Liebst du mich? (Johannes 21,15-19)
Gottesdienst am 15.4.2018 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
in einem Jugendgottesdienst zum Thema „Deep Clouds“ („Tiefe Wolken“) vor einer Woche waren ringsum Fotografien aufgehängt, die Jugendliche für diesen Gottesdienst aufgenommen hatten. Ein Bild geht mir bis heute nach. Eine Jugendliche sitzt in  einer kahlen Ecke, die Beine vors Gesicht gezogen, die Hände umklammern die Beine. Sie wirkt völlig in sich abgeschlossen, niemand kommt an sie heran, und sie hat den Kontakt zur Außenwelt abgebrochen. Wirklich dunkle, tiefe Wolken über ihrem Leben, so kam es mir als Betrachterin der Aufnahme vor. 

Diese Jugendliche bleibt vielleicht auf Dauer in ihrer Ecke, ist nicht mehr fähig, von sich aus auf andere zuzugehen, einen Stand zu finden, der Welt ins Gesicht zu blicken.

Vielleicht wird sie auch Strategien finden, ihre Traurigkeit zu verbergen. Nur in stillen Stunden und in der Nacht kommen die Probleme an die Oberfläche, die Ängste, die Schuldgefühle, die Verletzungen.

Und ich stelle mir vor, sie würde da in ihrer Ecke sitzen und Jesus käme vorbei. Er würde sie sehen und auf sie zugehen: Kennst du mich? Willst du mich kennenlernen? Willst du einen Neuanfang für dein Leben? Rauskommen aus deiner Ecke? Die Sonnenseiten entdecken?

Was würde passieren?

Die junge Frau hätte eventuell einen Schock - jemand, der sie wahrnimmt und ihr Hilfe anbietet, völlig unerwartet. Sie wäre wohl auch ein bisschen ungläubig. Wie will Jesus das schaffen, was sie selbst nicht schafft? Doch ich hoffe, sie würde die Chance ergreifen, sich darauf einlassen, etwas von Jesus erwarten.

Eine ganz ähnliche Szene spielte sich am See Genezareth ab. Jesus war auferstanden, die Jünger hatten ihn selbst gesehen, als er in ihr verschlossenes Zimmer trat und sie überzeugte, dass er auferstanden war. Nun gingen sie wieder ihrem Alltagsgeschäft von vor der Zeit mit Jesus nach. Sie fingen Fische, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da begegnete ihnen Jesus, als sie noch auf dem See waren. Er stand am Ufer und ließ sie 153 große Fische fangen. Die Zahl ist voller Symbolik, denn so viele Nationen zählte man damals. Jesus gab den Jüngern zu verstehen, dass ihr Auftrag, Menschen zu fischen, noch nicht beendet war. Im Gegenteil. Er berief sie mit diesem sonderbaren Fischfang zur Weltmission. Über ihren bekannten Radius hinaus sollten sie die gute Nachricht verkünden. Sie waren alle am Kreuz weggelaufen, doch hier erhielten sie die Aufgabe, die den Neuanfang markierte. Sie konnten aus ihrer Ecke herauskommen, wurden von Jesus mit Brot und Fisch für diese Aufgabe gestärkt.

Petrus benimmt sich auffällig. Er wirft sich ins Wasser, schwimmt Jesus entgegen wie ein Ertrinkender. Sein Versagen sitzt ihm im Nacken, dreimal hatte er Jesus verraten, er ist so einer, der wie die Jugendliche auf dem Foto in der Ecke sitzt.
Auch mit ihm ist Jesus nicht fertig. Er wischt nicht einfach mit einem Vergebungs-Schwamm über die Schuld, da ist bei Petrus mehr nötig.

Johannes 21,15-29
Nach dem Frühstück sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?« Er antwortete ihm: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!« Dann fragte er ihn ein zweites Mal: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Führe meine Schafe zur Weide!« Zum dritten Mal fragte er ihn: »Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?« Da wurde Petrus traurig, weil er ihn zum dritten Mal gefragt hatte: »Hast du mich lieb?« Er sagte zu Jesus: »Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe!« Da sagte Jesus zu ihm: »Sorge für meine Schafe! 
Dann sagte Jesus zu Petrus: »Folge mir!«

Annährung
Dreimal fragt Jesus: Liebst du mich? Er stochert nicht in der Vergangenheit herum, wie Petrus am Feuer saß und nicht zugeben wollte, dass er Jesus kennt. Er führt Petrus nicht vor, etwa mit dem Vorwurf, sein Wort gebrochen zu haben. Jesus thematisiert nur die Gegenwart und die Zukunft. Und er stellt die merkwürdige Frage nach einer intensiveren Liebe als der der anderen Jünger. Kann man denn mehr oder weniger lieben? 

Doch schauen wir zu einem Gleichnis, dass Jesus erzählt hat. Einer bekommt von der Bank - in unserer Währung vielleicht 500.000 € - Schulden erlassen. Einer anderen werden ihre 500€ Schulden geschenkt. Wem hat die Bank mehr geholfen? Wer wird mehr Grund zur Dankbarkeit haben? Die Frau mit ihren 500€ wird vielleicht noch nicht einmal gemerkt haben, dass die Bank diese Schuld ausgeglichen hat. Der mit seinen 50.000€ hatte vielleicht schon an Selbstmord gedacht. Wie sollte er je aus diesem tiefen Loch herauskommen? Und nun teilte ihm die Bank mit, dass sein Konto wieder auf Null war. Was für eine Erleichterung! Wir können es uns fast nicht vorstellen.

„Hast du mich lieber?“ Vor diesem Hintergrund ist die Frage Jesu sehr berechtigt. Die anderen Jünger sind nur weggelaufen. Petrus aber hat sich aktiv gegen Jesus gestellt. Seine Schuld wiegt schwer auf seiner Seele. Sie ist ein Stein, der ihm die Luft zum Atmen nimmt. Wenn ihm vergeben wird, dann liebt er Jesus noch mehr, denn Jesus nimmt ihn an, obwohl er so versagt hatte.

Dreimal wiederholt Jesus die Frage, dreimal antwortet Petrus mit Ja. Beim letzten Mal wird er traurig. Glaubt Jesus ihm nicht? Was muss er tun, um Jesus zu überzeugen?

Jesus setzt der Schuld des Petrus seine Liebe entgegen. Nichts muss Petrus tun, außer in Jesu Arme zu fliehen. Die Beziehung zu Jesus allein heilt die Schuld, die Petrus von Jesus getrennt hat.

Wir sind nicht Petrus, saßen beim Prozess Jesu nicht im Hof am Lagerfeuer, haben vermutlich gegenüber anderen unseren Glauben in der vergangenen Woche nicht verleugnet. Trotzdem, wenn wir nachdenken, wird auch dem Einen oder der Anderen etwas auf der Seele liegen.

Ich habe meinen eigenen Kopf durchgesetzt, meine Pläne durchgezogen, obwohl mir bewusst war, dass Jesus mich gerne an anderer Stelle gesehen hätte. 

Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass meine Wege die richtigen waren und Jesus seinen Segen dazu geben wollte. So als ob ich Drogen nehme und mir dabei denke, dass Jesus das will, damit ich anderen Drogenkonsumenten dadurch näher bin und ihnen von Jesus erzählen kann.

Ich habe Jesus nicht vertraut. Ich dachte, dass ich jetzt lange genug auf Jesu Zeichen für den richtigen Zeitpunkt zum Gespräch gewartet hatte. Jetzt wollte ich dieses Gespräch führen, leider ging es ziemlich daneben.

Ich habe mich davon geschlichen, als Bekannte über die Christen herzogen. Ich wollte einfach nicht schon wieder in die Opferrolle schlüpfen und mich rechtfertigen.

Solche erhellende Einsichten sind nicht angenehm. Sie können dazu führen, dass wir uns wie das Mädchen auf dem Foto in die Ecke zurückziehen, uns vor Jesus schämen, ein schlechtes Gewissen haben. Da tritt Jesus auf uns zu und fragt: Liebst du mich? Es ist sein neues Angebot zu einer Lebensgemeinschaft mit ihm. Er ist nicht fertig mit uns, sondern will uns aus der Ecke holen. Und unsere Antwort? Ja?

Aufträge
Eine neue Beziehung zieht sofort einen neuen Auftrag nach sich, so können wir es am See Genezareth beobachten. „Weide meine Schafe!“, so beauftragte Jesus Petrus mit einer Gemeinde-Gründungs-Arbeit im großen Stil. Dafür brachte Petrus gewisse Qualitäten mit: Er war von Natur aus neugierig, stellte Jesus viele Fragen, z.B. wie oft er einem Anderen vergeben müsste. Er konnte Initiative ergreifen. Als er Jesus auf dem Wasser laufen sah, stieg er gleich aus dem Boot ihm entgegen. Er zeigte Engagement, war er doch der Einzige, der es bis zum Hof des Hohepriesters nach Jesu Gefangennahme geschafft hatte. 

Was Petrus allerdings erst bei Jesus lernte, war Demut. Er war durchaus angreifbar vom Bösen und nicht besser als die anderen Jünger. Er lernte auch Mitgefühl. Das sehen wir dann, als er Menschen mit Jesus in Berührung brachte. Der Bettler vor dem Goldenen Tor in Jerusalem fiel ihm ins Auge. Er wurde durch Jesus mutig. Nach dieser neuen Berufung am See wurde er zu einem unerschrockenen Jesus-Zeugen auch vor Gericht.

Die Beziehung zu Jesus, die Liebe zu ihm zieht immer Aufträge nach sich. Welchen Auftrag gibt Jesus uns, gibt Jesus mir? Hier werden wir zu ganz unterschiedlichen Antworten kommen, und ich selbst bin schon viele Jahre dabei, diese Aufträge Jesu für mich zu hören, ihnen zu folgen und sie auch korrigieren zu lassen. Doch was ich immer brauche, ist Demut. Ich bin nicht vor Stolpersteinen, Fallen oder Sackgassen geschützt. Ich brauche die ständige Anbindung und Rückbindung an Jesus, um auf der Spur zu bleiben. Ich muss immer aufpassen, dass der Erfolg mir nicht zu Kopf steigt, sondern Gott die Ehre gibt. Dass ich mir bewusst bleibe, dass er die Ursache für alle Frucht und Ernte ist.

Ich brauche Mitgefühl, es macht mich fähig, meine Mitmenschen wahrzunehmen und ihre Bedürfnisse zu erkennen, die Jesus stillen kann. Ich lerne zuzuhören und mit Anderen Wege zu gehen, um zu spüren, wo Jesus auf sie wartet.

Ich brauche Mut, um meinen Glauben in verständlicher Weise anderen zu bezeugen. In einer Gemeinde nahm ich an einer Diskussion teil. Man wollte sich verstärkt für die Nachbarschaft einsetzen und sie mit Jesus bekanntmachen. Doch im Laufe der Gespräche wurde klar, die Gemeindeleute fanden es äußerst schwierig, ihren Glauben überhaupt in Worte zu fassen. Was war ihnen an Jesus wichtig? Denn was sollten sie ihren Nachbarn sagen, wenn sie selbst es nicht formulieren konnten?
Mut zum Risiko ist nötig. Es fällt so schwer, aus dem Gewohnten auszubrechen, doch genau so funktioniert Jesu Auftrag. Er sagt selten: Mach immer so weiter wie bisher. Viel öfter geht sein Impuls in eine neue, ungewohnte, vielleicht auch Angst machende Richtung: Breche auf! Nimm dein Bett, steh auf und geh! Tritt raus aus dem Boot aufs Wasser!

Mit Jesus können wir immer umdrehen, wenn wir merken, dass ein Weg in die Irre führt. Aber mit Jesus sollten wir nicht an der Kreuzung sitzen bleiben aus Angst, den falschen Weg zu wählen. Dann verpassen wir ihn sicher.

Jesus und Petrus und Jesus und ich. Der Mülleimer, der sich in der vergangenen Woche in meinem Leben gefüllt hat, interessiert Jesus nicht wirklich. Er zieht keine Tüten und Abfälle heraus, um sie noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen. Er fragt stattdessen: Willst du den Mülleimer geleert bekommen und neu anfangen? 

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann warten neue spannende Herausforderungen. Jesus drückt uns sozusagen wunderschöne Frühlingspflänzchen in die Hand und erwartet, dass wir sie im Garten einpflanzen, dass seine Liebe auch in unserer kleinen Welt Raum gewinnt. Dafür schenkt er uns Demut, Mitgefühl und Mut und in allem seine Liebe, die uns trägt.

Cornelia Trick


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