Beten und fasten (Apostelgeschichte 13,1-3)
Gottesdienst am 10.3.2019 in Brombach

Liebe Gemeinde,
es gibt Worte, auf die reagiere ich allergisch, ein Stichwort genügt, und in meinem Kopf laufen Listen von Entgegnungen ab, warum dieses Thema absolut nichts mit mir zu tun haben kann. Meistens betreffen sie meine Lebensweise, stellen mich infrage, sind mit negativen Erfahrungen belastet und einfach unbequem.

Ein Thema berührt eine zentrale Übung des Glaubens, in der Bibel wird sie, wie ein Kenner zählte, 92-mal erwähnt, es ist das Fasten.

Jedes Jahr in der Passionszeit sticht es mich, ich spüre den Appell, eigentlich sollte ich es tun, aber ich kann und will nicht. Die wenigen Male, in denen ich es probiert hatte, endeten mit Kreislaufproblemen oder Heißhungerattacken auf Schokolade zu Ostern. Deshalb habe ich mir angewöhnt, das Jahr über Maß zu halten und so die Fastenzeit ignorieren zu können.

Dieses Jahr war es anders, ich spürte, das Thema ist für mich dran, ich wollte den Reichtum entdecken, von dem mir immer wieder jemand erzählte, und ich wollte mehr wissen über die Verheißungen, die Gott dem Fasten gibt.

Seit ich mit diesem Thema unterwegs bin, begegnet es mir überall. Fasten ist im Trend, so las und hörte ich in Zeitung und Radio, viele, besonders auch Jüngere fasten, um sich selbst zu optimieren, ihre Grenzen kennenzulernen und auszuprobieren, was sie wirklich zum Leben brauchen. Alkohol, Süßigkeiten, Fleisch, Computer und Smartphone liegen ganz an der Spitze in dieser Passionszeit. Und sogar mein Nebensitzer beim Frisör berichtete von seinem Fasten dieses Jahr.

Doch will ich mich auch noch mit Fasten selbst optimieren? Ich suche eher den geistlichen Hintergund, wünsche mir eine innigere Verbindung mit Gott und hoffe auf seine Nähe, wie ich es in der Bibel lese.

Fasten – eine Definition
Schauen wir in die Bibel, so begegnet uns als Definition, dass Fasten bedeutet: „Bewusster Verzicht als ein Ausdruck der Liebe gegenüber Gott, dem Mitmenschen und mir selbst.“

Ursprünglich gemeint war ein freiwilliger Verzicht auf Essen. Der Bauch, die Hände und der Kopf sollten frei werden, sich nicht mehr mit der täglichen Nahrungsbeschaffung, Zubereitung und dem zeitintensiven gemeinsamen Essen in einer Großfamilie oder Sippe beschäftigen zu müssen. Da man noch kein Fastfood kannte, bestimmte Essen viele Stunden des Tages, schon allein ein Brot zu backen, kostete diverse Arbeitsschritte. Essen nebenher ging nicht. 

Mose fastete 40 Tage auf dem Berg Sinai, als er sich auf den Empfang der 10 Gebote von Gott vorbereitete.

Elia fastete 40 Tage in der Wüste und wartete auf Gottes Weisung für den nächsten Weg.

Jesus fastete 40 Tage zu Beginn seines öffentlichen Wirkens, um sich für Gottes Willen zu öffnen.

Die ersten Gemeinden fasteten selbstverständlich noch in Fortsetzung jüdischer Frömmigkeitspraxis jeden Mittwoch und Freitag.

Vielleicht war sogar Gott der erste, der gefastet hat. Er verzichtete darauf, uns Menschen an sich zu binden. Er stellte es uns frei, uns selbst für oder gegen ihn zu entscheiden. Er fastet bis heute unsere Liebe und wartet darauf, dass wir freiwillig und aus eigenem Antrieb in seine Arme zurückkehren und uns von ihm finden lassen. Gott, so beschreibt es die Bibel, hungert nach unserer Liebe und hält diesen Hunger aus, weil er uns nicht zwingen will.

Die Schattenseiten des Fastens
Die Schattenseiten des Fastens werden in der Bibel häufig thematisiert, ja, es scheint, als ob die Warnungen vor falschem Fasten die positiven Aussagen überwiegen – weil es so selbstverständlich war zu fasten, dass dies nicht extra erwähnt zu werden brauchte.

  • So wurde angeprangert, dass das Fasten zu einem religiösen Ritual ohne Inhalt verkam (Jesaja 58,1-9). Man hatte zwar einen leeren Bauch, aber keine Bereitschaft, nun Gottes Gegenwart aufzunehmen. Der Alltag entsprach nicht dem, was Gott in die Menschen hineinlegen wollte. Man schloss in den Gebetszeiten Geschäfte ab, betrog Leute, beutete Arbeiter aus, verbreitete schlechte Laune und wurde sogar gewalttätig.
  • Fasten verkam zur Selbstdarstellung. Man zeigte sich als besonders fromm und gottgefällig, das Fasten stärkte das Ego statt Gottes Kraft fließen zu lassen (Matthäus 6,16-18).
  • Fasten wurde als Druckmittel gegenüber Gott eingesetzt ähnlich wie ein Hungerstreik (2.Samuel 12,16-17). Man wollte mit Fasten bestimmtes Handeln von Gott ertrotzen.
Die positiven Aussagen
In der Abgrenzung vom Missbrauch des Fastens scheinen die positiven Aspekte des Fastens durch:
  • Fasten ist eben kein Ritual, sondern verändert das Verhältnis zur Umgebung. Mein Herz wird bereit und offen für Gottes Sicht auf meine Nächsten, aber auch auf seine Schöpfung und alles Wunderbare, das er mir zum Leben schenkt.
  • Fasten dient nicht dazu, mich vor anderen besser zu positionieren. Jesus weist aus ausdrücklich darauf hin, dass die Mitmenschen am besten gar nicht mitbekommen sollen, dass ich faste.
  • Fasten begleitet das Beten, und Ziel des Betens ist, dass mein Wille in Gottes Willen einschwingt. Ich stelle mir das so vor, als wenn ich mit einer Jungscharmitarbeiterin das Springseil für die Jungscharkinder schwinge. Es dauert immer ein paar Schwünge, bis wir im gleichen Rhythmus sind. So gibt Gott den Schwung an, und ich nehme diesen Schwung im Gebet auf. Meine Wünsche rücken langsam in den Hintergrund, und Gottes Wunsch für mich gewinnt Kontur.
Aus den 92 Bibelstellen zum Thema habe ich eine Situation aus dem Gemeindealltag der Gemeinde in Antiochien herausgegriffen:

Apostelgeschichte 13,1-3
In der Gemeinde von Antiochia gab es eine Reihe von Propheten und Lehrern: Barnabas, Simeon, genannt Niger, Lukius von Zyrene, Manaen, der gemeinsam mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus. Einmal fasteten sie für einige Zeit und widmeten sich ganz dem Gebet vor dem Herrn. Da sagte der Heilige Geist zu ihnen: »Stellt mir Barnabas und Saulus für die Aufgabe frei, zu der ich sie berufen habe.« Daraufhin fasteten sie noch einmal, beteten, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen.

Namentlich wurden hier die Gemeindeleiter erwähnt ähnlich unseren Mitgliedern der Bezirkskonferenz. Ihre Namen deuten darauf hin, dass sie nicht jüdische Wurzeln hatten, ein Zeichen, wie sich die Gemeinde Jesu ausbreitete und mit Antiochia nun auch die Grenzen Israels überwunden hatte.

Aber das ist eher eine Nebenbemerkung, jetzt schaue ich besonders auf ihren Gottesdienst. Mit einer kurzen Bemerkung wird erwähnt, wie die Gemeindeleiter ganz selbstverständlich beteten und fasteten. Es war wohl kein gewöhnlicher Gottesdienst, den sie feierten, sondern eher ein Missionsgottesdienst. Man fragte sich: Wie soll es mit uns weitergehen? Wozu sind wir als Gemeinde da? Was will Gott von uns? Man wollte sich auf den Willen Gottes für die Gemeinde einschwingen. Das Gebet wurde mit Fasten intensiviert. Man wollte leer werden und Raum für Gottes Input schaffen. Keine Ablenkung sollte Gottes Geist hindern, in die Seele zu kommen und sie auf Gott auszurichten.

Tatsächlich empfingen die Gemeindeleiter eine Weisung von Gott. Wir wissen nicht, wie oft und wie intensiv sie darum gebetet hatten, wie lange sie fasten mussten, um diese Gewissheit zu bekommen, aber jetzt war es so weit, sie hörten von Gott etwas, das wahrscheinlich gar nicht ihren Vorstellungen entsprach. Wer will schon freiwillig auf beste Mitarbeitende verzichten. Wer schickt schon gerne seine besten Leute in die Mission. Die beiden waren doch sicher auch in Antiochien unverzichtbar gewesen. Doch durch diese Vorbereitung war klar, es konnte nur Gottes Wille sein, und dem mussten sie nachgeben.

Damit wäre eigentlich die Aufgabe des Gemeindeleitungsteams abgeschlossen gewesen: Sie hatten Gottes Antwort und konnten entsprechend handeln. Doch noch einmal wird berichtet, wie sie fasteten und beteten. Was könnte dahinterstehen?

Sie standen alle vor einer neuen Herausforderung, die Leiter, die Paulus und Barnabas loslassen mussten, die beiden, die in eine unbekannte Zukunft aufbrechen sollten. Sie brauchten einen besonderen Anschub des Heiligen Geistes, eine Kraftspritze, die ihnen half gehen zu lassen und loszugehen. Indem sie sich ihrer eigenen Vorstellungen entledigten, konnten sie bereit werden, Gottes Pläne anzuerkennen und umzusetzen.

Wir lernen einiges daraus:

  • Fasten und Beten gehörte untrennbar zusammen.
  • In der jungen Kirche wurde gemeinsam gefastet.
  • Fasten war ein zeichenhaftes Vertrauen darauf, dass Gott die leeren Hände füllte.
  • Fasten bedeutete, dass man Neues von Gott erwartete, einen Impuls nach vorne.
  • Fasten bahnte mit Gebet den Weg in den Zukunft.
Passionszeit 2019
Wir haben in diesen Wochen vor Ostern wieder neu die Chance, uns freiwillig leer zu machen, damit Gott uns mit seinem Geist und mit seiner Liebe füllen kann. Wir können uns ihm hinhalten, dass er uns in seine Richtung lenkt. Wir können erwarten, dass Gott uns seinen Willen für unser persönliches Leben, aber auch für uns als Gemeinde offenbart. Wir können sicher sein, dass er uns auch den Blick für die öffnet, die unsere Liebe brauchen und denen wir das Empfangene weitergeben können.

Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Jemand erzählte, wie er weniger Fernsehen sieht und statt dessen ein Buch liest, das seinen Glauben stärkt. Jemand weitet seine Andachtszeit am Morgen aus und schreibt 40 Tage ein Gebetstagebuch. Jemand hat sich vorgenommen, in Streitigkeiten nicht sofort in die Konfrontation zu gehen, sondern erst einmal tief Luft zu holen und kurz zu beten, bevor sie etwas entgegnet. Es wäre schön, wir könnten uns in dieser Zeit vernetzen, unsere Gebete auch im Blick auf die Gemeinde und den Weg in die Zukunft an Gott richten und uns gegenseitig darin helfen, Gottes Impulse wahrzunehmen und zuzulassen. So kann viel geschehen wie damals in Antiochien. 

Bei mir hat die Beschäftigung mit dem Fasten viel ausgelöst. Ich lebe bewusster, reduziere dies und das, immer mit der Frage, ob ich Gott dadurch mehr Raum in meinem Leben schaffe. Essen ist es bei mir eher nicht, sondern andere Dinge, die ich lasse und zurückfahre. Ich genieße meine Andacht und meinen Fastenkalender mit guten Impulsen. Ich spüre Gott näher und unmittelbarer, als ob die Leitung zu ihm weniger Störgeräusche hat. Und ich bin hellhörig, wo immer jemand von seinem Fasten erzählt. Wie schön, wenn wir es miteinander tun und miteinander darum beten, dass Gott groß wird – in unserem Leben und dem der Gemeinde. 

Karfreitag werden wir Abendmahl feiern – es ist die symbolische Antwort auf unser Fasten. Jesus gibt sich uns in Brot und Wein und stillt unseren Hunger, füllt unsere Leere mit seiner Liebe und Gegenwart. Er bittet uns zu einem voll gedeckten Tisch mit allem Guten Gottes. Freuen wir uns darauf.

Cornelia Trick


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