Der Garten Getsemane (Matthäus 26,36-46)
Gottesdienst am 08.03.2015 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
während unserer 40-Tage-Aktion „24 Stunden. Der Tag, der die Welt veränderte“ haben wir uns in den letzten Tagen im Garten Getsemani (auch Getsemane genannt) aufgehalten. Das Abendessen mit den Jüngern war beendet, zusammen mit den Jüngern sind wir in die Nacht hinausgegangen. Jesus nahm uns mit zum Garten Getsemani am Fuße es Ölbergs. Wir wurden Zeugen von Jesu ganz normaler Gebetspraxis, am Abend einen ruhigen Ort aufzusuchen, um mit dem himmlischen Vater zu reden. Wir wurden aber auch aufmerksam auf Aussagen des Propheten Sacharja, der schon lange vor Jesus darauf deutete, dass an diesem Ort der Herr stehen würde, um einstmals Israel zu erlösen (Sacharja 14,4)

Heute suchen wir diesen Ort noch einmal auf. Wir stellen uns zu den Jüngern damals, beobachten sie und hören ihnen zu. Wir schauen, ob diese Szene von damals etwas mit uns heute zu tun haben könnte.

Der Evangelist Matthäus berichtet davon aus seiner Perspektive. Er überschreibt sein Evangelium von Jesus Christus mit dem Titel „Gott mit uns“. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema durch die Jesus-Geschichten, die er zusammenfasst. Hier nun, im Garten Getsemani, scheint es, als habe der rote Faden einen Knoten bekommen. Jesus als „Gott mit uns“ scheint hier nicht der souveräne Herr zu sein, der alles im Griff hat und Tote zum Leben erweckt, Zweiflern Mut zuspricht, Kritiker in ihre Schranken weist. Hier erbittet der „Gott mit uns“ Unterstützung von seinen Jüngern. Seine Bitte scheint nicht übertrieben zu sein angesichts eines Petrus, der gerade noch für ihn sterben wollte.

Jesus führt uns hier exemplarisch vor Augen, was in Versuchung und in Erwartung des Todes trägt. Wie sieht es um unsere Haltung aus, wenn wir versucht und angefochten werden?

Matthäus 26,36-46

Jesus kam mit seinen Jüngern zu einem Grundstück, das Getsemani hieß. Er sagte zu ihnen: »Setzt euch hier! Ich gehe dort hinüber, um zu beten.« Petrus und die beiden Söhne von Zebedäus nahm er mit. Angst und tiefe Traurigkeit befielen ihn, und er sagte zu ihnen: »Ich bin so bedrückt, ich bin mit meiner Kraft am Ende. Bleibt hier und wacht mit mir!« Dann ging er noch ein paar Schritte weiter, warf sich nieder, das Gesicht zur Erde, und betete: »Mein Vater, wenn es möglich ist, erspare es mir, diesen Kelch trinken zu müssen! Aber es soll geschehen, was du willst, nicht was ich will.« Dann kehrte er zu den Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: »Konntet ihr nicht eine einzige Stunde mit mir wach bleiben? Bleibt wach und betet, damit ihr in der kommenden Prüfung nicht versagt. Der Geist in euch ist willig, aber eure menschliche Natur ist schwach.« Noch einmal ging Jesus weg und betete: »Mein Vater, wenn es nicht anders sein kann und ich diesen Kelch trinken muss, dann geschehe dein Wille!« Als er zurückkam, schliefen sie wieder; die Augen waren ihnen zugefallen. Zum dritten Mal ging Jesus ein Stück weit weg und betete noch einmal mit den gleichen Worten. Als er dann zu den Jüngern zurückkam, sagte er: »Schlaft ihr denn immer noch und ruht euch aus? Die Stunde ist da; jetzt wird der Menschensohn an die Menschen, die Sünder, ausgeliefert. Steht auf, wir wollen gehen. Er ist schon da, der mich verrät!«

Jesus geht mit allen Jüngern los, lässt sie zurück, geht nur mit Johannes, Jakobus und Petrus weiter. Sie gehören zum innersten Kreis um Jesus, hatten die Auferweckung von Jairus Tochter von den Toten miterlebt und waren auf dem Berg der Verklärung dabei Sie hatten von Jesus schon ein Stück Himmel gezeigt bekommen und werden nun von Jesus zur Gebetsunterstützung mitgenommen. Ich stelle mir ihr Fürbitt-Gebet wie das Netz unter einem Trapez-Künstler im Zirkus vor. Es hängt im Abstand unter dem Artisten, lässt ihm alle Freiheit, aber ist da, wenn er fällt.

Begleiten wir zunächst Jesus

Jesu Gebet durchläuft eine Entwicklung. Zunächst spürt er wohl deutlich die Versuchung, alles hinzuwerfen und zu fliehen. Wir hören fast die Schlange des Paradieses zischen: „Sollte Gott gesagt haben, dass du wirklich so enden sollst? Hast du nicht noch so viel auf Erden zu tun? Jetzt schon Ende?“ Doch Jesus redet nicht mit dieser Schlange, sondern wendet sich in der tiefsten Nacht seiner Seele an den Vater. Der Vater ist kein Diktator, der seinem Sohn den schon längst in Stein gehauenen Plan aufdrückt, sondern ist lebendiges Gegenüber. Jesus bittet ihn um Verschonung, wer weiß, vielleicht gibt es noch einen anderen Weg für ihn. Doch umfasst er diese Bitte mit dem Bekenntnis, dass Gottes Wille geschehen möge. Der himmlische Vater umfängt den angefochtenen Sohn und führt ihn. So wundert es nicht, dass Jesus in seinem zweiten Gebet nicht mehr um Verschonung bittet, sondern sein Einverständnis mit Gottes Weg signalisiert: „Dein Wille geschehe“. 

Was hat den Umschwung herbeigeführt? Wir können nur vermuten, dass Jesus Gottes Gegenwart erlebt hat und seinen Halt. Dass er sich wie an einem Seil gesichert fühlte trotz steiler Felswand und unüberbrückbarer Felsspalte unter ihm.

Ein drittes Mal betet Jesus. Mir kommt dieses Gebet vor wie die Aufforderung bei manchen Web-Seiten: „Wiederholen Sie Ihr Passwort“. Jesus bestätigt sein Ja.

Stellen wir uns jetzt zu den Jüngern

Jesus lässt sie allein, sie schlafen ein. Jesus erwischt sie dabei und macht ihnen deutlich: Die Versuchung ist da, von Jesus wegzulaufen und die gemeinsamen drei Jahre mit Füßen zu treten. Sie haben keine Chance, dieser Versuchung zu widerstehen, es sei denn, sie wachen und beten. Wachen meint, sie bleiben aufmerksam auf Gottes Signale, wie es weitergeht, Beten meint, sie bleiben mit Gott verbunden, drücken nicht die Aus-Taste, um die Verbindung zu beenden.

Jesus erwischt die Jünger dreimal beim Schlafen. Sie haben keine Kraft, an Jesu Seite zu bleiben und das Sicherheitsnetz unter ihm zu festzuhalten. Was schläfert sie ein? Vielleicht steht das erste Schlafen für Verdrängung. Sie wollen es immer noch nicht wahrhaben, dass es jetzt ernst wird. Sie flüchten in bessere Welten. Das zweite Mal Abtauchen steht möglicherweise für Erschöpfung. Sie sind emotional extrem aufgewühlt, die Atmosphäre beim letzten Abendmahl war so dicht, dass sie nicht mehr können. Ihre Augen fallen einfach zu. Der dritte Schlaf könnte für Gleichgültigkeit stehen. Sie denken, Jesus wusste bis jetzt immer eine Lösung, so schlimm wird es nicht werden. Jesus hat alles in der Hand, der braucht sie nicht, ein kleiner Schlaf kann nichts schaden.

Kennen wir nicht auch diese Ruhekissen? Wir könnten eigentlich wissen, dass eine schwierige Situation all unsere Gebete braucht, aber wir verdrängen erfolgreich, sind zu erschöpft, um uns wirklich zu kümmern oder eigentlich ist uns alles egal, Hauptsache für uns geht es gut weiter.

Wir könnten bei den Jüngern stehen und denken, ja, wie konnten die Jünger nur so dumm sein. Doch Matthäus erzählt diese Szene nicht ohne Grund. Er gibt uns zu verstehen, wir sind genauso, nicht nur Zuschauer, sondern Beteiligte. Wir sind aufgefordert zu wachen, zu beten und uns gegen Versuchungen zu wappnen.

Von Jesu Gebet lernen wir, wie nötig es ist, aus dem Alltag herauszutreten, einen Garten aufzusuchen und dort mit Gott zu sprechen. Wir lernen, dass Gebet nicht bedeutet, wir lassen unsere Pläne von Gott absegnen oder umgekehrt, Gott gibt uns unseren Marschbefehl, dem wir zu gehorchen haben. Gebet ist Beziehung, in der Gott uns an die Hand nimmt und dahin führt, wo er uns haben will – ohne Zwang, ohne Muss, sondern so, dass wir am Ende zu seinen Wegen Ja sagen können. 

Die Jünger lehren uns, den Versuchungen zu widerstehen. Verdrängen, Erschöpft-Sein oder Gleichgültigkeit können große Tore sein, um Versuchungen ins Leben einzuladen. Die ersten Christen kannten die Versuchung gut, alles hinzuwerfen, dem Glauben wieder abzusagen und wieder ein ganz normales Leben in Familie und Arbeitswelt zu führen. 

Unsere Versuchungen sehen anders aus. Wir verdrängen, wie wichtig es ist, unseren Glauben nicht nur wie eine Vereinsmitgliedschaft zu leben, sondern ihn in die Tat umzusetzen, in unserer Umgebung zu wirken und uns einzumischen, wo Liebe Gottes gefragt ist.

Wir sind sehr erschöpft, aber tun nichts, um unsere müden Seelen neu aufzutanken. Wie sieht es um unser geistliches Leben aus? Suchen wir Tankstellen auf? Lassen wir Freiräume für Gottes Reden zu uns, seinen Geist, den er uns schenken will?

Wir sind auch gleichgültig. Wirklich ausmachen tut es uns oft nichts, dass Menschen in unserer nächsten oder ferneren Umgebung leiden. Jesus weinte über Jerusalem. Haben wir jemals über Schmitten, Neu-Anspach oder Usingen geweint?

In einer psychologischen Studie las ich, wie man sich gegen Versuchungen schützen kann. Dort wurde empfohlen, die Natur aufzusuchen, ein Naturbild als Hintergrund auf dem Bildschirm zu installieren und einen Spaziergang zu machen, wenn man mal wieder das Gefühl hat, man müsste unbedingt dies oder das haben, was einem definitiv nicht gut tun würde. 

Jesus empfiehlt das Reden mit Gott im Garten. Es ist der Ort, wo wir wieder neu zentriert werden auf die Mitte unseres Lebens und eine Ahnung davon bekommen, wohin Gott uns führen will.

Cornelia Trick


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