Die Weisheit von Gott
Gottesdienst am 19.09.1999
Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Schlüsseldiesen Schlüssel habe ich Ihnen heute mitgebracht. Sicher kennen Sie das, da weiß man genau, dass man den Schlüssel ans Schlüsselbrett gehängt hat und nun ist er weg, spurlos verschwunden. Eine wilde Suche in allen Taschen und Mänteln beginnt. Und vielleicht muss man sogar den ganzen Tag zu Hause bleiben, weil kein Ersatzschlüssel da ist. Schlüssel sind ein selbstverständlicher Gebrauchsgegenstand, nur wenn sie verschwunden sind, merkt man, wie wichtig sie sind.
Dieser Schlüssel ist ein Bild für den Zugang zur Weisheit Gottes. Ich stelle mir vor, dass Adam und Eva im Paradies noch keinen Schlüssel brauchten, um Zugang zur Weisheit Gottes zu bekommen. Sie konnten am Abend, wenn Gott durch den Garten lief, ihn alles fragen und Gott antwortete aus seiner Weisheit heraus. Wir brauchen einen Schlüssel, denn die Weisheit Gottes ist uns wie ein Geheimnis verborgen. Einen natürlichen Zugang zu den eigensten Gedanken und Gefühlen Gottes haben wir verloren - wie wir auch das Paradies verloren haben. Und doch ist unser Leben oft geprägt von der Schlüsselsuche, um Zugang zur Weisheit Gottes zu bekommen. Mancher verzweifelte Versuch, dem Leben auf die eine oder andere Art doch noch Sinn zu geben, ist Schlüsselsuche, um an Gott heranzukommen.
Zwei Anlässe haben mich heute dazu bewegt, mich diesem Thema, der Weisheit Gottes, zu widmen. Im Hauskreis waren wir bei unserer Lektüre des Jakobusbriefs auf einen Abschnitt über die Weisheit Gottes gestoßen. Wir merkten, dass wir diese Weisheit in unserer Welt dringend nötig haben. Wir merkten auch, dass wir durch sie verändert werden und der Schlüssel entscheidend ist, um Zugang zu haben. Im Bibelgespräch vor eineinhalb Wochen überlegten wir, wie das Wort vom Kreuz Jesu Christi der Weisheit der Welt entgegensteht. Und wie die Weisheit Gottes unserer Alltagsweisheit entgegengesetzt ist. Hieran möchte ich heute anknüpfen - vielleicht auch als kleine Werbung für das Bibelgespräch in den nächsten Wochen. Der Abschnitt aus dem Korintherbrief möge uns ermutigen, uns Gottes Weisheit aufschließen zu lassen und nach ihr zu leben.

1.Korinther 2,6-10

Auch wir verkünden tiefsinnige Weisheit - für alle, die dafür reif sind. Aber das ist nicht die Weisheit dieser Welt und auch nicht die ihrer Machthaber, die zum Untergang bestimmt sind.
Vielmehr verkünden wir Gottes geheimnisvolle Weisheit, die bis jetzt verborgen war.
Schon bevor Gott die Welt erschuf, hatte er den Plan gefaßt, uns an seiner Herrlichkeit Anteil zu geben. 
Aber keiner von den Machthabern dieser Welt konnte Gottes weisheitsvollen Plan durchschauen. Sonst hätten sie den Herrn, der die Herrlichkeit Gottes teilt, nicht ans Kreuz gebracht.
Es heißt ja in den Heiligen Schriften: "Was kein Auge jemals gesehen und kein Ohr gehört hat, worauf kein Mensch jemals gekommen ist, das hält Gott bereit für die, die ihn lieben." 
Uns hat Gott dieses Geheimnis enthüllt durch seinen Geist, den er uns gegeben hat. Denn der Geist erforscht alles, auch die geheimsten Absichten Gottes.

Paulus reagiert mit diesem Brief auf Anfragen der Gemeinde von Korinth. Hinter den Ausführungen über Gottes Weisheit im Gegensatz zur Weisheit dieser Welt könnten folgende Anfragen zu hören sein:
"Paulus, du warst hier in Korinth ein schwacher Mann und deine Predigten konnten mit den Reden der Politiker in unserem Ort auch nicht mithalten. Wir wünschten uns mehr Überzeugungskraft, dass unsere Freunde endlich aufwachen: Ja, Christ sein ist gut. Deine Botschaft war oft anstößig - wir wollen doch nicht immer an den Tod Jesu erinnert werden. Auferstehung ist viel werbewirksamer. Also Paulus, das nächste Mal bitte mit mehr Power und so, wie die Leute es hören wollen!"
Die Anfragen an Paulus sind eigentlich gar nicht so veraltet. Es sind immer wieder auch Anfragen an uns und das, was wir über Jesus und unseren Glauben erzählen. Sollten wir von Jesus so erzählen, dass dann alle begeistert rufen: Halleluja!? Sollten wir von Jesus erzählen und damit Widerstand hervorrufen, weil zu Jesus zu gehören nicht einfach und bequem ist?
Paulus ermutigt dazu, nicht den Leuten nach dem Mund zu reden und ihnen nur das zu erzählen, was in ihr Lebenskonzept passt. So nach dem Motto: der liebe Gott gibt allem noch den Schokoladenguss. Paulus verweist auf die Weisheit Gottes und die braucht nicht angepriesen zu werden, sondern will selbst wirken, verändern und wirft die Lebenskonzepte über den Haufen.

Die Weisheit Gottes: Der Schlüssel ist Jesus Christus

Paulus stellt fest: mit Jesus Christus zu leben heißt, den Schlüssel zu kennen. Jesus schließt die verborgene Kammer von Gottes Weisheit auf. Mit Jesus Christus zu leben, eröffnet, was Gott zutiefst bewegt. Da ist die Grundlinie in Gottes Handeln zu erkennen. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird, dass sie seine Wahrheit erkennen. Hier ist kein Platz für Egoismus - Hauptsache ich kenne die Wahrheit, alle anderen sind mir egal. Gott hat offensichtlich keine Lieblingskinder, das ist eine schwer zu lernende Lektion. Auf der anderen Seite kann nun auch niemand, der diese Weisheit Gottes mal begriffen hat, sagen, für mich hat Gott keine Bedeutung. Er möchte für alle Bedeutung haben - nicht nur für die Superfrommen und nicht nur für die besonders Bedürftigen.
Weiter zeigt Jesus uns, dass der Bruch zwischen Gott und Mensch geheilt werden muss. Die Kräfte der Selbstheilung versagen. Die Geschichte, wie Jesus den Blinden heilte (wir hörten sie in der Lesung), veranschaulicht das sehr treffend. Ein Blinder weiß, dass er nicht von selbst wieder sehen kann. Der Sehnerv ist geschädigt und kann sich nicht selbst heilen. Vielleicht gibt es noch eine Therapie. Und er vertraut mit allem, was er hat, auf den Arzt, der versucht, ihm das Augenlicht wiederzugeben. Der Blinde hat nichts anderes mehr, auf das er hoffen kann. Und dann gelingt es dem Arzt, den Sehnerv wieder zu reparieren, der Mann öffnet seine Augen und kann wieder sehen. Auf einmal sieht er nicht mehr nur sich selbst, eingeschlossen in seine Dunkelheit, auf einmal nimmt er alles um ihn herum wahr, das Licht und die Blumen, das Lachen und die Freude. Wird das nicht sein Leben vollständig verändern? Jesus ist dieser Arzt, der die Finsternis von uns nehmen muss, damit wir wieder Gott sehen können. Die Kräfte der Selbstheilung versagen wie bei einem Blinden. Von selbst wird das nichts mit uns und Gott. Von selbst bleiben wir von ihm abgeschnitten. Da muss Jesus kommen und uns die Sicht geben - und von diesem Zeitpunkt an wird sich unser Leben drastisch verändern.
Aber diese Heilung können wir uns nicht selbst verdienen. Durch das Anhäufen von Leistung und Erfolg wird unser ohnehin schon geschädigter Sehnerv immer schwächer und wir selbst haben so einen hohen Berg an Trophäen aufgeschichtet, dass Jesus da fast nicht mehr durchkommt. Alles, was wir für diese Heilung brauchen ist ein ehrliches Ja - ja, ich will mir helfen lassen, ja, Jesus, ich vertraue dir. So ist Weisheit Gottes ja nichts Zusätzliches, was unser Leben nur ein paar Farbtöne heller erscheinen lässt, sondern diese Weisheit Gottes stellt unser Leben auf eine völlig neue Grundlage - Leben mit Gott. Ich denke da auch an das alte Lied "Stern, auf den ich schaue", es heißt am Ende "nichts hab ich zu bringen, alles, Herr, bist du!".
Jesus schließt uns auf, dass wir nach Gottes Weisheit mit Schuld nicht weitermachen können wie es in der Welt üblich ist. So nach der Art, hast du Schuld, dann schieb sie jemand anderes in die Schuhe, verschleiere sie oder schlag dich lebenslang damit herum. Jesus bietet eine ständige Selbstreinigung an. Schuld kann vergeben werden, Jesus trug sie ans Kreuz und alles wird wieder neu.
Die Weisheit Gottes ist verborgen. Sie ist nicht allgemeinverständlich und allen einleuchtend. Sie widerspricht einem der ersten Lebenstriebe im Menschen, alles alleine machen zu wollen. Doch das ist eben der Trugschluss, allein gehen wir zu Grunde an unserer Schuld, unserer Angst und unserer Überheblichkeit. Allein sind wir nicht überlebensfähig. So ist die Weisheit Gottes, die uns zu Gott ruft, überlebensnotwendig. Jesus möchte mit uns leben und dieser Schlüssel zum Überleben sein. Christus lebt dann in uns, wir sind nicht mehr allein.

Wirkung der Weisheit Gottes in unserem Leben

Interessant ist es nun, nach der Wirkung der Weisheit Gottes in unserem Leben zu fragen.
Da wird angesprochen, dass wir Hilfe bekommen, wenn wir von Jesus Zeugnis ablegen. So war es ja offenbar bei Paulus in Korinth. Er selbst war schwach, aber seine Botschaft hatte Kraft und überzeugte. Wir haben unser Zeugnis nicht im Griff. Jedesmal ist es ein Wagnis, in der eigenen Unzulänglichkeit von Jesus zu erzählen - auch auf der Kanzel - ob das Zeugnis ankommt ist ein Wunder. Gottes Weisheit erweist von selbst seine Kraft. Und obwohl wir es nicht in der Hand haben, werden wir nicht müde, Gelegenheiten zu nutzen und Gottes Weisheit zu leben - allen Menschen zu helfen, ihn zu erkennen.
Gottes Weisheit wirkt sich auch in unseren Beziehungen aus. Hier sind wir auch in unserem Hauskreis hängengeblieben. Nach Jakobus 3 heißt es so: "Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, läßt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei." Ein ganz schöner Anspruch ist das. Aber der Stachel mobilisiert zur Veränderung. Ich habe das sehr konkret in den Tagen nach dem Hauskreis erfahren, wie mich diese Worte in einem persönlichen Konflikt berührt haben. Sie haben mich verändert und Frieden gebracht. Wir haben es letzte Woche auch in der Sitzung zum Stadtkirchentag 2000 erlebt, wie einer dazu mahnte, keine Parallelveranstaltungen durchzuführen, weil doch der Friede unter uns das Wichtigste wäre. Weisheit von oben war das in dem Moment. Diese neue Lebenshaltung nach der Weisheit Gottes ist mit der Bekehrung leider nicht automatisch in uns. Wir müssen sie lernen, darum beten, sie im Umgang mit Schuld und Vergebung einüben. Wo es gelingt, verwirklicht sich Gottes Weisheit selbst in unserem Leben - ein tiefer Friede erfüllt uns. Wir müssen vor Problemen nicht weglaufen und sie nicht beschönigen - Heilung und Friede in Konflikten ist möglich.
Drei Folgen für mein Leben, wenn es an die Weisheit Gottes angeschlossen ist, möchte ich noch nennen.
Da ist das Gebet. Nächste Woche werden wir es zum Thema unseres Gottesdienstes haben. Das Gebet wird einen großen Raum in unserem Leben einnehmen Wir brauchen die Rückversicherung, mit Gottes Weisheit verbunden zu sein und von ihm Kraft zu bekommen. Und wir brauchen die Rückversicherung, weil es nicht immer gleich klar ist, wo Gottes Weisheit mich hinführt. Die Durststrecken werden aber nicht tödlich, wenn ich im Gebet Ermutigung und Stärkung bekomme.
Da ist die Prioritätenliste für meinen Alltag. Im Angesicht Gottes bekommt vieles einen anderen Stellenwert. Ganz oben stehen da bestimmt nicht Geld und Macht. Ganz oben steht da Dankbarkeit und daraus resulierend die Überlegung, wo will Gott mich einsetzen und was kann ich mit den Geschenken tun? Aus geschäftig herumlaufenden Leuten, die suchen und raffen, werden Leute, die sich fröhlich auf den Weg machen, von ihrer Zeit, ihrem Geld und ihrer Macht anderen abzugeben, weil sie auch alles nur geschenkt bekamen.
Da ist die Gemeinde. Die Weisheit Gottes ruft uns hier zusammen, denn nur eingebunden in den Leib Christi können wir wachsen. Leider brauchen wir zum Wachsen offenbar auch unsere Unterschiedlichkeit, an der wir uns oft reiben und die uns eigentlich eher lästig ist. Aber gerade da merken wir ja, dass Jesus uns verbindet und das sogar mit unseren Ecken und Kanten. Die Gemeinde ist damit das erste Übungsfeld für unser Leben aus der Weisheit Gottes. Hier können wir Fehler machen. Bereitschaft zur Vergebung ist da. Hier können wir unsere Gaben leben, denn unsere Brüder und Schwestern sind von Gott ermächtigt, uns zu korrigieren oder uns zu bestätigen. Hier werden wir genährt und ermutigt durch Gottes Wort, nicht aufzugeben und auch in den schwierigsten Situationen daran festzuhalten, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.

Paulus geht mit seinen Ausführungen auf die Leute in Korinth ein. Die Weisheit Gottes kann noch so toll dargestellt werden, Zugang zu dieser verborgenen Kammer ist nur durch Jesus Christus möglich. Er starb für uns und macht damit den Zugang zu Gott frei. Er ist der Arzt, der uns den Blick für Gott gibt. 
Das ist heute unsere Orientierung. Der Schlüssel ist Jesus Christus. Mit ihm zu leben heißt, von Gottes Weisheit zu leben. Das ist eine großartige Chance, aber auch eine große Herausforderung und Lebensaufgabe. Lassen wir uns diese Woche doch wieder ganz neu darauf ein: Gottes Weisheit ist in den Schachen mächtig.

Cornelia Trick


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