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Gottesdienst am 28.11.2010
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern
und Brüder,
ein beeindruckendes Bild
malte Rembrandt von dem Propheten Jeremia, wie er über die Zerstörung
Jerusalems trauert. Das Bild lädt ein zum Verweilen. Fast fühlt
man sich beim Betrachten in Jeremias Haut. Jerusalem war der Ort der Gegenwart
Gottes für das Volk Israel, der Tempel Gottes Wohnsitz auf Erden.
Von diesem Jerusalem sollte Heil und Frieden für die ganze Welt ausgehen.
Doch Jeremia beobachtete etwas anderes. Die
Gottesdienste waren keine Zeiten, in denen Menschen Gott begegneten, sondern
wirkten wie Schauspiele, bei denen man als Zuschauer dabei war, aber für
sein eigenes Leben keine Konsequenzen zog. So sagte Jeremia Gottes Urteil
über diese Gottesdienste den Verantwortlichen im Tempel: „Bessert
euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort.“
Gott war bei den Schauspielen auf der Bühne längst ausgezogen.
Jeremia schaut voraus.
Er sieht bereits die Zerstörung der Hauptstadt kommen. Rauch steigt
aus den Ruinen auf, die goldenen Tempelgefäße liegen zerbrochen
neben ihm. Seine Trauer und Verzweiflung ist ihm auf dem Gesicht abzulesen.
Aus diesen Trümmern kann nach menschlichem Ermessen nichts Neues mehr
werden. Sie sind tot.
Mitten in die Weltuntergangsstimmung
brechen Trostworte Gottes an Jeremia. Diese Worte des Trostes reichen weiter
als bis zum Ende eines individuellen Lebens. Jeremia selbst wird noch fortgeschwemmt
werden von der Katastrophe bis nach Ägypten, wo er schließlich
sterben wird. Er wird Gottes Neuanfang selbst nicht mehr erleben. Doch
Gott schenkt Jeremia den Blick durch die Verzweiflung hindurch auf den
weiten Horizont der Gottesgeschichte. Wir sind nun auch in diesen weiten
Horizont hinein genommen. Wir dürfen mit Jeremia hindurch sehen, auch
über unser eigenes Leben und Sterben hinweg.
Jeremia 23,5-8
Siehe, es kommt die Zeit,
spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken
will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit
im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und
Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen
wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. Darum siehe, es
wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird:
»So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt
hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen
des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande
des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«
Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.
Siehe, es kommt die Zeit
…
„Siehe, es kommt die Zeit“,
eine Ansage, die wir heute am 1.Advent besonders deutlich hören. Advent
ist nicht Wartezeit auf Weihnachten, sondern Zeit des Kommens und des Gekommenen.
Jeremia blickt voraus: nach den schlechten Hirten, die nicht das Weiden
der Herde im Sinn hatten, sondern denen ihr eigenes Wohlbefinden, ihr eigener
Geldbeutel wichtig waren, erweckt Gott einen neuen Hirten für seine
Herde, einen König für das Volk. Durch zwei Details ist der neue
Hirte qualifiziert. Er stammt aus dem Geschlecht Davids und setzt damit
die Linie fort, die Gott mit der Berufung des Hirtenjungen David um 1050
vor Christus in Gang gesetzt hatte. Dieser neue König wird von Gott
erweckt. Nicht nur biologisch steht er in Kontinuität zum von Gott
berufenen David, sondern er bekommt auch ganz persönlich Gottes Geist
zugesprochen.
… dass Jesus geboren wird
…
Jeremia schaut voraus auf
Jesus, der von David abstammt und von Gottes Geist ins Leben gerufen wurde.
So können wir auch die Geburtsgeschichten im Lukasevangelium verstehen.
Sie wollen uns vermitteln, dass Jesus in Kontinuität zu Gottes Berufung
steht, ganz Mensch ist, und zudem noch von Gottes Geist ins Leben gerufen
wurde und mit seiner Hilfe Gottes Botschaft in die Welt trug. Seine Auferweckung
aus dem Tod zu Ostern ist Bestätigung dieses Geistes. Jeremia schaut
auf diesen kommenden Jesus und erwartet ihn als einen gerechten König.
Wir denken bei einem gerechten König vielleicht an einen Herrscher,
der seinen Untergebenen genau das gibt, was ihnen zusteht, der keine Justizirrtümer
und Justizverbrechen zulässt, der sich nicht bestechen lässt
und selbst keine Korruption betreibt. Der immer auf der Seite des Gesetztes
ist und seine Polizei und das Militär in diesem Sinne einsetzt. Doch
Jeremia lebte in einer anderen Zeit mit einem anderen Verständnis
von Gerechtigkeit. Ein gerechter König bringt einer chaotischen, heillosen
Gesellschaft Frieden. Er sorgt für die Bedürfnisse der Schwächsten,
er hilft denen, die sich selbst nicht helfen können. Jeremia erwartete
einen König, der Ordnung und Heilung ins Chaos brachte und die Verlorenen
rettete. So verstand sich Jesus, als Retter für Israel, der Israel
wieder in die Nähe Gottes brachte, der die Sünden des Volkes
stellvertretend ertrug bis zum Tod am Kreuz und dem Volk Freiheit und Heil
schenken wollte. Doch was geschah? „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen
nahmen ihn nicht auf.“ (Johannes
1,11) Der Retter wurde nicht akzeptiert. Man wollte das Chaos nicht
ordnen, die Wunden nicht heilen. Stellen wir uns vor, die Bewohner des
ausgeräucherten Jerusalem hätten die Chance gehabt, aus den Ruinen
auszuziehen in neu aufgebaute Häuser. Aber sie zogen es vor, in Schutt
und Asche zu bleiben, die neuen Häuser ignorierten sie. Jesus zog
dann schließlich mit seinem Tod am Kreuz selbst in diese Trümmerstadt
ein. Er wollte sie dadurch ermutigen, in die neue Stadt einzuziehen. Das
hatte Jeremia nicht vorausgesehen, dass der König nicht in seinem
Palast blieb, sondern zum Trümmermann wurde, die Konsequenzen
der Gottlosigkeit selbst trug, um daraus zu befreien. Was er auch nicht
voraussah, dass dieser Jesus aus dem Tod wieder auferweckt wurde und wiederkommen
wird. Die Zwischenzeit, so sagen es die Zeugen des Neuen Testaments dient
dazu, dass nicht nur Israel Heil und Frieden angeboten wird, sondern der
ganzen Welt. Jesus wird erst wiederkommen, wenn alle Welt von ihm erfahren
und das Angebot erhalten hat, aus dem Chaos in die Freiheit, aus der zerstörten
Stadt in die neu aufgebaute Stadt zu ziehen.
… und es gilt auch heute.
Wie Jeremia können wir
auf die Trümmer unserer Welt und unseres Lebens schauen, traurig,
verzweifelt, aber seit Jesus mit der Gewissheit, dass die Trümmer
nicht der Schlusspunkt sind. Jesus ist gekommen zu seinem Volk, viele dieses
Volkes nahmen ihn nicht auf, dafür ging seine Botschaft weiter zu
allen Menschen dieser Erde. Und Jesus wird wiederkommen, um die Kinder
Gottes in der ganzen Welt zu sammeln, nicht nur aus dem babylonischen Exil,
wie Jeremia es erwartet hatte. Im 20. Jahrhundert ist diese Erwartung so
nahe gekommen wie nie. Mit der Gründung des Staates Israel sind Juden
aus der ganzen Welt nach Israel gezogen, sind heimgekehrt zu ihren Wurzeln.
Sollte diese Bewegung uns darauf aufmerksam machen, dass Jesu Wiederkommen
näher gerückt ist? Dass er die Fülle der Heiden in der ganzen
Welt erreicht hat und sich dann seinem Volk in besonderer Weise zuwenden
wird?
Und was wird der wiederkommende
Jesus bei uns vorfinden? Nehmen wir ihn auf? Denn darum geht es doch, Jesus
aufzunehmen, ihn einzuladen, das Chaos im Leben zu klären, Schuld
vergeben zu lassen, einen Neuanfang nach seinem Willen zu tun.
Jesus aufzunehmen bedeutet
für mich heute dreierlei:
-
Eine persönliche Beziehung
zu Jesus aufzunehmen, auf seine Anfrage mit einem freudigen Ja zu antworten,
ihm mein Leben anzuvertrauen. Die Beziehung will gepflegt werden. Sie braucht
einen Raum um sich zu entfalten, Zeit, um Jesus auch wirken zu lassen und
Impulse von außen, um neue Nahrung zu bekommen. Die Beziehung will
geschützt werden. So viele eifersüchtige Diebe zerren an ihr.
Der Alltag schiebt sich zwischen Jesus und mich wie ein großer Felsbrocken,
da verliere ich leicht den Kontakt zu Jesus.
-
Eine Gemeinde, die ich mitbaue.
Jesus hat uns Christen nicht als vereinzelte Leuchttürme im tosenden
Meer der Ungläubigen gesehen, sondern als erleuchtete Bergstadt, die
für andere Orientierung, Ziel und Zuflucht ist. Wir alle sind daran
beteiligt, ob unsere Gemeinde Jesus aufnimmt oder nicht, ob wir für
andere mit seinem Licht leuchten oder nicht. Das können wir nicht
dem Begrüßungsdienst, den Kirchlichen Nachrichten in der Zeitung
oder ein paar Funktionären in die Schuhe schieben. Nein, jede und
jeder hier ist beteiligt, Jesus aufzunehmen. Erwarten wir etwas von Jesus,
beten wir mit Freude darum, dass er in unsere Mitte kommt und uns von innen
heraus verändert? Haben wir miteinander einen Austausch über
geistliche Fragen, über unsere Gebetsanliegen, um Jesus hier wirklich
ganz ankommen zu lassen? Und nicht nur die Erwartung, dass Jesus kommt,
sollte uns prägen, sondern auch die Erwartung, dass er hilft. Wie
gehen wir neue Projekte an? Indem wir unsere Möglichkeiten addieren
und hochrechnen, ob wir das Projekt mit unseren Mitteln stemmen können
– oder rechnen wir den Jesusfaktor mit ein, dass er zu unserem Wollen das
Gelingen geben wird, wenn wir nach seinem Willen handeln und planen? Wie
mutig sind wir, uns in die Aufgabe hineinzustürzen, für ihn Zeugnis
zu geben? Gemeinde zu bauen, bedeutet auch, Frieden zu leben, nicht Streit
und Rivalität zu pflegen und auszuleben, nicht so zu leben, dass andere
beschädigt werden, sondern in Liebe Neuanfänge zu wagen, im Respekt
aneinander zu denken und übereinander zu reden sowie Achtung voreinander
zu haben, weil Jesus den anderen mindestens genauso liebt wie uns.
-
Jesus aufnehmen können
wir, indem wir für unsere Mitmenschen hoffen, die Jesus noch nicht
kennen. Noch ist Zeit, dass sie den rettenden Hirten kennen lernen. Mit
dieser Vorfreude dürfen wir unseren Mitmenschen begegnen. Wir müssen
sie nicht zwangsbekehren, wie Karl der Große es mit den Sachsen tat.
Aber wir gehen auf sie zu mit der Gewissheit, dass der gute Hirte sowieso
jedem und jeder nachgeht und besonders die Verlorenen sucht. So sind wir
nicht Zwangsbekehrer, sondern höchstens Gatteröffner für
unseren Herrn, dass er ungehindert die Wege zu unseren Mitmenschen gehen
kann, um sie in seine Nachfolge einzuladen.
Diese drei Stichworte mögen
Sie in der Adventszeit 2010 begleiten:
Siehe, es kommt die Zeit,
eine persönliche Beziehung zu Jesus zu leben, die Gemeinde mitzubauen,
Hoffnung für die Welt zu haben. So werden wir bei denen sein, die
Jesus aufnehmen als ihren Retter, und über die sich unser Herr freut,
wenn er wiederkommt.
Cornelia
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