkte
des Brettspiels anzusteuern und mit der jubelnden Menge damals Jesus aufzufordern,
das Leben endlich zu verbessern.
Hebräer 12,1-3 Die Wolke der Zeugen spornt an. Zu ihnen gehören Menschen aus dem Alten Testament, die den Blick für Gottes Willen bekamen und ihre Lebensplanung radikal von Gott bestimmen ließen. Von ihnen berichtete der Hebräerbrief zuvor, ihre Aufbrüche, ihren Mut und ihre Zielorientierung stellte er beispielhaft in dieser Wolke der Zeugen zusammen. Alle verband, dass sie noch warteten, das Ziel vor Augen hatten, aber noch nicht erreichten. Jesus ging den Weg zu diesem Ziel zu Ende, aber er ging ihn anders, als es die jubelnde Menge an Palmsonntag erwartete. Er ging nicht nach Jerusalem, um sich zum König krönen zu lassen, sondern er ging als König zur Kreuzigung. Das zeigte sich schon an Palmsonntag selbst. Sein Weg führte ihn in Jerusalem nicht zum Prätorium, wo die Herrschenden und Einflussreichen der Welt saßen, sondern zum Tempel, wo er auf Kranke und Kinder traf, die auf der gesellschaftlichen Stufenleiter ganz unten standen. Jesus ging den Weg nach oben zum himmlischen Vater in umgekehrter Richtung, als menschliche Wege nach oben aussehen. Begonnen hatte dieser Abstieg Jesu schon mit der Geburt. Seine Geburt gibt den deutlichen Hinweis darauf, wie sein Königtum in dieser Welt zu verstehen ist. Als Jesus geboren wurde, prallten zwei Könige und zwei Wertesysteme frontal aufeinander. Der eine König, Herodes der Große, lebte nach dem Motto "von unten nach oben", Jesus, der von Gott eingesetzte König lebte seinen Weg von oben nach unten. Herodes zeichnete sich aus durch Macht-Gier, Jesus durch Macht-Verzicht. Von Herodes dem Großen wissen wir aus geschichtlichen Quellen, dass er der Macht verfallen war, ja wohl wahnsinnig geworden ist beim Festhalten seiner Macht. Er wurde in eine politisch einflussreiche Familie geboren. Viele Gespräche am Familientisch werden sich um das Thema Politik gedreht haben. Dabei werden auch Ränkespiele und Pläne besprochen worden sein, den Gegner kalt zu stellen und die eigene Position zu festigen. Durch den gewaltsamen Tod seines Vaters erwachte in Herodes wohl ein Rachedurst. Die Mörder seines Vaters ließ er bei einem arrangierten Abendessen umbringen. Um sich Anhänger bei den Armen und von der Politik Vergessenen zu sichern, organisierte er während einer Hungersnot Kleiderspenden und andere Unterstützung. Seine Bauten dienten seinen eigenen Interessen. So ließ er den Tempel gewaltig ausbauen, um die Frommen auf seine Seite zu ziehen. Den herrschenden römischen Kaisern diente er sich je nach Großwetterlage an. Seine Regierungstätigkeit war davon gekennzeichnet, den eigenen Absturz zu verhindern. Brutales Vorgehen gegenüber Gegnern, Notfall-Festungen und Morde von zwei Ehefrauen und drei Söhnen waren deutlicher Beweis dieser Angst. Am Ende angekommen plante er noch ein letztes Attentat. Aus der Sorge, niemand könnte um ihn trauern, rief er alle Einflussreichen des Volkes zu sich ins Haus. Er wollte die Türen dann verriegeln und sie alle umbringen lassen. So wären genug zu betrauern gewesen und auch er hätte in diese Trauer des Volkes hinein genommen werden können. Aber sein letzter Plan wurde vereitelt, er starb einsam und ohne die Insignien der Macht, um die er lebenslang gekämpft hatte. An seinen Händen klebte Blut, das zu seinem eigenen Machterhalt vergossen wurde. Ganz anders Jesus, der Sohn Gottes, der Teilhabe an Gottes Macht und Herrlichkeit hatte und als Herr der Welt in einem Stall geboren wurde. Er verzichtete auf alle göttlichen Privilegien. Er zog umher ohne Heimat, Zuhause, Geld und Regierungsamt. Er blieb Zeit seines Lebens abhängig von der Versorgung anderer. Doch er widerstand dem Teufel. Seine Angebote der weltlichen Macht schlug er aus. Er ging den Weg in den Verbrechertod, verlassen von allen. Er ließ sich an die weltliche Macht ausliefern, obwohl er Herr der Welt war. Sein eigenes Blut vergoss er - nicht zum Machterhalt, sondern um die Welt zu retten. Herodes und Jesus sind mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander geprallt. Die Wende der Zeit ging einher mit einem gewaltigen Knall, dessen Auswirkungen sich auch im Kindermord des Herodes zeigten. Herodes Weg symbolisiert das Streben nach oben mit allen Mitteln, Jesus ging den Weg freiwillig nach unten. Wenn der Hebräerbrief der Gemeinde ans Herz legt, Jesus zu folgen, dann bedeutet es für sie, den Weg der Niedrigkeit zu gehen, nicht nach oben zu streben, sondern zu verzichten und wie Jesus für andere da zu sein. Das Aufsehen auf Jesus heißt, einen Absteiger anzubeten, der Vorbild ist. Jesus geht uns voran, um uns von der Sünde zu befreien, die er auf sich genommen hat. Die Macht der Sünde, so heißt es im Hebräerbrief, umgarnt uns wie ein Kleidungsstück, das uns einschnürt und das wir nicht selbst vom Leib bekommen. Dieses Kleidungsstück will Jesus uns vom Leib reißen, uns aus seiner Macht befreien. Das abgerissene Kleidungsstück können wir Jesus hinlegen, ihm aufbürden wie die Kleider, die die Leute Palmsonntag auf den Esel gepackt hatten. Wenn wir Jesus folgen auf seinem Weg nach unten, werden wir frei von unseren eigenen Vorstellungen vom gelingenden Leben. Wir müssen uns nicht unter Druck setzten oder setzen lassen, ein möglichst perfektes Leben mit Karriere und gutem Einkommen zu führen. Wir müssen nicht alles wunderbar gemanagt bekommen, um anerkannt zu sein. Darauf kommt es offensichtlich in der Nachfolge Jesu nicht an. Er möchte von uns beide Hände, damit wir seinem Ruf folgen, aufbrechen und den Weg gehen, den er für uns vorgesehen hat. Was in unserer Welt wie Abstieg aussieht, ist in Gottes Augen Aufstieg. Denn nur mit dem Absteiger Jesus werden wir ans Ziel kommen, wo ewiger Friede und ewige Gemeinschaft mit Gott sein werden. Nochmal zurück zum Brettspiel. Wenn man da auf einen roten Punkt gekommen ist und auf dem Weg zum Ziel weit zurückliegt, gibt es immer eine zweite Chance, beim nächsten Würfeln über die kritische Stelle hinwegzukommen. Vielleicht ist dieser Palmsonntag für uns eine solche zweite Chance. Neu können wir uns orientieren, nicht am Aufstieg der Schönen und Reichen unserer Zeit, für die Jesus höchstens ein Weichspüler ist, sondern an Jesus selbst, der mit seinem Weg in den Tod der stärkste Fleckenlöser ist, der uns frei macht von den Mächten, die uns von Gott wegbringen wollen. Cornelia
Trick
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