Da hilft nur noch beten ...
Gottesdienst am 28.05.2000
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
letzten Dienstag war ich mit ein paar Kindern im Kino. Es war ein besonderes Geschenk, das meine Tochter bekommen hatte und da bin ich mitgegangen. Neben mir saß ein Junge, vielleicht 8 Jahre alt, mit seiner Mutter. Der Vorspann mit Werbungen zog sich schier endlos hin. Mein Nachbarsjunge fing auf einmal an: "Ich bete jetzt, dass die Werbung endlich aufhört. Lieber Gott, mach, dass der Film jetzt endlich anfängt." Die Mutter darauf: "Was hat denn das mit Gott zu tun?" Leider endete das Gespräch da. Zu gerne hätte ich gewusst, warum Gott nichts mit Kinowerbung zu tun hat. Der Junge jedenfalls hatte eine ganz natürliche Beziehung zum Gebet. BetenEr sah keinen anderen Ausweg, als Gott anzurufen, um endlich ans Ziel zu kommen. Wie der Stoßseufzer, den wir auch kennen und der biblische Wurzeln hat: O Herr, hilf, o Herr, lass wohlgelingen. Herr, durchbrich meine Grenzen und die Grenzen anderer. Herr, lass das Neue zum Zuge kommen.
Heute am Sonntag "Rogate", zu deutsch "Betet", werden wir erinnert an den Lebensnerv unseres Christseins. Jesus Christus hat das natürliche Gespräch mit Gott eröffnet. Ein Austausch mit ihm ist möglich und nötig. Der Sonntag Rogate ist Auswirkung des Osterfestes. Weil Jesus lebt, können wir mit ihm reden. Er ist der Dolmetscher zu Gott. Wir sind nicht blind unserem Schicksal ausgeliefert, sondern sind gehalten, geführt und informiert durch das Gebet.
Ein Abschnitt aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Kolossä thematisiert diesen Lebensnerv. Ganz am Ende des Briefes schärft Paulus der Gemeinde noch einmal ein, worauf es wirklich ankommt. Wir können das auch für uns bedenken. Denn was so eindringlich betont wird, ist offensichtlich sehr wichtig und nicht selbstverständlich gegeben.

Kolosser 4,2-6

Lasst nicht nach im Beten und werdet nicht müde, Gott unablässig zu danken! Betet auch für uns, dass Gott uns eine Tür öffnet und wir sein Geheimnis bekannt machen können: die Botschaft von der Rettung durch Christus, für die ich jetzt im Gefängnis bin. Bittet Gott darum, dass ich dieses Geheimnis offenbar machen kann, wie es mein Auftrag ist. 
Im Blick auf die, die nicht zur Gemeinde gehören, und im Unterschied zu ihnen sollt ihr leben wie Menschen, die wissen, worauf es ankommt, und sollt die Zeit, die euch noch verbleibt, gut ausnutzen. Wenn ihr Außenstehenden über euren Glauben Auskunft gebt, so tut es immer freundlich und in ansprechender Weise. Bemüht euch, für jeden und jede die treffende Antwort zu finden.

Kurz zur Situation, in die Paulus hinein diese Sätze schrieb. In der Gemeinde waren Menschen, die erfahren haben, dass sie mit Christus ein neues Leben beginnen konnten. Doch immer war das neue Leben von ihrer alten Lebensweise bedroht. Die Leute wollten im Vertrauen auf Gott leben, aber sie wollten ihr Leben auch selbst in der Hand behalten und selbst bestimmen, was für sie gut und richtig war. So wurden Regeln und Lehren aufgestellt, um das neue Leben zu sichern. Die Lebensgemeinschaft mit Christus rückte dabei aus dem Blick. Paulus erinnert in seinem Brief daran, dass nur der lebendige Christus nötig ist, um als neuer Mensch zu leben. Dabei ist das Gebet der Lebensnerv. Im Bild ausgedrückt ist das Gebet der Gemeinschaftsraum einer Familie oder Wohngemeinschaft - also die Küche, der Esstisch, das Wohnzimmer. Hier findet Begegnung und Austausch statt. Hier werden die wichtigen und Nächte langen Gespräche geführt. Hier geschieht Ermutigung und Versöhnung. Hier wird gestritten und korrigiert. Wenn keiner mehr in diesen Gemeinschaftsraum geht, ist die Familie oder Wohngemeinschaft vom Zerbruch bedroht.
Paulus spricht in diesem Schlussabschnitt seines Briefes 5 Themen an, die den Sinn des Gebets sehr eindrücklich beschreiben.

  • Lasst nicht nach mit dem Beten, habt Ausdauer und Geduld im Gemeinschaftsraum.
  • Trainiert eure Kondition im Danken.
  • Betet dafür, dass Jesus Christus nicht in der Kirche eingeschlossen bleibt, sondern andere erreicht.
  • Missionarischer Lebensstil ist angesagt.
  • Gebt ein peppiges Zeugnis, wenn es dran ist.
Lasst nicht nach mit dem Beten, habt Ausdauer und Geduld im Gemeinschaftsraum
Offensichtlich ist Beten Lebensaufgabe und zieht sich wie ein roter Faden durch den Tag. Das Gebet soll nicht abreißen, es ist nicht beschränkt auf 5 Minuten am Morgen und 5 Minuten am Abend. Es ist auch nicht beschränkt auf eine spezielle Gebetshaltung oder ein einstudiertes Ritual. Beten geschieht wie Atmen und Essen, ganz natürlich und selbstverständlich in den Tagesablauf eingebunden. Manchem hilft es, wenn er sich Erinnerungskärtchen an seinen Arbeitsplatz stellt, auf denen ein Gebet steht. So wird er immer wieder an die Kraftquelle Gottes angebunden und wird aufmerksam auf Gottes Perspektive. Mancher hilft es, wenn sie ein paar leere Zettel griffbereit hat, auf die sie während eines Tages notieren kann, was sie Gott sagen möchte - ein Dank, eine besondere Freude, ein Seufzer oder eine Bitte für jemand in Not. Diese kleinen Gebetszettel nimmt sie mit in ihre stillen Minuten und bringt sie ein in ihre Zwiesprache mit Gott.
In einem Seminar über das Gebet kamen wir bald zu der Feststellung, dass wir selten zu dieser Form des ausdauernden Gebets finden. Wir überlegten, was uns daran hinderte und fanden bald die neuralgischen Punkte. Wir fanden keine Zeit für eine längere Gebetsphase am Tag, wo all die Stoßseufzer ihren Platz hatten. Wir waren oft schon fertig, bevor Gott uns antworten konnte. Wir merkten, dass uns neben der Zeit auch die Ruhe fehlte. Aus einem hektischen Tag kann man nicht auf Kommando ruhig werden, vor einem hektischen Tag ist man aufgeregt und auch nicht empfangsbereit für die leise Stimme Gottes. Und mitten im Familienrummel ist es mit der Ruhe auch nicht weit her. Manche meinten, sie hätten viel Zeit und Ruhe, weil sie allein lebten und sich ihren Tag einteilen könnten, aber ihnen fehlte es an den Freunden, die sie unterstützen würden. Allein hätten sie oft das Gefühl, das Gebet bliebe im Raum hängen. In dem Seminar praktizierten wir es miteinander, Zeit und Ruhe zu finden, aber auch mit Freunden zu beten und wir merkten, wie uns das weiterhalf. Wir nahmen es mit in unseren Alltag und manche veränderten ihre Gebetspraxis und wurden dadurch reich beschenkt. Unser Gebetskreis, der in der Gemeinde angeboten wird, ist so eine Form des Gemeinschaftsraums, wo wir Zeit, Ruhe und Freunde finden zum beten.

Trainiert eure Kondition im Danken

Paulus betont, dass das Danken ganz wesentlicher Bestandteil des Gebets ist. Hier wird die ganze Geschichte Jesu mit uns Menschen offensichtlich. Denn er tut zuallererst etwas für uns. Er sieht uns an in unserer Not und Bedürftigkeit, in unserer Verstrickung in Schuld und Ohnmacht. Er nimmt uns die Pakete unseres Lebens ab und schenkt uns Vergebung, Versöhnung und seinen Geist, der uns neu macht. Er gibt uns seine Hand, die uns führt, und Perspektive über den Tod hinaus. All das tut er für uns. Da brauchen wir nicht mitzuhelfen, da brauchen wir nicht selbst unsere Pakete zu entsorgen. Da können wir einfach "danke" sagen. Und so ist das Dankgebet das erste, mit dem unser Leben mit Christus beginnt. So ist das Dankgebet an jedem neuen Tag das erste, das uns den Blick für Gottes Handeln eröffnet. "Danke, dass du da bist. Danke, dass du mich liebst. Danke, dass du sogar durch mich wirken willst." So sehen wir im Danken die neue Kreatur, die Christus in uns schafft. Wir sehen seine Möglichkeiten. Wir fischen nicht gleich wieder im alten Teich, den Problemen, unseren Macken, unseren Schwierigkeiten miteinander, unserer Traurigkeit. Nein, das Danken hebt uns in die Liebe Gottes und erneuert uns von daher. Im letzten Hauskreis haben wir uns vorgenommen, dieses Danken ganz bewusst bis zum nächsten Hauskreis zu üben und uns dann zu erzählen, was daraus geworden ist. Ich bin gespannt, welche mutmachenden Erfahrungen wir bald zusammentragen werden.

Betet dafür, dass Jesus Christus nicht in der Kirche eingeschlossen bleibt, sondern andere erreicht

Aus dem Danken erwächst die Fürbitte. Paulus bittet die Gemeinde, für die Ausbreitung des Evangeliums, eine offene Tür, zu beten. Paulus bittet nicht um seine Freilassung aus dem Gefängnis, was doch naheliegen würde. Er bittet für die offene Tür um das Evangelium weiterzusagen - in und außerhalb der Gefängnismauern. Er bittet, dass das Evangelium aus dem Gefängnis entlassen wird, um sich ungehindert auszubreiten. Damit wird klar, der Auftrag ist wichtiger als die eigene Befindlichkeit. Für Christus zu leben, Frucht zu bringen, andere mit Gottes Liebe zu berühren ist Thema. Ich frage mich, ob hier nicht eine ganz wichtige Botschaft für uns angedeutet ist. Wie oft bete ich, dass es dem anderen gut geht, dass sie bewahrt wird, dass er eine Stelle bekommt. Doch ich bete selten, dass er die Stelle bekommt, wo er am besten Gottes Auftrag leben kann. Und ich bete selten, dass sie bewahrt wird, weil Gott ihr doch so eine wichtige Aufgabe in ihrer Familie gegeben hat. Und ich bete selten, dass er von Krankheit verschont wird, weil er alle Kraft braucht, um für Jesus dazusein. Ich möchte das von Paulus lernen. Ich möchte für andere beten und darum beten, dass durch sie die Botschaft von Jesus Christus zu ihren Kollegen und Bekannten dringt. Und ich freue mich, dass andere für mich beten - nicht dass es mir immer wundervoll geht und ich nur in der Sonne spazieren gehe, sondern dass durch mich Gottes Liebe echt bei anderen ankommen kann und sie einlädt.

Missionarischer Lebensstil ist angesagt

Die Fürbitte leitete schon über zum Alltag. Gebet im Rücken gibt Energie für das Tagesgeschäft. Missionarischer Lebensstil wird hier so charakterisiert, dass man weiß, worauf es ankommt. Im Kirchlichen Unterricht hatten wir eine Bildergeschichte, bei der ein Mann sich missmutig von seiner Frau verabschiedete, unterwegs ein Schild sah "das Ende ist nahe" und darauf umkehrte und seiner Frau einen Kuss gab. Ich wünschte mir, es würden ab und zu wirklich solche Schilder auf der Straße stehen. Ich bin sicher, dass ich da öfters am Umkehren wäre. Denn nicht immer weiß ich, worauf es wirklich ankommt. Da nehme ich die Klassenarbeit meiner Tochter wichtiger als ein Gespräch am Mittagstisch über einen Mitschüler, mit dem sie nicht zurecht kommt. Da interessiert es mich mehr, dass ich in einer Auseinandersetzung meinen Kontrahenten besiege, als dass der Streit besiegt wird. Die Reihe lässt sich fortsetzen. Wissen, worauf es ankommt, das ist ein kleiner Tipp zu einem missionarischen Leben, das andere anstößt und fragen lässt, warum macht er, sie das so und nicht anders? Die Nebeneffekte werden gleich mit erwähnt. Statt verbissen, nachtragend und bitter auf unser Leid zu schauen, werden wir freundlich, statt gezwungen unseren Glauben zu bezeugen werden wir sehr lebensnah von Jesus Christus erzählen können.

Gebt ein peppiges Zeugnis, wenn es dran ist

Im Urtext heißt es, ein Zeugnis mit Salz gewürzt. Neudeutsch denken wir bei einem salzigen Zeugnis eher an ein versalzenes, ätzendes Zeugnis. Aber gemeint ist ein peppiges Zeugnis, das anziehend wirkt. Jesus hat in der Bergpredigt uns ja so angesprochen: Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid der Pepp der Erde. Und das äußert sich eben auch darin, wie wir von Jesus Christus sprechen. Im Zusammenhang unseres Abschnitts geht es bestimmt darum, dass unser Zeugnis denen entgegenkommen muss, die wir erreichen wollen. Dass unser Zeugnis mit unserem Leben verbunden ist und von daher auch seine Autorität bezieht. Unser Zeugnis ist wichtig und gehört zu der offenen Tür für das Evangelium. In der gegenseitigen Fürbitte tragen wir uns und unterstützen uns, denn den Pepp gewinnt unser Zeugnis letztlich durch Gottes Kraft, der dadurch wirkt und allein Menschen zur Umkehr zu Jesus Christus bewegen kann.

Gebet und Lebensstil gehören zusammen. Aus dem Gemeinschaftsraum werden wir in den Alltag geschickt, aus dem Alltag kommend können wir im Gemeinschaftsraum Ruhe und neue Energie finden. Beten, Danken, für andere beten, wissen, worauf es ankommt und Jesus vor unseren Mitmenschen nicht Verschweigen, darauf kommt es an. Heute ist eine neue Chance, diese Kraft des Gebets in Anspruch zu nehmen. 

Cornelia Trick


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