Der Wecker klingelt
Gottesdienst am 12.12.2004

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
wenn wir den Wecker klingeln hören, wissen wir, dass es Zeit ist aufzustehen. WeckerDie Aufgaben des neuen Tages warten auf uns. Wir werden durch einen plötzlichen Adrenalinschub in die Herausforderungen katapultiert.

Wie ein Wecker ist die Adventszeit dem Weihnachtsfest vorgeschaltet. Aus unserer Routine und dem Alltag werden wir aufgeweckt. Ein großes Ereignis steht bevor. Gott schickt seinen Sohn Jesus in diese Welt. Das passierte nicht nur einmal in Bethlehem vor langer Zeit, sondern liegt genauso noch vor uns, wenn Jesus wiederkommt und den neuen Himmel und die neue Erde herbei führt.

Wenn der Wecker klingelt, gibt es einen kurzen Moment beim Wachwerden, wo wir uns fragen, ob wir wirklich heute aufstehen müssen. Vielleicht ist der Wecker nur falsch gestellt. Doch sehr schnell fängt unser Gedächtnis an zu arbeiten und tischt uns auf, was alles auf uns wartet. Dringende Termine, Besprechungen, schöne Stunden und am Abend vielleicht ein wenig freie Zeit. So ist es mit dem Weckruf im Advent. Er ruft uns an die Arbeit, wir sollten ihn nicht überhören. Wichtiges wird zu tun sein, das keinen Aufschub verträgt. Dazu Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium:

Matthäus 24,32-35

Lasst euch vom Feigenbaum eine Lehre geben: Wenn der Saft in die Zweige schießt und der Baum Blätter treibt, dann wisst ihr, dass der Sommer bald da ist. So ist es auch, wenn ihr dies alles geschehen seht: Dann wisst ihr, dass das Ende unmittelbar bevorsteht. Ich versichere euch: Diese Generation wird das alles noch erleben. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht; sie bleiben gültig für immer und ewig.

Vorwort zum Wecker

Jesus redet über das Ende der Welt. Er beschrieb seinen Jüngern die Katastrophen der Endzeit sehr eindrücklich. In den Science-Fiction-Filmen der Gegenwart werden diese Bilder vielfältig ausgeschmückt und gewinnen durch die Massenvernichtungsmittel und die fortschreitende Technik ein zunehmend realistischeres Szenario. Doch das Bild, das Jesus hier gebraucht, unterscheidet sich grundlegend davon. Es ist ein Bild der Hoffnung. Ein kahler, verdorrter Ast, dem man äußerlich das Leben nicht mehr ansieht, treibt neue kleine grüne Triebe. Es ist das sichere Zeichen, dass der Feigenbaum bald wieder Blätter tragen wird, der Sommer vor der Tür steht. Die längste Zeit des Winters ist endgültig überstanden. Wenn sogar der Feigenbaum ausschlägt, kehrt der Winter nicht mehr zurück, das wussten die Leute in Israel.

Nehmen wir das Bild für den wiederkommenden Jesus, so will es in uns eine große Vorfreude wecken. Sicher, noch ist es in vielen Bereichen schrecklich, Tod und Kälte herrschen wie im Winter, doch Jesus kommt und ist schon im Begriff zu kommen. Er wirkt schon jetzt unter uns wie diese zarten grünen Triebe am Baum. Er verbürgt sich dafür, dass seine Verheißungen wahr werden und sein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens kommt.

Jesus spricht mit der Erwartung, dass der Sommer sehr bald kommen wird, noch für seine Generation erlebbar. Das hat sich so nicht erfüllt. Jesus, der wahre Mensch, wusste den Zeitpunkt Gottes nicht. Hier wird einmal mehr deutlich, dass Jesus nicht als menschlich verkleideter Gott über die Erde ging, sondern Gott sich in ihm ganz uns Menschen gleich gemacht hat. Auch an der Begrenztheit unseres Horizontes hat er teilgehabt. Auch unsere Ohnmacht beim Blick in die Zukunft war seine Ohnmacht.

Ganz anders die folgenden Aussagen, dass seine Worte gültig bleiben. Hier spricht er mit der Vollmacht des Gottessohnes, der im Auftrag seines Vaters spricht. Der Zeitpunkt seiner Wiederkunft ist ungewiss, alles ist noch im Anbruch. Sicher ist, Jesus wird kommen. Der Frühling weist auf den Sommer hin, dieses Ziel dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Dafür brauchen wir den Wecker, der uns wachrüttelt.

Matthäus 24,36-41

Doch den Tag und die Stunde, wann das Ende da ist, kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel - nicht einmal der Sohn. Nur der Vater kennt sie. Wenn der Menschensohn kommt, wird es sein wie zur Zeit Noahs. Damals vor der großen Flut aßen die Menschen und tranken und heirateten, wie sie es gewohnt waren - bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging. Sie begriffen nicht, was ihnen drohte, bis dann die Flut hereinbrach und sie alle wegschwemmte. So wird es auch sein, wenn der Menschensohn kommt. Von zwei Männern, die dann zusammen auf dem Feld arbeiten, wird der eine angenommen, der andere zurückgelassen. Von zwei Frauen, die dann zusammen Korn mahlen, wird die eine angenommen, die andere zurückgelassen.

Der Wecker klingelt unerwartet

Anders als im letzten Abschnitt stellt Jesus hier fest, dass auch er nicht den Zeitpunkt kennt, an dem Gott die neue Welt herbeiführen wird. Dies entlastet von Spekulationen jeder Art. Wir werden nicht aufgefordert, uns Gedanken über diesen Zeitpunkt zu machen. Wir müssen unsere Kraft nicht dazu einsetzen, Termine zu errechnen. Wir brauchen nicht wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen und wie gelähmt auf das genau fixierte Datum zu starren, unfähig, die Zwischenzeit sinnvoll zu gestalten. Nein, Jesu Aussage gibt uns Freiheit, ganz unbefangen zu leben, unseren Alltag zu gestalten und jeden Tag zu nehmen, als wäre es der letzte und gleichzeitig einer, dem vielleicht noch unzählig viele folgen können.

Jesus vergleicht unsere Situation mit den Zeiten vor der Sintflut. Die Menschen lebten ihr Leben, während Noah die Arche baute. Die biblische Überlieferung berichtet nichts davon, dass die Leute damals etwas mitbekamen von Noahs Archebau. Es hätte nichts geändert. Gott hatte beschlossen, nur Noah zu retten. Die Sintflut traf die Leute damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, ohne Fluchtmöglichkeit. Das ist der Vergleichspunkt für Jesus. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wird auch das Ende der Welt sich diesmal gestalten. Ganz normale Menschen werden sich auf einmal in zwei verschiedenen Lagern wiederfinden - im Chaos des Weltendes oder bei Gott. Zwei werden am Bankschalter stehen, einer wird zu Gott gehören, eine wird allein zurückbleiben. Zwei werden nebeneinander im Konzert sitzen, eine wird bei Gott sein, einer dort bleiben. Auch bei den Musikern werden die Reihen auf einmal gelichtet sein. Vielleicht fehlt eine komplette Stimme und das Konzert muss abgebrochen werden.

Jesus schärft uns ein, der Übergang vom Frühling zum Sommer kommt überraschend, ohne Ankündigung und für alle unbekannt. Das wirkt bedrohlich und lässt die Frage entstehen, wie wir auf den Weckruf, der uns mit Jesu Worten ereilt hat, reagieren können. Denn wer will schon wie die Zeitgenossen Noahs ertrinken?

Matthäus 24,42-44

Darum seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird. Macht euch doch das eine klar: Wenn ein Hausherr im voraus wüsste, zu welcher Nachtstunde der Dieb kommt, würde er aufbleiben und den Einbruch verhindern. Darum seid jederzeit bereit; denn der Menschensohn wird zu einer Stunde kommen, wenn ihr es nicht erwartet.

Der Wecker setzt uns in Bewegung

Vielleicht denken Sie jetzt wie ich an einen Radiowecker. Wenn mein Wecker morgens zum Aufstehen ruft, werden mir erst einmal die Nachrichten des Tages verkündet einschließlich Wetterbericht und Staumeldungen. Besonders freue ich mich über lange Staumeldungen, dann kann ich Sekunden länger liegen bleiben.

Jesu Weckruf als Radiowecker dudelt vielleicht schon Jahre im Hintergrund unseres Lebens. Wir wissen um seinen Ruf, doch verändert er etwas? Kann es sein, dass wir wieder eingeschlafen sind, obwohl der Tag längst fortgeschritten ist? Da ist der Glaube an Jesus Christus die Grundmelodie des Alltags. Klar, Jesus ist mit dabei. Wir summen das Jesus-Liedchen vor uns hin. Doch eigentlich ist dieser Glaube wie eine moderne Gehhilfe auf Rädern, auf die wir uns beim Verfolgen unserer eigenen Pläne stützen. Ist doch gut zu wissen, dass wir unsere Pläne mit der Unterstützung Jesu durchsetzen können. Ist doch ein prima Gefühl, unseren Glauben als Oase zum Ausruhen zu nutzen, wenn uns die Puste ausgeht. Und vielleicht sind wir ja auch gerade selbst auf dem Erfolgskurs und brauchen gar nicht Jesu Unterstützung. Da ist es trotzdem eine Beruhigung, die Gehhilfe im Keller zu wissen, die man rausholt, wenn die Kraft nachlässt.

Wenn Jesus hier zum Aufwachen ruft, dann ist dieser Wecker eher ein altmodischer Glockenwecker, der uns buchstäblich aus dem Bett schmeißt. Jesus will uns nicht eine Gehhilfe für Notfälle anbieten, sondern unser Leben radikal umwandeln. Er schmeißt uns aus dem Bett der Selbstsicherheit und Selbstgenügsamkeit und beginnt mit uns einen neuen Lebensabschnitt.

Wachen und Beten

Zum Wachen gehört für Jesus die Beziehungspflege mit Gott. Kurz vor diesen Worten sprach Jesus von sich als dem Weltenrichter, alles wird darauf ankommen, dass wir in Beziehung zu ihm stehen, er uns kennt. Im Garten Gethsemane bittet er seine Jünger: "Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt." (Matthäus 26,41). Wachen und eine Beziehung zu Gott haben gehört zusammen. Wir können nicht wach bleiben, wenn wir mit Gott nicht sprechen und nicht auf ihn hören. Bei langen Autofahrten kennen wir ja auch das Phänomen. Ohne Beifahrer oder Radio sind wir in der Gefahr einzuschlafen. Nur das Hören und Gespräch hält uns wach. Diese Beziehungspflege sieht ganz konkret aus, wenn wir uns regelmäßig Zeit nehmen, mit Jesus über unser Leben zu sprechen: 
  • Herr, passt dir mein Leben?
  • Findest du es in Ordnung, wie ich mich letzte Woche verhalten habe?
  • Habe ich dir Ehre gemacht mit meinem Umgang?
  • Fühlst du dich von mir eingeladen, an meinem Alltag teilzunehmen?
Jesus wird antworten und uns neu auf ihn ausrichten. Er wird uns die Augen dafür öffnen, wie er sich unser Wachsein vorstellt und was von ihm aus dazugehört. Ob wir uns danach richten, wird an uns liegen. Doch sein Angebot, uns zu motivieren, steht.

Eine Möglichkeit der Beziehungspflege ist auch das Lesen der Bibel. Ich weiß, damit spreche ich nichts Neues an. Doch ist es mir ein wirkliches Anliegen, dass wir in der Bibel lesen und sie zu uns sprechen lassen. Stellen Sie sich vor, sie hätten ein Handbuch zur Hochzeit bekommen: Alles über XY und wie ihr glücklich alt werden könnt. Hätten Sie das Buch im Schrank liegen lassen? Oder nur die ersten Kapitel gelesen? Oder es nur bei Problemen rausgeholt? Ich bin sicher, wir alle hätten es von A bis Z sehr aufmerksam studiert, immer wieder und mit Auswirkungen. Nichts anderes ist die Bibel. Sie sagt uns alles, was wir für ein Leben mit Gott wissen müssen. Sie bewahrt uns vor Fehlentscheidungen und eröffnet uns Reichtum. Es wäre ein Jammer, wenn wir sie nicht lesen würden. Eine echt verpasste Chance.

Wachen und Leben

Jesus führt nach diesem Abschnitt mit einem Alltagsgleichnis aus, was es bedeutet, sich vom Wecker ins Leben rufen zu lassen (Matthäus 24,45-51). Ich möchte das Gleichnis mit einem heutigen Bild erzählen. Da kommt der Rektor nach einem Auslandsaufenthalt in die Schule zurück. Es war alles organisiert für die Zeit seiner Reise. Die Lehrer hatten seine Aufgaben übernommen, eine Konrektorin hatte die Interimsvertretung übernommen, er erwartete, einen laufenden Schulbetrieb vorzufinden. Doch als er morgens die Schule betrat, herrschte eine bedrückende Stille. Die Klassenzimmer waren dunkel und leer, nur im Lehrerzimmer brannte Licht. Da saß das Kollegium bei Kaffee und Kuchen, Urlaubsbilder und Kataloge von fernen Inseln machten die Runde. Was war geschehen? Statt die Kinder zu unterrichten, hatten sich die Lehrer im Lehrerzimmer zurückgezogen. Die Kinder blieben bald der Schule fern, trieben sich im Ort rum oder spielten Verstecken im Wald. Klar, der Rektor war entsetzt.

Unmöglich - denken Sie, an den Haaren herbei gezogen? Sicher, was die Schule betrifft, schon. Aber was unser Leben mit Jesus Christus anbetrifft auch? Da ist unser Auftrag, Salz und Licht für die Welt zu sein, und wir ziehen uns in die private Ecke zurück. Wir sind aufgerufen, unseren Mitmenschen Jesus nahe zu bringen, denn noch ist Zeit zur Entscheidung. Statt dessen beschäftigen wir uns lieber mit uns selbst, unseren Zukunftsaussichten und unseren Bedürfnissen. 

Jesus ermutigt uns, den Wecker zu hören und uns entsprechend zu verhalten. Er hilft uns beim Aufstehen. Er reagiert auf unsere zaghaften Versuche, mit ihm in Beziehung zu treten, und er schickt uns an die Arbeit. Seine Liebe sollen und können wir unter die Menschen bringen. Bei dieser Tätigkeit sollte uns der wiederkommende Jesus antreffen, mitten drin im Leben für ihn. Das heißt Wachsein für Jesus, das heißt, ein Adventsmensch zu werden.

Ob wir wachen, beten und leben oder nicht, macht einen großen Unterschied. Jesus ermutigt uns, uns nicht vom Alltag treiben zu lassen, sondern ihn zur Ehre Gottes mit seinen Prioritäten zu gestalten. Der Zeitpunkt, an dem Jesus wiederkommt, ist unbekannt, aber sicher näher als damals. Wir können uns nicht anders darauf vorbereiten, als die Beziehung zu Jesus zu pflegen und nach seinem Willen uns in diese Welt einzubringen – als Salz und Licht.

Cornelia Trick


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