Fest der Freiheit
Gottesdienst am 12.06.2011

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Brennan Manning beschreibt in seinem Buch „Die unbändige Liebe Gottes“, wie er auf einer Seefahrt in einen Tornado geriet. Von einem Augenblick zum anderen verwandelte sich die ruhige See in ein aufgewühltes Chaos von Wasser, Wind und heftigsten Wellen. Wie durch ein Wunder überlebte er und die ganze Besatzung den Sturm. Im Nachhinein wurde dieses Erlebnis für ihn zu einem Bild für Gottes unbändige Liebe, die ihn aus einer verzweifelten und aussichtslosen Lebenslage herausgerissen hatte, um ihm ein neues Leben mit Gott zu schenken. Gott, so stellt Manning fest, ringt um uns Menschen, sucht uns leidenschaftlich und holt uns heraus aus einem Leben ohne ihn.

Pfingsten ist nicht nur das fröhliche, liebliche Frühlingsfest mit freien Tagen zur Entspannung, sondern dem Ursprung nach ein Sturm aus Gottes Höhe mit Feuer und Sturm. Sind wir vorher bildlich gesprochen als Sklaven in einer römischen Galeere in Ketten gelegt gewesen, reißt uns der pfingstliche Sturm die Ketten vom Leib, wir sind seit Pfingsten nicht mehr auf der Galeere, sondern freie Segler im Weltenmeer.

Jedes Jahr neu vergegenwärtigen wir uns diesen Pfingst-Tornado Gottes, wir hören auf seinen Nachhall und bereiten uns vor, dass Gottes Geist jederzeit wieder ein Leben komplett durchschüttelt und auf eine neue Grundlage stellt.

Paulus war es ein wichtiges Anliegen in seinem Brief an die Gemeinde in Rom, die Gemeinde einmal zu erinnern, dass sie vor Gottes Eingreifen wie Sklaven zwar unentwegt rudern mussten, aber immer in die falsche Richtung, immer auf den sicheren Tod zu. Dass sie aber seit Gottes Eingreifen mit Gottes Geist unterwegs waren, frei, die Richtung selbst zu bestimmen. Zwischen der Galeere und dem freien Segelschiff steht Pfingsten, die Verbindung von Vorher und Nachher.

Römer 7,24-8,2

Ich unglückseliger Mensch! Wer rettet mich aus dieser tödlichen Verstrickung? Gott sei gedankt durch Jesus Christus, unseren Herrn: Er hat es getan! Nun diene also ich, ein und derselbe Mensch, mit meinem bewussten Streben dem Gesetz Gottes, aber mit meinen Gliedern dem Gesetz der Sünde. Vor dem Gericht Gottes gibt es also keine Verurteilung mehr für die, die mit Jesus Christus verbunden sind. Denn dort, wo Jesus Christus ist, gilt: Du bist befreit von dem Gesetz, das von der Sünde missbraucht wird und zum Tod führt. Denn du stehst jetzt unter dem Gesetz, in dem der Geist Gottes wirkt, der zum Leben führt.

Vorher - Nachher

Der Paukenschlag Gottes heißt: Du bist frei! Vorher war der Mensch von Sünde beherrscht. Ganz elementar wird sie in der Paradiesgeschichte dargestellt. Obwohl der Garten Eden voller Früchte hing, wollten Eva und Adam mehr, satt zu sein war nicht genug. So äußert sich die Sünde in dem Begehren nach immer mehr und der Unabhängigkeit von Gott. Das in den von Gott gegebenen zehn Geboten letzte Gebot lautet: Du sollst nicht begehren! Gegen dieses Gebot verstößt der Mensch, ob er will oder nicht. Wie ein Lebensgesetz ist das Begehren in seine Wiege gelegt. Ob es das zuviel Essen ist, das zuviel Trinken, der Menschen verachtende Sex aus Begierde oder die Machtausübung auf Kosten der Schwachen, das Begehren auf Kosten der anderen lässt sich überall in unserer Lebenswelt erkennen.

So stellt Paulus fest, dass der Mensch als Gefangener auf der Galeere festgebunden ist, sein innerer Zwang lässt ihn in die Richtung rudern, die er nie wollte, und die Folge ist sein sicherer Tod. Der Sklave schreit aus tiefster Seele: „Wer kann mich erlösen?“ Aus eigener Kraft kann er sich nicht befreien, bleibt innerlich zerrissen, auch wenn er längst erkannt hat, dass die Werber auf dem Markt ihn unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf die Galeere gelockt hatten. Doch er entdeckt nun einen Hoffnungsschimmer, Jesus ist mit auf der Galeere, Gott sieht sein Elend.

Nach der Befreiung hat auf dem Schiff ein Herrschaftswechsel stattgefunden. Gott hat durch den Sturm die Ketten gelöst, die Sklaventreiber sind entmachtet worden, die Sünde als Schiffsführer aus dem Boot geworfen worden, und Jesus hat die Leitung übernommen. Der zuvor verzweifelte Sklave findet sich wieder in einer Mannschaft, die freiwillig und gern unter Jesu Kommando segelt. Jeder und jede weiß durch ihre persönliche Beziehung zu Jesus, durch die Funkverbindung zu Jesus, wo das Ziel liegt und welchen Kurs man nehmen muss. Es ist kein Widerspruch mehr zwischen Wollen und Tun. 

Zwischen Vorher und Nachher steht Pfingsten

Zwischen dem Vorher und dem Nachher steht Pfingsten, im Sturm hat Gott seinen Heiligen Geist ausgegossen. Dieser Heilige Geist bewirkt:

Erkenntnis
Ich bin gefangen, kann mich nicht aus eigener Kraft befreien. Meine Hände sind leer, ich habe keine Mittel, um mich freizukaufen. Aber einer ist da, der mich freikauft, Jesus. Er hat sich an meine Stelle gesetzt, die Sklavenarbeit für mich getan, damit ich frei bin. Ohne Jesus kann ich nie den Kurs zum Leben rudern.

Gemeinschaft
Als Sklave bin ich allein. Die Sünde vereinzelt. Ich kämpfe mit der inneren Zerrissenheit, meine Nächsten kann ich kaum wahrnehmen. Pfingsten öffnet mir die Augen. Ich bin nicht allein, sondern in einer Schar von Brüdern und Schwestern eingebunden. Ich muss das Lebensschiff nicht allein ans Ziel bringen, wir sind beieinander, um uns dabei zu helfen und zu unterstützen. So heißt Pfingsten auch der Geburtstag der Kirche. Christen, die von Gottes Geist befreit sind, erfahren Jesus in der Gemeinschaft.

Befähigung
Als Sklave am Ruder brauchte der Einzelne keine andere Befähigung als auf Druck zu reagieren und möglichst lange durchzuhalten. Als Freie bekomme ich Gaben, die die Mannschaft braucht, um am Ziel anzukommen. Da gibt es jede Menge verschiedene Aufgaben, die sich auf die Mannschaft, den Segelkurs, das Boot oder auf die Seenotrettung beziehen. Keine und keiner, die befreit wurden, bleiben ohne Aufgabe. Vielleicht ist unser inneres Bild von der Befreiung eine Kreuzfahrt mit dem Traumschiff. Wir liegen an Deck und lassen uns bedienen. Aber ganz ehrlich, wer würde das länger als einen Urlaub lang ertragen? Wer würde nicht viel lieber etwas Sinnvolles tun, sich anstrengen und Erfolgserlebnisse haben, das Leuchten im Gesicht anderer sehen, denen er oder sie helfen konnte? 

Der Heilige Geist befähigt jeden und jede mit der Gabe, die gebraucht wird. Wenn sich in der Gemeinde jemand fragt, dass seine oder ihre Gaben aber gar nicht gebraucht werden oder dass er oder sie gar keine hat, die gebraucht werden, dann liegt es sicher nicht am Heiligen Geist, der vergessen hat zu befähigen, sondern an der Gemeinde, die zu phantasielos ist, um die Gaben einzubeziehen, die Jesus für die Gemeinde vorgesehen hat.

Pfingsten heute

Den Sturm des Pfingstfestes, der aus Ketten löst und Freiheit schenkt, erwarten wir auch heute. Die Jugendlichen unserer Gemeinde sind auf dem Bundesjugendtreffen in Volkenroda und der Pfingstjugendkonferenz in Wiedenest. Wir hoffen darauf, dass die eine oder der andere vom heiligen Sturm gepackt wird und er oder sie frei wird, mit Jesus zu leben.

Wir in der Gemeinde haben diesen Sturm mehrheitlich schon erlebt. Pfingsten ist eine Erinnerung an die große Lebenswende, die bei dem einen plötzlich, bei der anderen ganz allmählich vollzogen wurde. Doch Pfingsten ist mehr als Erinnerung, es ist wie ein Starkregen, der uns erinnert, dass wir bloß nicht wieder in die alte Lebensweise zurückkehren sollten. Das geschieht schneller als gedacht. Freunde von uns hatten einen Stallhasen. Er wurde sehr alt, die Kinder waren längst aus dem Haustieralter heraus. Eines Tages, sie waren im Urlaub und ein Nachbar fütterte das Tier, ließ er aus Versehen den Stall offen. Als er am nächsten Tag in den Garten kam, war er hell entsetzt, der Stallhase war weg. Doch schon ein paar Schritte weiter atmete er auf, der Stallhase saß dick und fett erwartungsvoll vor der Haustür der Freunde. Offenbar wartete er auf die Fütterung.

Nun sind wir hier keine Stallhasen, aber dieses Verhalten ist uns vielleicht nicht unbekannt. Wir sind seit unserem persönlichen Pfingsten frei von der Macht, immer mehr zu wollen. Und doch setzen wir uns brav wieder in die Galeere, greifen nach dem Ruder und setzen die Fahrt in den Tod fort. Das geht ja auch ohne Ketten und Peitsche. Da rückt der Gedanke in den Mittelpunkt: Ich kann mir am besten selbst helfen, und wenn ich mir nicht helfe, kann mir sogar Gott nicht mehr helfen. Da schleicht sich Misstrauen in die Gemeinschaft. Kann ich dem andern trauen? Oder Gemeinschaft wird als lästig angesehen. Was interessieren mich die Geschichten der anderen, Hauptsache ich bringe meine Themen an die Leute. Gemeinschaft wird gelebt wie im Sandkasten, alle sitzen im gleichen Sand, aber jeder baut seine Türmchen in seiner Ecke. Da rückt die Zielrichtung der Befähigung aus dem Blickwinkel. Ich sehe nicht mehr ein, dass ich meine Gaben für andere einbringen soll. Sie bleiben bei mir und verkümmern.

So leicht kehren wir wieder auf die Galeerenplätze zurück, wenn nicht immer wieder ein Starkregen uns bewusst macht, dass die Ketten gesprengt sind. Wir haben großartige Lebensperspektiven seit Pfingsten, Jesus ist mit uns verbunden und hört unsere Gebete. Wir sind in eine neue Gemeinschaft gestellt von Schwestern und Brüdern, die weltweit zusammen gehören. Diese Gemeinschaft trägt und hält, ermutigt und hilft voran zu kommen. Eine ist für den anderen da und befähigt, mit ihren Gaben das Schiff voran zu bringen.

Ich glaube an den Heiligen Geist: Gott zeigt sich mir im mächtigen Sturm, im Starkregen und oft auch im Landregen. Er verändert mich, schenkt mir Erkenntnis meiner Situation, Gemeinschaft mit freien Kindern Gottes und Gaben, mit denen ich ihm Ehre machen kann.

Daraus folgt: Ich glaube, 

  • dass Jesus Christus in der heiligen christlichen Kirche gegenwärtig ist,
  • dass Jesus Christus die Gemeinschaft der Heiligen zusammen ruft,
  • dass Jesus Christus vergibt und aus der Sklaverei der Sünde befreit,
  • deshalb fürchte ich den Tod nicht, denn das Leben in Ewigkeit wartet auf mich.
Zwischen dem Vorher und dem Nachher steht die machtvolle Befreiung durch Gott, das gilt es heute beim Fest der Freiheit zu feiern.
Cornelia Trick


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