Besondere Steine (1.Petrus 2,1-10)
Gottesdienst am 22.4.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
ein Bekannter hatte seine Arbeit verloren. Er erzählte, wie er zum Chef gebeten wurde, der ihm mit Bedauern mitteilte, dass sein Arbeitsverhältnis wegen Umstrukturierungen enden würde. Man war immer sehr mit seiner Arbeit zufrieden, aber habe nun keine Verwendung mehr für ihn und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft. 

Neben allen handfesten Problemen, wie er seine Schulden nun abbezahlen sollte, ob er die Wohnung halten konnte, wie er eine neue Stelle finden würde, blieb sein Lebensgefühl: Er war ausgemustert, niemand brauchte ihn, er war überflüssig. Da er weder Eltern, noch Kinder oder Enkel zu betreuen hatte, fragte er sich, wer ihn denn überhaupt noch brauchte. Seine Kirchengemeinde hatte auch nur begrenzt Jobs für ihn. Ja, in die Kinderarbeit konnte er einsteigen, aber Kinder lagen ihm nun gerade nicht besonders. 

Hätten wir damals ein Bild für seine Situation gesucht, wären wir vielleicht auf einen verlorenen Kieselstein auf dem Weg gekommen, erstarrt, innerlich kalt, einsam, hoffnungslos.

Der 1.Petrusbrief ist an Christen gerichtet, die von ihrer Umgebung angegriffen wurden. Ihre Mitmenschen, Arbeitgeber und selbst die Behörden ließen sie spüren, dass sie unerwünscht waren. Es machte sich bei ihnen ein Gefühl breit, nicht dazuzugehören, ein Kiesel auf dem Weg zu sein, auf den man achtlos treten konnte.

1.Petrus 2,1-3
Hört also auf mit aller Bosheit und aller Unwahrheit, mit Scheinheiligkeit, Neid und aller üblen Nachrede. Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, sollt ihr nach der unverfälschten Nahrung von Gottes Wort verlangen. Durch sie wachst ihr im Glauben heran, sodass ihr gerettet werdet. Denn ihr habt ja bereits schmecken dürfen, wie gut der Herr ist.

Petrus fordert die Christen auf, in sich hinein zu spüren. So viel hat sich durch den Glauben an Jesus Christus verändert. Sie können sich nun gegen Böses zu stemmen. Sie müssen nicht mehr lügen, sie können authentisch leben, ohne sich zu verstellen, sie brauchen nicht mehr neidisch zu sein und müssen sich nicht an Tratsch beteiligen. Sie leben aus der Liebe Gottes und brauchen nicht andere kleinzumachen, um selbst größer zu erscheinen. 

Noch etwas anderes werden sie beim Nachspüren entdecken. Eine Sehnsucht ist in ihnen, als wären sie Babys, die nach der Muttermilch verlangen. Mit diesem Bild  vom gestillten Kind malt Petrus vor den entmutigten Christen das Paradies in leuchtenden Farben aus. Da gibt es hautnahes Glück, Geborgenheit, Sicherheit, da dürfen sie zuhause sein ohne Wenn und Aber.

Die Quelle für die Muttermilch ist das Wort Gottes, so sagt es Petrus. Zu seiner Zeit war das Neue Testament noch im Entstehen, die Christen hatten nicht unsere handliche Bibel zur Verfügung, um etwas von Gott zu erfahren. Für sie war Wort Gottes ein Sammelbegriff für alles, was sie von Gott, seinem Wirken am Volk Israel in der Vergangenheit und von Jesus hörten. Wer davon erzählte, wie er Jesus in der letzten Woche erlebt hatte, sprach Worte Gottes. Diese Erfahrungen wurden für die Zuhörenden zu einer Quelle für die eigenen Erfahrungen und Begegnungen mit Jesus. 

Wo finden wir heute Wort Gottes? Wohl in genau den Geschichten, die die Leute damals sich schon weitererzählten. Wir finden Gottes Ansage in der Geschichte des Volkes Israel, in Jesus und seinem Leben und in der Geschichte seiner ersten Gemeinden, die in der Bibel festgehalten sind. 

In einer Kindergruppe beleuchteten wir eine Geschichte aus der Bibel. Die Kinder hatten Arbeitsblätter mit Bibelversen, die sie bearbeiten sollten. Leider hatte ich eine Kopie zu wenig gemacht, sodass mir selbst der Text fehlte. Ich holte mir eine Bibel aus dem Schrank und schlug sie auf. Da kam ein Mädchen zu mir und meinte ganz ehrfürchtig: „Das ist eine Bibel? Die ist ja so klein. Ich habe mir die viel größer vorgestellt, die soll doch 1000 Seiten haben.“ Ich war ehrlich verblüfft. Und wie sich rausstellte, war sie nicht die Einzige, die noch nie eine Bibel gesehen hatte. Wahrscheinlich steht ja bei den Eltern eine Bibel, die Traubibel, im Bücherregal, aber sie wurde offenbar nicht oft in die Hand genommen. Im Bild des Petrus: Die Milch blieb in der Flasche, gut verschlossen im Kühlschrank. Sie fand nicht den Weg zur Anwendung, sie wurde nicht gebraucht, um Durst zu stillen.

Das Wort Gottes ist weniger eine Sache, die man hat oder aufbewahrt oder vielleicht sogar hoch schätzt, sondern dieses lebendige Wort Gottes lebt von der Beziehung. Gott spricht mit mir, Gott hört auf mich, ich höre auf Gott und richte mein Leben nach ihm aus, wie die Kompassnadel den Norden findet. Die Bibel ist erst Wort Gottes, wenn sie sich mit mir verbindet, ich durch sie Gott hören kann, die Buchstaben Bedeutung für mein Leben hier und jetzt gewinnen.

Entscheidend für eine gute Still-Beziehung ist ein ruhiger Ort für Mutter und Kind, wo sie einander nahe sein können und zum Trinken auch der Aspekt der Geborgenheit kommt. Entscheidend für die Aufnahme von Gottes Wort ist genauso die Atmosphäre, in der ich dieses Wort aufnehme. Und dafür bin ich – anders als ein Säugling – selbst verantwortlich. Diese Atmosphäre kann ich schaffen und aufsuchen, mir Freiräume gönnen. 5 Minuten mit einer biblischen Spruchkarte am geöffneten Fenster stehen, ist anders, als die Spruchkarte kurz anschauen und in die Brieftasche zu den Rechnungen stecken. Jede Woche eine halbe Stunde mit einem Freund über ein Kapitel der Bibel reden, lässt dieses Kapitel lebendiger werden, als wenn ich es nur so aus Gewohnheit herunterlese. In meinem Lieblingssessel einen Psalm lesen und mit einem roten Stift das Wort unterstreichen, das ich mitnehmen will, wird mehr bewirken, als den gleichen Psalm in der Lesung im Gottesdienst zu hören und gleich wieder zu vergessen.

Ziel der Nahrungsaufnahme ist beim Säugling, dass er wächst und gedeiht, eigenständig wird. Dasselbe gilt für uns, wenn wir das Wort Gottes aufnehmen – unser Glaube wird wachsen, wir werden reifere Christen werden, nicht mehr tote, sondern lebendige Steine.

1.Petrus 2,4-8
Kommt her zu ihm! Er ist der lebendige Stein, der von den Menschen verworfen wurde. Aber bei Gott ist er auserwählt und kostbar. Lasst euch auch selbst als lebendige Steine zur Gemeinde aufbauen. Sie ist das Haus, in dem Gottes Geist gegenwärtig ist. So werdet ihr zu einer heiligen Priesterschaft  und bringt Opfer dar, in denen sein Geist wirkt. Das sind Opfer, die Gott gefallen – weil sie durch Jesus Christus vermittelt sind. Deshalb heißt es in der Heiligen Schrift: »Seht doch, ich lege auf dem Zion  einen ausgewählten, kostbaren Grundstein. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.« Für euch ist er kostbar, weil ihr an ihn glaubt. Aber für diejenigen, die nicht an ihn glauben, gilt: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Grundstein geworden.« Er ist »ein Stein, an dem man sich anstößt, und ein Fels, über den man zu Fall kommt«. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen. Und eben dazu sind sie auch bestimmt.

Jesus ist ein Grundstein, und er ist lebendig, scheinbar ein Widerspruch. Doch Jesus vereint beides in sich. Er ist fest, dauerhaft, sicher und standhaft wie ein Stein, und er geht Beziehungen ein wie ein lebendiges Wesen. Jesus verbindet sich mit uns und ist gleichzeitig sicheres Fundament unseres Lebens. Deshalb bietet er uns seine Freundschaft an und will, dass wir ihm vertrauen. Vertrauen gegen unseren Kleinglauben. Vertrauen in seine Führungen. Vertrauen in seine Stopp-Schilder, die uns erlauben umzukehren. 

Wie kann es praktisch aussehen, auf diesen Grundstein zu bauen? Für mich heißt es, den Tag bewusst mit Jesus zu beginnen, ihm meine Sorgen, meine Pläne und auch meine Bitten anzuvertrauen. Unterwegs gibt es immer wieder kleine Auszeiten, z.B. an einer Kasse, an der ich in der Schlange stehe, ein idealer Moment, um mich zu vergewissern, dass Jesus mit mir ist, ich ihm vertrauen kann, er diesen Tag mit mir zum Ziel bringen wird. Und am Abend reicht manchmal ein kurzes Durchatmen „Danke, dass du da warst“. Das sind keine großen Anstrengungen, sondern kleine Unterbrechungen, die meinen Blick auf Jesus richten und mir helfen, ihn im Blick zu behalten.

Im Petrusbrief heißt es, dass Jesus, der lebendige Stein, auch zum Stolperstein werden kann. Was macht Jesus zum Stolperstein? Damals nahmen Menschen Anstoß an Jesus, weil sie sich nicht von ihrer Volksreligion abkehren wollten, Angst vor Nachteilen hatten, seinem Anspruch auf das ganze Leben nicht genügen wollten.

Hier und heute ist es ja eher kein Problem, Christ zu sein und das zu leben. Trotzdem stolpern Menschen, vielleicht weniger über Jesus als über 

  • Christen, die so gar nicht Freiheit und Liebe ausstrahlen,
  • erstarrte Kirchen, die ihr Pflichtprogramm abspulen, statt Orte einer lebendigen Beziehung zu Gott zu sein,
  • sprachlose Christen, die über ihren Glauben nicht reden können, die selbst nicht wissen, warum sie Christen sind, die Gottes Wort nie persönlich gehört haben.
Jesus ruft uns und ihnen zu: „Kommt her zu mir!“ Er wird sich zu erkennen geben. Selbst denen, die gestolpert sind, kann er aufhelfen und sie ermutigen, ihr Leben mit ihm als Grundstein zu verbinden.

1.Petrus 2,9-10
Aber ihr seid auserwählt: eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das in besonderer Weise Gott gehört. Denn ihr sollt seine großen Taten verkünden. Es sind die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Ihr, die ihr früher nicht sein Volk wart, seid jetzt Gottes eigenes Volk. Ihr, die ihr früher kein Erbarmen fandet, erfahrt jetzt seine Barmherzigkeit.

Wer sich auf den lebendigen Grundstein aufbauen lässt, steht im Einflussbereich Gottes. Durch den Grundstein wird auch er, sie  lebendig und ist kein weggeworfener Kiesel mehr. Er wird zum Priester des Königs, sie gehört zu den Leuten des Königs. Jeder Baustein ist wichtig im Gebäude Gottes, seiner Gemeinde, sonst zieht es durch die Mauerlücken. Jeder Baustein hat zwei Eigenschaften. Er wird getragen von den anderen und er trägt selbst andere. So ist es auch übertragen in der Gemeinschaft von Christen. Sie werden getragen von Jesus und Geschwistern im Glauben, und sie unterstützen andere. Der Sinn des Bauwerks Gemeinde ist, die Wirkung von Gottes Geist in der Gemeinschaft zu erleben. Was eine erfährt, wird zur Erfahrung aller. Das Haus Gemeinde hat zudem die Aufgabe, ein Nest für Neue im Glauben zu sein, wo sie ihre ersten Begegnungen mit Jesus machen, wo sie die Muttermilch des Wortes Gottes aufnehmen können. 

Wo ist mein Platz in diesem Bauwerk? Wer ist neben mir eingebaut? Wen kann ich tragen? Wie können wir unser Bauwerk so gestalten, dass Neue ankommen können und hier Jesus finden?

Diese Fragen gibt uns Petrus auf und wartet auf unsere ganz persönlichen Antworten.

Egal in welcher Situation, wir sind keine weggeworfenen Kiesel, sondern lebendige Steine mit einer tiefen Sehnsucht nach Leben. Wir können uns auf Jesus, den Grundstein, aufbauen, von ihm bekommen wir Leben. Bei ihm wird unsere Sehnsucht gestillt und von ihm werden wir in die Gemeinschaft der Christen eingebaut. Wir sind da für die, die dazukommen, auf dass sie ihren Platz im Gemeindebau finden. 

Kommt her zu Jesus! Er ist der lebendige Stein.“ (1.Petrus 2,4)

Cornelia Trick


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