Gottes Güte leben
Gottesdienst am 20.02.2011

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
mit dem heutigen Sonntag „siebzig Tage vor Ostern“ wird unsere Blickrichtung geändert. Wir schauen nicht mehr zurück auf das Weihnachtsfest und Gottes Licht, das mit Jesus in die Welt gekommen ist, sondern wir schauen voraus auf Karfreitag und Ostern. Jesus, das Licht der Welt, geht ans Kreuz zum Heil der Welt. Er geht nicht allein, sondern lädt uns ein, seinen Weg zu begleiten.

Die sieben Wochen der Passionszeit ermöglichen uns ein enges Zwiegespräch mit Jesus Christus auf dem Weg. Wir hören auf seine Worte, lassen sie in uns wirken und verändern uns von innen. Wir rücken näher zu Jesus und lassen ihn in unser Leben, um nach außen auszustrahlen. 
Heute hören wir Worte Jesu, die er an seine Jünger im Blick auf die zukünftige Gemeinde nach seiner Auferstehung richtet. „Gottes Güte“ heißt seine Unterrichtsstunde und gibt wichtige Anweisungen für das Leben in Gemeinschaft.

Die Unterrichtsstunde ist in vier Lerneinheiten aufgeteilt

1 Vom Glauben abfallen
Lukas 17,1-2
Jesus sprach aber zu seinen Jüngern: Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen! Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt. Hütet euch!

Jesus stellt realistisch fest: Als Christen in dieser Welt werden wir verführt. Das 10. Gebot hält uns drastisch vor Augen, wie leicht wir zu verführen sind allein durch die Sucht nach mehr. Wir wollen mehr sein, mehr haben, mehr darstellen, die Gier nach mehr entfremdet uns von Gott. Wir hetzen der Erfüllung hinterher, doch suchen wir sie ständig auf der falschen Seite. Wie ein Taucher mit einem Schaden im Ohr. Er kann sich nicht mehr orientieren, sucht den Sauerstoff, aber schwimmt statt nach oben beharrlich Richtung Beckenboden.

Aber Jesus sagt auch, dass niemand aus der Gemeinde einen „Kleinen“ in die falsche Richtung ziehen sollte. Wer diese Kleinen sind, von denen Jesus redet, können wir nur vermuten. Sind es die Anfänger des Glaubens? Sind es kleine Kinder? Wer sind die Kleinen bei uns, die vor Verführung geschützt werden müssen? Sicher sind es die Anfänger und Anfängerinnen des Glaubens, die so aufnahmebereit wie ein Schwamm sind. Hören sie hier, dass Jesus für sie sorgt, oder bringt ihnen jemand bei, selbst die Schäfchen ins Trockene zu bringen, auf der eigenen Meinung zu beharren, statt nach Gottes Willen zu fragen, Recht haben zu wollen statt Gottes Liebe zum Ausdruck zu bringen? Aber auch die Kinder sind der besonderen Fürsorge anbefohlen. Wir prägen sie hier für ihr ganzes Leben. Was sie hier von uns über Jesus und Leben mit ihm lernen, kann die Richtung ihres ganzen Lebens bestimmen. 

Jesus macht deutlich, dass jeder Jünger Jesu Verantwortung hat und daran beteiligt ist, ob jemand mit Jesus auf dem Weg bleibt oder vom Weg abkommt. Er will ja gerade nicht, dass wir uns wegen mangelnder Verantwortung mit dem Mühlstein um den Hals ins Meer schmeißen, sondern will uns rechtzeitig warnen. Noch ist Zeit, das eigene Leben zu überdenken, die Richtung zu ändern, mit Jesus zu leben, statt von ihm wegzulaufen und andere mitzuziehen.

Was passiert, wenn ich jetzt erkenne, dass ich eine bin, die andere vom Glauben abgebracht hat? Bekomme ich noch eine zweite Chance?

2 Vergebung
Lukas 17,3-4
Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm. Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben. 

Jemand ist schuldig geworden, ist der Versuchung erlegen. Andere stehen in der Gefahr, im Sog der Verführung mitgerissen zu werden. Seine Schwestern und Brüder in der Gemeinde merken, dass er sich auf Abwegen befindet und greifen ein. Sie weisen ihn zurecht, allerdings offenbar nicht alle auf einmal, sondern unter vier Augen von Christ zu Christ. Der Beweggrund für das Zurechtweisen ist nicht Rechthaben, sondern Rettung vor dem Mühlstein. Der andere liegt mir so am Herzen, dass ich ihn nicht untergehen lassen will. Das Wunder geschieht, der Zurechtgewiesene erkennt sein Unrecht und bereut. Es tut ihm Leid, jemand durch seine Lebensweise oder Äußerungen verletzt zu haben, damit den ganzen Leib Christi, die Gemeinde, und Jesus selbst verletzt zu haben. Jesus – und nur Jesus kann es – führt den Menschen in die Abgründe seines Lebens.

Wir gehen jetzt davon aus, dass dieser Mensch kein zweites Mal in die Falle tappen wird. Er weiß nun Bescheid und meidet die Verführung. Doch hier überrascht uns Jesus. Denn er setzt selbstverständlich voraus, dass es wieder passieren wird. So oft, dass ein tägliches 7-maliges Vergeben nötig wird. Da die Zahl 7 für die Fülle Gottes steht, legt Jesus uns hier nahe, unbegrenzt zu vergeben und ohne Beschränkung immer wieder Neuanfänge miteinander zu wagen. 

So leicht wird dieses unbegrenzte Vergeben als Freibrief für ständiges Sündigen ohne Konsequenzen verstanden. Wenn der andere dauernd vergeben muss, kann ich ihn ja auch dauernd verletzen. Doch Jesus legt Wert auf das Zwischenglied, ein Gespräch zwischen dem, der verletzt, und dem, der ihm sein Verhalten vor Augen führt. Und erst wenn der andere merkt, dass er verletzt hat, zum Abfall vom Glauben verführt hat, wird die Vergebung ausgesprochen. Nicht bedacht ist hier die Situation, dass der andere seine Schuld nicht erkennt und sich nicht vergeben lassen will. In diesem Fall, so macht es Jesus an anderer Stelle deutlich, können wir vergeben und den anderen Jesus anbefehlen. Wir werden frei von ihm und können Jesus die nächsten Schritte mit ihm gehen lassen. Was in diesem Zusammenhang wichtig ist: Christen kleistern Schuld nicht mit der Vergebung zu. Das wäre, wie wenn wir eine schimmlige Wand mit einer Kunststofftapete tapezieren würden. Auch wenn der Schimmel nicht durchschlagen kann, würde er dafür sorgen, dass die Tapete nicht hält und die Raumluft verseucht. Der Schimmel muss im Angesicht Gottes abgetragen werden, das geschieht am Kreuz Jesu. Jesu Vergebung gibt die Kraft zum Vergeben, es ist nicht unsere Kraftanstrengung, unbegrenzt Neuanfänge zu ermöglichen.

3 Glaubensstärkung
So bekommt die nachösterliche Gemeinde von Jesus die Aufgabe, grenzenlos zu vergeben. Jesus kann Herzen umkehrbereit machen, Jesus kann Sündenerkenntnis schenken. So wird Gemeinschaft neu und tragfähig. Die Gemeinde ist Gesandte Jesu mit der Mission der Vergebung.

Lukas 17,5-6
Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. 

So redet Jesus seine Jünger jetzt als Apostel an, sie sind Gesandte seines Auftrags, Versöhnung in die Welt zu bringen. Doch die Apostel haben ihre Zweifel. Reicht ihr Glaube aus, von Jesus wirklich zu erwarten, dass er Umkehrbereitschaft schenkt? Unsere Erfahrung ist doch auch eher, dass der Geisterfahrer davon ausgeht, dass alle anderen 100 Autos falsch fahren. Man weist jemand auf sein Unrecht hin, der hält aber daran fest, im Recht zu sein und genau richtig zu liegen. Wird Jesus Umkehr bewirken?

Jesus erzählt den Jüngern vom Senfkorn. Ihr Glaube braucht nicht größer zu sein als ein Senfkorn. Es genügt das feste Vertrauen, dass Jesus zurecht bringt, heilt, vergibt, Neuanfang ermöglicht. Nicht ein „mehr“ an Glaube ist nötig, sondern ein tatkräftiger Glaube, der sich investiert, der sich um Vergebung müht, der sich im Alltag bewährt, gerade da, wo die Erfahrung zu widersprechen scheint. 

Es ist, als wollte Jesus sagen: Studiert nicht ewig Theologie, sondern seid Hirten, die aufs Feld gehen und Versöhnung der Herde wirken. Fangt an zu arbeiten und habt keine Angst dabei, aus dem Elfenbeinturm des Glaubenswissens herauszukommen. Glaube wächst erst mit der Aufgabe.

4 Güte Gottes leben
Lukas 17,7-10
Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte;  wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.

Wie das Investieren des Senfkorns aussieht, verdeutlicht Jesus nun mit einem Gleichnis aus der Lebenswelt der Jünger. Ein durchschnittlich reicher Bauer hat mindestens einen Knecht, der sowohl für die Feldarbeit als auch für die Hausarbeit zuständig ist. Selbstverständlich erledigt er nach der Feldarbeit auch noch die anstehende Hausarbeit. Würde der Bauer den Knecht zum Abendessen bitten? Nein. Würde der Bauer den Knecht auffordern, das Abendessen zu bereiten? Ja. Würde er dem Knecht überschwänglich dafür danken? Nein, denn das ist selbstverständlich.

Mit diesen drei Fragen pflanzt Jesus das Samenkorn des Glaubens in die Jünger. Wie ein Knecht den Tisch fürs Abendessen deckt, so vergibt der Jünger, der von der Vergebung Jesu lebt. Das ist nichts Besonderes, sondern selbstverständlich. Wie der Knecht alles, was er braucht, vom Bauern bekommt, so auch der Jünger Jesu. Die ganze Güte Gottes gilt ihm, da wird er ohne viel Aufhebens davon weitergeben. Er wird die Feldarbeit verrichten und auf den Straßen Jesus bezeugen, und er wird die Hausarbeit tun, die Gemeinde aufbauen, für sie sorgen und den Tisch decken, vergeben, wenn es dran ist. Dafür muss Gott ihm nicht danken, denn es ist selbstverständlich. Vergeben ist das Normalste der Welt, weil Jesus vergeben hat. 

Die Jünger Jesu sind Kellner der Vergebung, sie brauchen nichts von der servierten Speise, sie wurden schon gesättigt. Denn Jesus ist ein ganz besonderer Herr (Lukas 12,37). Wenn er kommt und die Jünger wach sieht, wird er sich selbst die Schürze umbinden und ihnen dienen. Anders als der Bauer im Gleichnis hat Jesus freiwillig die Rollen getauscht, hat sich als Senfkorn verschenkt, damit der Glaube in uns wachsen kann.

Der Schluss des Gleichnisses mag uns anstößig erscheinen. Klar, Vergebung sollte für uns selbstverständlich sein. Aber müssen wir uns deshalb als armselige, unnütze Knechte bezeichnen? Was hinter diesen überraschend harten Worten steht, soll nur noch unterstreichen, dass wir wirklich nichts aus eigener Kraft tun können. Würden wir aus eigener Kraft vergeben, so würde der Schimmel doch wieder an anderer Stelle durchbrechen. Er wäre nicht besiegt, nur kurzfristig überlistet. Vergebung mit Tiefenwirkung kann nur in enger Verbindung mit Jesus geschehen. Haben wir das begriffen, so können wir, wie es heute eher üblich ist, auf ein Danke mit „keine Ursache, gern geschehen“ antworten und damit dasselbe ausdrücken. Wir tun es gern, weil wir von Jesus gelernt haben, selbst von seiner Vergebung leben und keine Mühe haben, etwas davon abzugeben.

Jesus unterrichtet seine Jünger und uns als Gemeinde im Fach „Gottes Güte leben“. Er braucht Leute, die sich nicht um sich selbst drehen, die nicht auf sich schauen und immer mehr Glauben für sich haben wollen. Er braucht Leute, die losgehen in diese Welt und in dieser Gemeinde. Die Gottes Güte leben, indem sie mit ihren Schwestern und Brüdern Neuanfänge praktizieren und so die Gemeinschaft sind, die tragfähig wird, um andere einzuladen in diese Güte Gottes. 

Er ist mir täglich nahe / und spricht mich selbst gerecht. / Was ich von ihm empfahe, / gibt sonst kein Herr dem Knecht. / Wie wohl hat's hier der Sklave, / der Herr hält sich bereit, / dass er ihn aus dem Schlafe / zu seinem Dienst geleit.
Er will mich früh umhüllen / mit seinem Wort und Licht, / verheißen und erfüllen, / damit mir nichts gebricht; / will vollen Lohn mir zahlen, / fragt nicht, ob ich versag. / Sein Wort will helle strahlen, / wie dunkel auch der Tag.
(Jochen Klepper 1938)

Cornelia Trick


Home


Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
Internet-Adresse: http://www.predigt-online.de/prewo/prewo_gottes_guete_leben.htm