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Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
Ich war schon über 40, als mir bedeutet wurde, ich sollte predigen. Ich empfinde das als einen Missionsauftrag. Jesus, mein Herr und mein Gott, will durch mich zu Menschen hindringen. Vor kurzem hatte sich ein Mitarbeiter, 40-jährig, das Leben genommen. Jesus drängte mich, am Grab etwas zu der Trauergemeinde zu sagen. Obwohl wenige zu erwarten waren, wurde mir ganz dumpf in meinem Bauch. Es waren dann doch mehr Personen am Grab versammelt, als ich erwartet hatte, außer einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus unserer Firma völlig fremde Leute. Mindestens eine Person war Moslem, einige Zeugen Jehovas und viele glaubensfern. Kurz und knapp waren meine Worte: Leben in der unsichtbaren, ewigen Welt des lebendigen Gottes, und das schon jetzt. Jesus Christus, der tröstet, von Schuld befreit, in dessen Armen wir geborgen sein können, auch dieser, nicht mehr unter uns weilende Arbeitskollege. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie Großes Jesus da getan hatte, mit welch messerscharfer Klarheit der Heilige Geist da gesprochen hatte. Und um damit zum Thema zu kommen: durch mein Hören auf seine Stimme habe ich Jesus eine Chance gegeben, zu Menschen vorzudringen, denen solche Worte und solche Vorstellungen noch nie begegnet waren - die eben er selbst ansprechen wollte. Und wenn ich ehrlich bin, dann ist das auch in allen meinen Predigten das erste Ziel: Jesus eine Chance zu geben. Wer Jesus war, das berichtet der Evangelist Lukas ganz am Anfang seiner Biographie von Jesu Leben: Lukas 4, 16 – 21 Die Juden zu Jesus’ Zeiten waren es gewohnt, jedem Synagogenbesucher am Sabbat eine Gelegenheit zu geben, aus den Schriften der Thora oder der Propheten vorzulesen und dazu etwas auszuführen. So auch die Leute in Nazareth, der Stadt, in der Jesus aufgewachsen war. Wer etwas vorlesen wollte, stand einfach auf. Und Jesus stand auf, man reichte ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er rollte sie auf, und dann heißt es wörtlich: "Als er auf die Stelle traf" - oder auch "die Stelle fand", wo geschrieben steht … Das bedeutet doch, entweder ist er zufällig auf sie gestoßen, oder er hat sie gesucht und gefunden. Beides ist möglich. Ich möchte mit diesem Hinweis deutlich machen: Ob wir zufällig auf eine Bibelstelle stoßen oder sie suchen, ob wir zufällig ein Wort zugeworfen bekommen oder danach gefragt haben oder ob wir zufällig in eine Situation geraten, in der Jesus die Chance hat, mir oder anderen etwas Wesentliches mitzuteilen, was womöglich mein Leben oder das eines Anderen maßgeblich verändern kann, das ist völlig unerheblich. Entscheidend ist, dass wir diese Chance nutzen. Die Leute aus Nazareth gaben Jesus die Chance, aus der Jesaja-Buchrolle vorzulesen und etwas dazu zu sagen. Jesus ergriff diese Chance. Er zitierte Worte, die auf den lang ersehnten und erwarteten Messias hinwiesen, einen rettenden und befreienden König für das Volk Israel. Naheliegend war, dass Jesus sich selbst als dieser erwartete Messias zu erkennen gab. Gewagt, ja geradezu todesmutig war das, die Nazarener wollten ihn, weil er sich damit zum Sohn Gottes erklärt und Gott gleichgestellt hatte, von einer nahe liegenden Felsklippe zu Tode stürzen. Wie wir Jesus schrittweise eine Chance geben können, möchte ich mit drei Stufen, einer Mini-Turmbesteigung, verdeutlichen. Dabei spielt die Reihenfolge keine so große Rolle. Jede Stufe kann aus vielen weiteren Stufen bestehen. 1. Stufe: die Gemeinde Das
gilt genauso für die Christenfamilie. Dass sie sich alle irgendwie
unterscheiden, wie sie sind, wie sie miteinander umgehen, was sie anstreben,
zeigt nur die menschliche Realität. Informationen, Anstöße
zum Nachdenken, Meditation, Singen - in Afrika auch Tanzen - Bibelauslegung,
menschliche Wärme und Geborgenheit, aber auch Auseinandersetzung,
Streit, Leid können einem hier begegnen. Ein Schritt in die Gemeinde
bedeutet, Jesus die Chance zu geben, in meinem Leben über die Gemeinschaft
mit anderen Menschen allgemein zu erfahren, wie er mit Menschen umgeht.
Eins sollten wir aber im Blick auf die Gemeinde nie aus den Augen verlieren: Die Gemeinde ist nicht ein loser Zusammenschluss von Menschen mit ähnlichen Interessen. Nein, sie ist ein Gebilde des Heiligen Geistes. Seit Pfingsten ruft er Gemeinden zusammen. In der Gemeinde sollte demnach in besonderem Maß der Heilige Geist erfahrbar sein. Ist das wirklich so? Um beim großen Gottesdienst anzufangen: Natürlich kann Jesus nur über den Heiligen Geist vermittelt werden. Geben also die leitenden Personen Jesus und dem Heiligen Geist Raum, sich zu entfalten? Und wir Hörer: Fragen wir zuerst danach, ob etwas richtig oder falsch war? Oder versuchen wir herauszufinden, was Jesus uns und vor allem mir damit sagen wollte? Das Gleiche gilt für alle Gruppen, die zur Gemeinde gehören. Geben wir da dem Heiligen Geist und damit Jesus die Chance, sich zu entfalten? Wie sieht das aus mit dem gemeinsamen Lesen und Forschen in der Bibel? Sind wir bereit, uns der Vielfalt und der Widersprüchlichkeit der Bibel zu stellen und fragen wir dann, auch in der gemeinsamen Stille, was Jesus uns damit sagen will? 2. Stufe: die Bibel Ich habe in der Beziehung zu Jesus gelernt, anhand der Losung der Brüdergemeinde und einer sprachlich guten Bibelübersetzung mich morgens, vor dem Frühstück, zurückzuziehen und ruhig zu werden. Ich lese immer einen Bibeltext im Zusammenhang. Fragen wie: was sagt der Text über Gott, über Jesus Christus, über den Menschen und z.B. was hat ein anderer davon, dass ich das weiß, helfen, die Gedanken zu ordnen. Außerdem habe ich immer Papier und Schreibzeug zur Hand, um die Gedanken zu notieren, die sich sonst schnell verflüchtigt haben. Wenn mir etwas zu Erledigendes einfällt, notiere ich es. Wenn mir eine Schuld bewusst wird und ich denke, ich sollte noch etwas in Ordnung bringen oder sie so sehr drückt, dass ich einen Seelsorger aufsuchen sollte, auch das notiere ich unbedingt. So bleibe ich frei für das, was Gott mir sagen will. Ich brauche Zeit, mit ihm über meine Fragen und Probleme und meine schönen Erlebnisse zu reden, ihm zu danken, ihn zu bitten. Dieses kann dann vielleicht zu einer anderen Zeit am Tag geschehen. Aber entscheidend bleibt immer das Hören in der Stille. Denn Jesus eine Chance geben, wie soll das zustande kommen, wenn nur ich mich produziere und er nicht mehr die Zeit zu reden hat? Das Gleiche gilt für eine Gruppe, ein Zweierverhältnis, einen Haus- oder einen Gebetskreis. Beim Beten viel reden und dann mit Amen schließen, weil die Zeit abgelaufen ist, da hat Jesus nicht die geringste Chance, selbst zu uns zu reden, Veränderung zu bewirken, neues Leben zu schaffen. 3. Stufe: Mit Jesus etwas wagen Gott hat es gewagt, seinen Sohn in eine Welt zu schicken, deren Fromme und Mächtige ihn nicht haben wollen, weil er ihre frommen Vorstellungen durchbricht. Aber er tat es trotzdem, weil er den Menschen mit seinem Sohn die Chance eröffnen wollte, durch Vergebung der Schuld wieder mit ihm in´s Reine zu kommen und eine innige Gemeinschaft mit ihm zu finden. Wenn Gott selbst schon etwas so Großes wagt, was bin dann ich bereit zu wagen? Dazu möchte ich Sie
mit einem Grundsatz konfrontieren: Gott hat mit dem Menschen ein freies
Wesen geschaffen. Wir haben die größte Freiheit aller lebenden
Wesen dieser Erde. Wir können zu Gott ja oder nein sagen. Er zwingt
uns nicht. Er zwingt uns auch nicht, mit Jesus etwas zu wagen. Er möchte,
dass wir von uns aus bereit dazu sind.
Uns ruft Jesus heute zu: ICH bin die Wahrheit, eine lebendige Person. Ich bin Jesus, der mit dir eine Beziehung haben möchte. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Wage es doch, zu mir aufzubrechen, dein Herz für mich zu öffnen! Werde stille vor mir! Gebet: Herr, Jesus Christus,
du lebendiger, heiliger Gott, der du jeden von uns von Herzen kennst
und liebst, mach mich bereit, deine Stimme und deinen ganz persönlichen
Weg mit mir zu verstehen. Lehre du mich, was Leben heißt.
Georg
Hoffmann
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