Frühjahrsputz in unserem Leben

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Besenletzte Woche starteten wir eine Frühjahrs-Putzaktion in unserem Gemeindezentrum hier. Gemeinsam wollten wir aus diesen Räumen den Winter aus allen Ecken und Winkeln vertreiben. Die Aufgaben wurden nach Fähigkeiten und Neigungen verteilt und jede und jeder fand das Entsprechende: Abstauben, Ausmisten, Flecken an Wänden und Schränken Entfernen und Reparieren, einige stellten noch ein neues Schild auf dem Parkplatz auf. Während unseres fröhlichen Putzens dachte ich nach über einen solchen Frühjahrsputz in unserem Leben. Das Frühjahr mit seinen hellen Sonnenstrahlen und dem ersten Grün regt an, auch in unser Inneres hinein zu schauen. Wenn wir selbst verstaubt, verkramt, fleckig bleiben, nützt die schönste Umgebung nichts. 
WerkzeugkastenOstern ist für uns Christen noch ein viel überzeugenderer Grund als das Frühjahr, in unserem Leben Großputz zu machen. Die Wochen nach Ostern tragen im Kirchenjahr Überschriften, die auf das Neue hinweisen, das mit Ostern geworden ist: Eine neue Kreatur sind wir, ein neues Lied singen wir - auf wir sind in den Erneuerungsprozess durch Ostern hineingezogen. Das Neue kann nur werden, wenn wir ihm Platz machen. Ein Fach im Schrank, das bis oben hin vollgestopft ist, lässt nichts Neues dazukommen. 

Der Sonntag Kantate, "Singet dem Herrn ein neues Lied", den wir heute feiern, lädt ein zum Singen und Jubeln. Unser Osterputz und das Singen gehören offensichtlich zusammen - wie das wird uns anschaulich erzählt vom Evangelisten Matthäus in Mt 21,12-17.

Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer hinaus. Er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um. Dazu sagte er ihnen: "In den Heiligen Schriften steht, daß Gott erklärt hat: 'Mein Tempel soll eine Stätte sein, an der die Menschen zu mir beten können!' Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus!"
Dann kamen dort im Tempel Blinde und Gelähmte zu ihm, und er machte sie gesund. Die führenden Priester und die Gesetzeslehrer sahen die Wunder, die Jesus tat, und sie hörten, wie die Kinder im Tempel laut riefen: "Gepriesen sei der Sohn Davids!" Da wurden sie wütend und fragten Jesus: "Hörst du, was die da rufen?"
Jesus sagte zu ihnen: "Gewiß! Habt ihr denn nie gelesen, was in den Heiligen Schriften steht: 'Du, Gott, sorgst dafür, daß die Unmündigen und die kleinen Kinder dich preisen'?" 
Damit ließ er sie stehen, ging aus der Stadt hinaus und übernachtete in Betanien.

Der Evangelist berichtet fast beiläufig von Jesu Frühjahrsputz im Tempel. Es war sein erster Tag in Jersualem, gerade hatten ihn die Leute mit Palmwedeln und Hosianna-Rufen in der Stadt willkommen geheißen. Jetzt kommt er in den Tempel. Überall in einem Teil des äußeren Vorhofs hatten sich Verkuafsstände und Geldwechselstände breitgemacht. Verkauft wurden Opfertiere, meist zu weit überhöhten Preisen. Es war wohl wie heute auch bei den Souvenirgeschäften, die sich um wichtige Sehenswüdigkeiten scharen. Besonders erwähnt werden die Taubenhändler, Tauben waren die Opfertiere der Armen. Ihnen überhöhte Preise in Gegenwart Gottes abzuknöpfen, galt als besonders verwerflich. Die Geldwechsler wechselten in tyrische Schekel, der Tempelwährung, mit der die Tempelsteuer zu bezahlten war. Jesus - so wird uns berichtet - betrat den Tempelvorhof und fegte wie ein Sturmwind hindurch. Er setzte ein Zeichen: Weg mit den Geschäften rund um das Bethaus, weg mit allem, was den Kontakt zum himmlischen Vater stören kann. Mit lieblosen Gottesdiensten, die aus Geschäften bestehen, kann man nicht Gottes Liebe feiern!

Jesus schafft Platz in unserem Leben...

Jesus handelt hier sehr anschaulich. Er schmeißt Händler und Wechsel mit ihren Tieren und Geldkassetten hinaus - einen unglaublichen Wirbel wird das gegeben haben. Er handelt mit Entschlossenheit und unglaublicher Autorität. Dass jemand sich ihm entgegen gestellt hätte, wird nicht berichtet. Er handelt nicht blind wütend, sondern mit einer klaren Zielvorgabe: "Mein Tempel soll eine Stätte sein, an der die Menschen zu mir beten können!" 

Jesus schafft Platz für eine neue Gemeinschaft mit Gott.

Tempelsteuer, Opfertiere waren nicht länger Bedingung, um mit Gott in Kontakt zu kommen. Ein direkter Zugang war nun möglich.
Jesus macht diesen Frühjahrs-Oster-putz auch in unserem Leben. Er möchte uns befreien zu einem direkten und vertrauensvollen Zugang zu Gott. Er möchte für dieses Miteinander das Zentrum unseres Lebens in Ordnung bringen. Und das heißt nichts anderes als: ausmisten, reinigen, die Schadstellen ausbessern und verputzen, das Zentrum gemütlich machen und Licht hineinlassen. So wird das Zentrum unseres Lebens zu einem Ort, an dem wir Jesus und mit ihm Gott begegnen können.
Was krempelt er bei uns um, wo fängt er mit seiner Putzaktion an?
Da liegt etwas Angefangenes in der Ecke und verstaubt. Eine Frau, die ich kennengelernt habe und viele gute Gespräche auch über den Glauben führte - sie habe ich aus den Augen verloren, die angefangene Beziehung ist verstaubt, sie kommt nicht mehr in meiner Fürbitte vor.
Da liegen in der anderen Ecke ein paar gute Vorsätze. Statt sie in Angriff zu nehmen, habe ich sie vergessen. Eigentlich wollte ich mir mehr Zeit für die Stille reservieren, um Gott jeden Tag zu mir sprechen zu lassen. Aber ich ließ mich dann doch wieder von diesem und jenem ablenken und im Nu war der Tag um. Auch für meine Familie wollte ich mir mehr innere Ruhe nehmen - nicht nur körperlich anwesend sein, sondern auch mit der Seele bei ihnen sein. Schließlich sind das ja die Nächsten, die mir anvertraut sind. Und dann hatte ich auch den Vorsatz, für meine Gaben die entsprechenden Einsatzfelder zu suchen. Aber auch da habe ich schnell wieder aufgegeben, zu anstrengend, sich irgendwo verbindlich festzunageln.
Da ist die Arbeitssituation, die zunehmend belastender wird. Und Jesus setzt genau da an und läßt die Probleme nicht weiter schmoren, sondern stößt mich darauf, mir endlich Rechenschaft abzulegen, wie es steht, wie ich es in Zukunft will und was Gottes Weg mit mir ist.
Nicht zu vergessen sind da ein paar Kisten mit Beziehungen, die vor lauter Schwierigkeiten und Schmerzen schon im Keller stehen. Trotzdem gehe ich regelmäßig in den Keller um sie mir wieder anzusehen und den Schmerz wieder neu zu spüren. Aufräumen und Heilung wären eigentlich angesagt.
Jesus beginnt, an diesen Stellen zu wirken. Er möchte Platz schaffen, dass Neues werden kann. Er möchte unsere verstaubten Anfänge, unsere gut gemeinten Vorsätze, unsere bedrückende Arbeitssituation und unsere Beziehungskisten in Ordnung bringen, dass sie ihm auf seinem Weg mit uns nicht mehr im Weg stehen.

Sein Ziel ist wie damals im Tempel ein neues, offenes, unbelastetes Vertrauen zu Gott. Er möchte ein inniges Miteinander ermöglichen, um jede Woche und jeden Tag mit uns das Unerledigte zu bearbeiten.

... zum Loben und Preisen

Die Szene im Tempel zeigt uns, wie das sehr praktisch aussehen kann. Kaum waren die Händler und Geldwechsler vertrieben, erschallte das Gotteslob. Jetzt - nachdem der Lärm der Kaufleute verstummte - konnte man es endlich hören. Geheilte lobten Gott, Kinder riefen Hosianna. Es brauchte keine Opfertiere mehr, um mit Gott in Verbindung zu stehen. Er selbst ergriff die Armen und Unmündigen, er befreite sie von ihren Fesseln und befreite sie zum Loben.
Loben und Singen sind Formen der inneren Hygiene, wie das Händewaschen nötig ist für unsere körperliche Hygiene. Loben und Singen reißen uns heraus aus unseren Gedanken, die oft genug im Kreisverkehr herumschwirren, reißen uns heraus aus unseren Sorgen und Problemen, reißen uns heraus aus unserem Versagen, das uns niederdrückt. Unser Blick wird nach oben gerichtet zu Gott und zu allem, was in seiner Macht steht. Letzten Sonntag dachten wir nach, welchen Unterschied es macht, zu einem zur Hälfte gefüllten Glas zu sagen, es ist halbvoll oder es ist halbleer. Das Singen lässt uns das halbvolle Glas sehen, weil wir die Möglichkeiten Gottes erahnen. Er kann aus halbvoll ganz voll machen. Er kann aus einem verpfuschten Leben ein glückliches Leben, aus einem geknechteten Mann einen freien Mann machen. 
Jesus möchte eine österliche Putzaktion bei uns starten, aber nach seiner Methode. Zuerst fordert er uns heraus zu Loben, Danken, Singen, Preisen, Spielen. Denn wenn wir alles auf einmal mit großem Eifer aufräumen wollten, wären wir bald erschöpft und total ausgebrannt. Ist es nicht unsere Erfahrung - man will etwas verändern und beißt sich dabei immer mehr fest? Jesus verhindert das Fest-Beißen. Er lädt zum Singen ein, damit unser Blick auf ihn und seine Möglichkeiten gerichtet wird. Singen ist der Weg, um das Zentrum für ihn frei zu bekommen. Hier finden wir die Kraftquelle für alles Weitere. Hier geschieht Veränderung. Mit seiner Hilfe bekommen wir Energie zu Aufräumen, die immer wieder aufgeladen wird. Mit seiner Hilfe bekommen wir den richtigen Blick für das, was zum Ausmisten dran ist. Mit seiner Hilfe bekommen wir Ideen zum Reparieren und Heilen.
Beim Singen und Loben sind wir mit allen Sinnen und Seele und Geist beteiligt. Wir schwingen uns ein auf Gottes Melodie und Tempo. Wir wachsen hinein in seinen Chor und sein Orchester und bekommen Sehnsucht nach einem Leben, das dem Loben entspricht.
Wie können wir dieses Loben und Preisen üben, um den Frühjahrsputz zu ermöglichen?
Unsere Veranstaltungen in der Gemeinde müssen Raum zum Gotteslob gewähren. Ob beim Kirchenputz oder im Bibelgespräch, lassen wir uns doch zuerst die Herzen durch das Loben öffnen, damit Gott an uns wirken kann. Auch in der persönlichen Zeit mit Gott öffnet das Loben all unsere Sinne für Gott - wir gehen auf Empfang, was er zu sagen hat. Eine CD, ein Lied, ein Liedtext, ein Gedicht kann unsere Seele mitnehmen und der persönliche Einstieg zur Putzaktion werden. 

... zum Beten und Arbeiten

Loben und Preisen befreit von dem Druck, den unsere unaufgeräumten Lebensumstände oft verursachen. Loben und Preisen eröffnet ein Kraftfeld für ein Leben mit Jesus. Wie dieses Leben sich gestaltet, macht diese Szene im Jerusalemer Tempel deutlich: Jesus heilt Kranke und Blinde. Er gibt ihnen ihre Gesundheit und die Gemeinschaft mit Gott und Menschen zurück. Sie sind nicht länger die bettelnden Ausgestoßenen. Sie gehören dazu. Die neue Gemeinschaft miz Jesus drängt zur Veränderung. In Jesu Fußspuren heißt es nun, die Heilung voran zu bringen. Wir stehen in Kontakt zu Leuten, die das dringend nötig haben. Die Liebe Gottes, die wir ihnen weitergeben können, wirkt wie eine Heilsalbe. - Wir beten für sie, wir hören ihnen zu, wir nehmen uns Zeit für sie, wir erzählen ihnen von unseren Erfahrungen mit Jesus. In den Fußspuren Jesu heißt es weiter, die eigenen Wunden der Liebe Gottes auszusetzen. Wir können den Verband abnehmen und sie Jesus zeigen, er ekelt sich nicht vor ihnen. Er wird uns Geduld und Ruhe schenken und Vertrauen in ihn, der uns Zukunft geben will. Es heißt aber auch, manche Konflikte auszumisten, abzuhaken. Ein Streit, der 2 Jahre zurückliegt, ist es vielleicht nicht mehr wert aufgerollt zu werden. Dann können wir uns getrost von ihm trennen und Platz für neue Erfahrungen machen, die wieder Frieden in unser Herz bringen. Manchmal ist in Jesu Fußspuren auch Reparieren angesagt. Bevor er mit den Jüngern und Frauen durchs Land gezogen ist, war Jesus Zimmermann. Er wird etwas vom Reparieren verstanden haben. Oft sind es ja gar nicht die verletzenden Konflikte, die den Großputz nötig machen. Oft sind es die Kleinigkeiten, die sich auf einem großen Haufen ansammeln. Eine Freundschaft, die wie ein dreibeiniger Stuhl nicht mehr stabil ist, weil man sich nicht mehr trifft, eine Ehe, die von soviel Alltagsgeschäften befrachtet ist, dass man sie guten Gewissens Arbeitsehe nennen könnte, eine Gemeinde, die sich verausgabt in ihrer Liebe für andere und wie ein aus dem Leim gegangener Tisch wirkt. Es biegen sich zwar die Speisen für die Kirchendistanzierten auf ihm, aber er selbst wackelt und klappert bedrohlich in sich. Setzen sich dann ein paar Kirchendistanzierte an ihn, bricht er zusammen. Alle Speisen sind futsch. Jesus will uns ermutigen zum Reparieren. Er schenkt uns Phantasie der Liebe, um neue "Standbeine" aufzubauen, die innere Stromversorgung zu gewährleisten und die Verbindung untereinander zu gewährleisten. Vielleicht muss wieder mehr Gemeinschaft sein, das Rundfunk-Fest als dankbarer Rückblick auf unseren Radiogottesdienst ist so eine Gelegenheit. Vielleicht müssen einzelne auch ermutigt werden, ihre Aufgaben abzugeben um neue annehmen zu können, die besser passen. Sicher müssen wir mehr aufeinander achten, weil wir Menschen sind mit Gefühlen und Gedächtnis und die gegenseitige Verbundenheit aus der Liebe Gottes heraus brauchen. 

Beten und Arbeiten - Singen und Ausmisten - ausgelassen Feiern und ernsthaft Nachdenken, Jesus ist bei unserer Putzaktion dabei - er reißt uns mit - unser Lied wird neu, weil er Wunder tut - heute und hier.

Cornelia Trick


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Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
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