Ein Turm bis zum Himmel (1.Mose 11,1-8)
Gottesdienst am 10.11.2019 in Brombach

Liebe Gemeinde,
fast in unmittelbarer Nachbarschaft zu meiner ersten Gemeinde in Frankfurt wurde damals der Messeturm gebaut. Der 256,5 Meter hohe Turm wuchs damals zum höchsten Gebäude Europas heran, drumherum war eine heftige Baustelle. Jeden Tag hatte ich den wachsenden Turm vor Augen, und mir kamen schon bald biblische Assoziationen. Da war ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte dieser Turm, der bis zum Himmel reichen sollte. Würde sich die Geschichte von damals vor meinen Augen wiederholen? Würde Gott auch nach Frankfurt vom Himmel herabkommen und dem Treiben ein Ende setzen? ;-) Nun, bis heute tut er das nicht, der Turm steht immer noch, mittlerweile nach 30 Jahren schon saniert und nicht mehr der Höchste. Und doch muss ich jedesmal an den Turmbau zu Babel denken, wenn ich ihn jetzt sehr viel seltener sehe.

Die ersten Kapitel der Bibel erzählen von der Menschheit, wie sie von Gott sehr gut geschaffen wurde, Verantwortung aufgetragen bekam, aber daran scheiterte. Wie die Menschheit den Kontakt zu Gott verlor, sich Brudermord und Sintflut anschlossen, aber Gott einen neuen Anfang machte. Zum Abschluss wird von diesem Turm erzählt, der die Menschen einen wollte, stattdessen aber zu einer Zerstreuung auf der ganzen Erde führte.

1.Mose 11,1-8
Die Menschen hatten damals noch alle dieselbe Sprache und gebrauchten dieselben Wörter. Als sie nun von Osten aufbrachen, kamen sie in eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: »Ans Werk! Wir machen Ziegel aus Lehm und brennen sie!« Sie wollten die Ziegel als Bausteine verwenden und Asphalt als Mörtel. Sie sagten: »Ans Werk! Wir bauen uns eine Stadt mit einem Turm, der bis an den Himmel reicht! Dann wird unser Name in aller Welt berühmt. Dieses Bauwerk wird uns zusammenhalten, sodass wir nicht über die ganze Erde zerstreut werden.« Da kam der HERR vom Himmel herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, die sie bauten. Als er alles gesehen hatte, sagte er: »Wohin wird das noch führen? Sie sind ein einziges Volk und sprechen alle dieselbe Sprache. Wenn sie diesen Bau vollenden, wird ihnen nichts mehr unmöglich sein. Sie werden alles ausführen, was ihnen in den Sinn kommt.« Und dann sagte er: »Ans Werk! Wir steigen hinab und verwirren ihre Sprache, damit niemand mehr den anderen versteht!« So zerstreute der HERR sie über die ganze Erde und sie konnten die Stadt nicht weiterbauen.

Bei dieser Geschichte werde ich an eine Maltechnik aus Kinderzeiten erinnert. Man hatte verschiedene Wachsmalstifte in unterschiedlichen Farben und trug sie nacheinander dick auf ein Blatt Papier auf. Als letzte Farbe kam schwarz. Dann wurde gekratzt, und die darunter liegenden Farben leuchteten nach und nach auf.
So können wir es auch bei dem Turm zu Babel machen, wir kratzen eine Schicht der Erzählung nach der anderen ab.

Schicht 1: Die Urgeschichte
Berichtet wird von Menschen, die sich in einer Ebene ansiedeln, wohl zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris im heutigen Irak. Sie sind in ihren handwerklichen Techniken fortgeschritten, können Ziegel brennen und Häuser bauen. Ihren Schöpfungsauftrag, die Welt zu gestalten, erfüllen sie und machen sich die Erde untertan. Nun kommt in ihnen der Wunsch hoch, einen Turm bis in den Himmel zu bauen. Der soll Identität stiften, sie bekannt machen, ihrer Gemeinschaft Stärke geben. 

Gott sieht das vom Himmel – nach dem altorientalischen Weltbild hatte er über den Wolken seinen Wohnort – und ist offensichtlich so irritiert, dass er seinen himmlischen Wohnort verlässt und sich das Ganze genauer anschaut. Was er entdeckt, alarmiert ihn. Menschen wollen sich zusammentun und den Himmel ankratzen. Das kann er nicht zulassen. Also setzt er dem eine Grenze, lässt die Menschen in unterschiedlichen Sprachen reden, sodass sie auseinanderlaufen und das gemeinsame Projekt nicht mehr vollenden können. 

War es eine Strafe Gottes, die Menschen zu zerstreuen? Auf den ersten Blick wirkt es so. Gott hat Angst um den Himmel, den die Menschen auch noch einnehmen könnten.

Doch ist das wohl zu kurz gedacht. Gott ergreift eine Vorsichtsmaßnahme. Er schützt die Menschen vor sich selbst. Er weiß, dass Machtfülle bei Menschen zu Machtmissbrauch führt, zu Krieg, Leid, Unterdrückung und Elend. Er verwirrt die Sprache, um es Menschen nicht zu einfach zu machen, sich auf vordergründige Machtziele zu verständigen. Von nun an müssen Menschen genau hinhören, einander besser kennenlernen, Sprachen lernen, Projekte aushandeln und sich auf Ziele verständigen. 

Die Menschen werden verstreut auf die Erde, weil Gott Vielfalt geschaffen hat, keine Einheitsmenschen. Als Unikate bringen sie in ihrer Verschiedenartigkeit den Reichtum Gottes zum Ausdruck. Keine Sprache kann Absolutheitsanspruch stellen, nur im Miteianander wird Gott angemessen mit unserem Sprechen geehrt.

Schicht 2: Der Grund für den Turmbau
Die Leute hatten offenbar Angst, als Gemeinschaft auseinanderzufallen. Sie wollten eine starke Gemeinschaft sein, die Schutz bot gegen Feinde und sie abschreckte. In dem Vorhaben wird Gott nicht erwähnt. Hatten sie deshalb Angst und fühlten sich bedroht? Den Plan machten sie selbst: Ans Werk! Wir machen! Wir bauen!“ Vordergründig taten sie, was Gott ihnen aufgetragen hatte, die Erde zu bebauen und zu bewahren, aber eigentlich ging es ihnen darum, Festungen der Sicherheit zu bauen, Türme, um anderen zu zeigen, wer sie waren. Solche Bauten hatte Gott mit seinem Auftrag offenbar nicht gemeint. Vielleicht hatte er eher Schutzhäuser im Auge, Rasthäuser am Weg, Herbergen, um Geborgenheit zu geben, die Gott den Menschen schenken wollte. 

So beendete Gott das Angst-Bauen, ließ die Menschen auseinanderlaufen und in kleineren Gruppen ihren Schöpfungsauftrag umsetzen. Er wollte selbst ihr Turm sein, der ihnen Sicherheit und Schutz gab. Er wollte der Kirchturm im Ort sein, der wie ein Zeigefinger auf Gott und seine Möglichkeiten zeigt.

Schicht 3: Der Turmbau und wir
Die Erzählung wiederholt sich immer wieder in der Menschheitsgeschichte. In diesen Tagen gedenken wir der Reichspogromnach 1938, wir denken an den innerdeutschen Mauerfall und die Versuche, Macht zu demonstrieren, um Feinde abzuschrecken oder sie zu besiegen. Wir beobachten das im aktuellen Weltgeschehen, wie Syrien zum Spielball der Machtinteressen geworden ist, und in unserem gesellschaftlichen Ringen um eine Kultur, in der Menschen aus anderen Ländern hier Heimat finden können. 

Aber auch ganz persönlich ist das ja ein Thema. Ich komme mir auch selbst auf die Spur, wie ich meine eigene Meinung durchdrücken will, indem ich mir Verbündete suche. Wie ich Angst habe und mich deshalb besonders aufplustere, um anderen meine Angst nicht zu zeigen. Wie ich auf meine eigene Stärke setze, statt mich zu erinnern, dass Gott mir Stärke gibt. 

Ich erkenne mich auch in denen wieder, die in Babel einfach mitbauen, weil sie nicht außen vor sein wollen. Ihnen ist der Turm vielleicht sogar egal, aber sie spüren den Druck der anderen. Machen sie nicht mit, werden sie vielleicht aus der Stadt geschmissen. So funktioniert Werbung. Sie redet uns ein, dass wir unbedingt dieses Produkt brauchen oder so aussehen müssen, um dazuzugehören, um stark zu sein, um nicht missachtet oder vertrieben zu werden. Und so kommt es, dass wir alle das gleiche anziehen, uns ganz ähnlich einrichten und von Kindheit an gewisse Automarken toll finden. Wir lieben es, miteinander stark zu sein und allen zu zeigen, wer wir sind.

Gott liebt die Vielfalt, er will uns ermutigen, nicht den Influencern zu folgen, sondern unseren eigenen Weg zu finden. Er liebt es, wenn wir uns mit unterschiedlichen Menschen austauschen und sie in unserem Haus willkommen heißen. Er setzt darauf, dass wir seine Liebe gerade dahin tragen, wo die Menschen anders ticken als wir, nicht so sind wie wir. Wenn es anders wäre, hätte Gott die Welt nicht so bunt geschaffen, dann hätte schwarz und weiß ausgereicht.

Schicht 4: Pfingsten
Pfingsten wirkt wie eine Korrekturgeschichte zum Turmbau zu Babel. Der Heilige Geist erfüllt die Jünger fünfzig Tage nach Ostern. Gerade noch hatten sie sich in einer Wohnung in Jersusalem verschanzt, Angst ließ sie beisammen bleiben wie damals die Stadtbauer von Babel. Doch Gottes Geist ließ sie nach draußen gehen zu Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Das Überraschende, alle verstanden die Jünger in ihrer Herkunftssprache. Sie mussten nicht erst die damalige Einheitssprache Griechisch lernen, um von Jesus zu hören, sondern die Jünger sprachen ihnen direkt ins Herz. Und die Botschaft kam bei ihnen an.

Gott schenkt an Pfingsten eine neue Einheitssprache. Es ist die Sprache der Liebe Gottes, die weitergegeben werden kann und die Frieden und Freude wirkt. 2003 fand in Potsdam ein europäisches Methodistentreffen statt. Es wurde Englisch und Deutsch geredet, aber manche Unterhaltung war trotz gemeinsamer englischer Sprachkenntnisse doch eher lückenhaft. Für mich nachhaltig beeindruckend war die Erfahrung, dass wir ganz nahe beieinander waren, aus vollem Herzen Gott in russischen Worten, die wir nicht verstanden, loben konnten und uns kulturelle Unterschiede nicht trennten. Wir waren geeint in unserem Glauben und spürten eine starke Gemeinschaft, nicht in Abgrenzung, sondern mit offenen "Stadttoren".

Schicht 5: Wie unsere „Stadt“ aussieht
Exemplarisch wird dem damaligen Babel die Gemeinde gegenübergestellt, die durch den Heiligen Geist entstanden ist, der zusammengerufen hat. Diese Stadt hat offene Türen, es ist ein Kommen und Gehen ohne Angst vor „denen da draußen“. Die Stadt hat Rasthäuser am Weg, die ersten Mahlzeiten sind kostenlos, ein Begrüßungsgeschenk. Überall an den Häusern hängen „Zimmer frei“-Schilder. Reisende finden immer ein leeres Bett. Der Turm ist nicht mehr zum Imponieren da, sondern wird zum Sendemast. Der erleichtert den Heiligen Geist zu empfangen und von seiner Liebe zu senden, alle haben etwas davon. Die Kultur in dieser Stadt wird geprägt von Gottes Liebe, Versöhnung, Ausgleich und Vertrauen.

Wir haben die Chance an dieser Stadt „Gemeinde“ mitzubauen und in ihr zu leben. Was dazu nötig ist: sich dem Heiligen Geist zu öffnen und die Liebe Gottes aufzunehmen, am besten in der Gemeinschaft von Menschen, die damit Erfahrung haben. 

Die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, trafen sich regelmäßig. Sie ließen sich von den Aposteln unterweisen, pflegten ihre Gemeinschaft, brachen das Brot und beteten. (Apg 2,42)

Cornelia Trick


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