Jesus eine Chance geben
Gottesdienst am 30.07.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
vielleicht etwas ungewöhnlich, aber ich möchte gleich zu Anfang Sinn und Ziel meiner Predigt offen legen: Ich möchte, dass sich ein jeder von Ihnen aufmacht, damit Jesus das Große, das er mit Ihnen vorhat, auch wirklich tun kann. Sie zweifeln, dass Jesus etwas Großes mit Ihnen vorhat? - Nun, es mag in den Augen anderer Menschen nicht als groß erscheinen, auch vielleicht im ersten Augenblick in Ihren Augen nicht. Aber im Nachhinein werden Sie erkennen, wie groß es wirklich war.

Ich war schon über 40, als mir bedeutet wurde, ich sollte predigen. Ich empfinde das als einen Missionsauftrag. Jesus, mein Herr und mein Gott, will durch mich zu Menschen hindringen.

Vor kurzem hatte sich ein Mitarbeiter, 40-jährig, das Leben genommen. Jesus drängte mich, am Grab etwas zu der Trauergemeinde zu sagen. Obwohl wenige zu erwarten waren, wurde mir ganz dumpf in meinem Bauch. Es waren dann doch mehr Personen am Grab versammelt, als ich erwartet hatte, außer einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus unserer Firma völlig fremde Leute. Mindestens eine Person war Moslem, einige Zeugen Jehovas und viele glaubensfern. Kurz und knapp waren meine Worte: Leben in der unsichtbaren, ewigen Welt des lebendigen Gottes, und das schon jetzt. Jesus Christus, der tröstet, von Schuld befreit, in dessen Armen wir geborgen sein können, auch dieser, nicht mehr unter uns weilende Arbeitskollege.

Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, wie Großes Jesus da getan hatte, mit welch messerscharfer Klarheit der Heilige Geist da gesprochen hatte. Und um damit zum Thema zu kommen: durch mein Hören auf seine Stimme habe ich Jesus eine Chance gegeben, zu Menschen vorzudringen, denen solche Worte und solche Vorstellungen noch nie begegnet waren - die eben er selbst ansprechen wollte. Und wenn ich ehrlich bin, dann ist das auch in allen meinen Predigten das erste Ziel: Jesus eine Chance zu geben.

Wer Jesus war, das berichtet der Evangelist Lukas ganz am Anfang seiner Biographie von Jesu Leben:

Lukas 4, 16 – 21

Eines Tages kam Jesus wieder in seine Heimatstadt Nazareth. Am Sabbat ging er wie gewohnt in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Heiligen Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Jesus las: "Mit mir ist der Geist des Herrn, weil er mich berufen hat. Er hat mich beauftragt, den Armen die frohe Botschaft zu bringen. Den Gefangenen soll ich die Freiheit verkünden, den Blinden sagen, dass sie sehen werden, und den Unterdrückten, dass sie bald von jeder Gewalt befreit sein sollen. Jetzt erlässt Gott alle Schuld." Jesus schloss das Buch, gab es zurück und setzte sich. Alle warteten gespannt darauf, was er dazu sagen würde. Er begann: "Heute hat sich diese Voraussage des Propheten erfüllt."

Die Juden zu Jesus’ Zeiten waren es gewohnt, jedem Synagogenbesucher am Sabbat eine Gelegenheit zu geben, aus den Schriften der Thora oder der Propheten vorzulesen und dazu etwas auszuführen. So auch die Leute in Nazareth, der Stadt, in der Jesus aufgewachsen war. Wer etwas vorlesen wollte, stand einfach auf. Und Jesus stand auf, man reichte ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er rollte sie auf, und dann heißt es wörtlich: "Als er auf die Stelle traf" - oder auch "die Stelle fand", wo geschrieben steht …

Das bedeutet doch, entweder ist er zufällig auf sie gestoßen, oder er hat sie gesucht und gefunden. Beides ist möglich. Ich möchte mit diesem Hinweis deutlich machen: Ob wir zufällig auf eine Bibelstelle stoßen oder sie suchen, ob wir zufällig ein Wort zugeworfen bekommen oder danach gefragt haben oder ob wir zufällig in eine Situation geraten, in der Jesus die Chance hat, mir oder anderen etwas Wesentliches mitzuteilen, was womöglich mein Leben oder das eines Anderen maßgeblich verändern kann, das ist völlig unerheblich. Entscheidend ist, dass wir diese Chance nutzen.

Die Leute aus Nazareth gaben Jesus die Chance, aus der Jesaja-Buchrolle vorzulesen und etwas dazu zu sagen. Jesus ergriff diese Chance. Er zitierte Worte, die auf den lang ersehnten und erwarteten Messias hinwiesen, einen rettenden und befreienden König für das Volk Israel. 

Naheliegend war, dass Jesus sich selbst als dieser erwartete Messias zu erkennen gab. Gewagt, ja geradezu todesmutig war das, die Nazarener wollten ihn, weil er sich damit zum Sohn Gottes erklärt und Gott gleichgestellt hatte, von einer nahe liegenden Felsklippe zu Tode stürzen. 

Wie wir Jesus schrittweise eine Chance geben können, möchte ich mit drei Stufen, einer Mini-Turmbesteigung, verdeutlichen. Dabei spielt die Reihenfolge keine so große Rolle. Jede Stufe kann aus vielen weiteren Stufen bestehen.

1. Stufe: die Gemeinde

Die Gemeinde ist die erste Stufe in meinem Turm, denn hier soll die biblische Botschaft mit Jesus Zentrum sein und gelebt werden. Ja, es ist notwendig, den Schritt in eine Gemeinde zu wagen. Ohne eine Familie, ohne eine Gemeinschaft ist menschliches Leben nicht denkbar. In der GemeindeDas gilt genauso für die Christenfamilie. Dass sie sich alle irgendwie unterscheiden, wie sie sind, wie sie miteinander umgehen, was sie anstreben, zeigt nur die menschliche Realität. Informationen, Anstöße zum Nachdenken, Meditation, Singen - in Afrika auch Tanzen - Bibelauslegung, menschliche Wärme und Geborgenheit, aber auch Auseinandersetzung, Streit, Leid können einem hier begegnen. Ein Schritt in die Gemeinde bedeutet, Jesus die Chance zu geben, in meinem Leben über die Gemeinschaft mit anderen Menschen allgemein zu erfahren, wie er mit Menschen umgeht.

Eins sollten wir aber im Blick auf die Gemeinde nie aus den Augen verlieren: Die Gemeinde ist nicht ein loser Zusammenschluss von Menschen mit ähnlichen Interessen. Nein, sie ist ein Gebilde des Heiligen Geistes. Seit Pfingsten ruft er Gemeinden zusammen. In der Gemeinde sollte demnach in besonderem Maß der Heilige Geist erfahrbar sein. Ist das wirklich so?

Um beim großen Gottesdienst anzufangen: Natürlich kann Jesus nur über den Heiligen Geist vermittelt werden. Geben also die leitenden Personen Jesus und dem Heiligen Geist Raum, sich zu entfalten? Und wir Hörer: Fragen wir zuerst danach, ob etwas richtig oder falsch war? Oder versuchen wir herauszufinden, was Jesus uns und vor allem mir damit sagen wollte? 

Das Gleiche gilt für alle Gruppen, die zur Gemeinde gehören. Geben wir da dem Heiligen Geist und damit Jesus die Chance, sich zu entfalten? Wie sieht das aus mit dem gemeinsamen Lesen und Forschen in der Bibel? Sind wir bereit, uns der Vielfalt und der Widersprüchlichkeit der Bibel zu stellen und fragen wir dann, auch in der gemeinsamen Stille, was Jesus uns damit sagen will?

2. Stufe: die Bibel

Meine Frau kaufte ein Buch mit dem Titel: Aufbruch zur Stille (Bill Hybels). So würde ich die 2. Stufe unserer Turmbesteigung überschreiben: Aufbruch zur Stille. Wir haben es mit einem lebendigen, unsichtbaren Gott zu tun. Er kommt nicht nur mit lautem Reden, er spricht unendlich viele Sprachen. Wie er zu mir sprechen will, in welch unterschiedlicher Art, das muss ich erst einmal herausfinden. Und dafür brauche ich Stille. Nur er und ich, niemand sonst dabei! Wie Gott mit Menschen gesprochen hat und wie sie ihr Hören und Erleben verstanden und in verschiedenster Weise niedergeschrieben haben, davon zeugt die Bibel. Einige heutige Bezeichnungen wie "Hoffnung für alle" oder "Die gute Nachricht" wollen schon durch ihren Titel ihren Leben spendenden Inhalt dokumentieren. Sie ist unser Haupt-Arbeitsmittel. Allerdings empfehlen sich Hilfsmittel.

Ich habe in der Beziehung zu Jesus gelernt, anhand der Losung der Brüdergemeinde und einer sprachlich guten Bibelübersetzung mich morgens, vor dem Frühstück, zurückzuziehen und ruhig zu werden. Ich lese immer einen Bibeltext im Zusammenhang. Fragen wie: was sagt der Text über Gott, über Jesus Christus, über den Menschen und z.B. was hat ein anderer davon, dass ich das weiß, helfen, die Gedanken zu ordnen. Außerdem habe ich immer Papier und Schreibzeug zur Hand, um die Gedanken zu notieren, die sich sonst schnell verflüchtigt haben. Wenn mir etwas zu Erledigendes einfällt, notiere ich es. Wenn mir eine Schuld bewusst wird und ich denke, ich sollte noch etwas in Ordnung bringen oder sie so sehr drückt, dass ich einen Seelsorger aufsuchen sollte, auch das notiere ich unbedingt. So bleibe ich frei für das, was Gott mir sagen will. Ich brauche Zeit, mit ihm über meine Fragen und Probleme und meine schönen Erlebnisse zu reden, ihm zu danken, ihn zu bitten. Dieses kann dann vielleicht zu einer anderen Zeit am Tag geschehen. Aber entscheidend bleibt immer das Hören in der Stille. Denn Jesus eine Chance geben, wie soll das zustande kommen, wenn nur ich mich produziere und er nicht mehr die Zeit zu reden hat?

Das Gleiche gilt für eine Gruppe, ein Zweierverhältnis, einen Haus- oder einen Gebetskreis. Beim Beten viel reden und dann mit Amen schließen, weil die Zeit abgelaufen ist, da hat Jesus nicht die geringste Chance, selbst zu uns zu reden, Veränderung zu bewirken, neues Leben zu schaffen.

3. Stufe: Mit Jesus etwas wagen

Was hat eigentlich Gott gewagt, als er Jesus auf die Erde sandte? Jesus beschreibt das eindrücklich in seinem Vergleich mit dem verpachteten Weinberg (Markus 12, 1 – 12). Der Eigentümer eines Weinbergs, damit ist Gott gemeint, lebt im Ausland. Er will alljährlich von den Pächtern seinen Ernteertragsanteil abholen. Aber sie verprügeln die Boten des Eigentümers und jagen sie fort. Zuletzt schickt der Eigentümer seinen Sohn, damit ist Jesus gemeint. Den bringen sie um, weil sie meinen, jetzt könnten sie sich den Weinberg aneignen.

Gott hat es gewagt, seinen Sohn in eine Welt zu schicken, deren Fromme und Mächtige ihn nicht haben wollen, weil er ihre frommen Vorstellungen durchbricht. Aber er tat es trotzdem, weil er den Menschen mit seinem Sohn die Chance eröffnen wollte, durch Vergebung der Schuld wieder mit ihm in´s Reine zu kommen und eine innige Gemeinschaft mit ihm zu finden. Wenn Gott selbst schon etwas so Großes wagt, was bin dann ich bereit zu wagen?

Dazu möchte ich Sie mit einem Grundsatz konfrontieren: Gott hat mit dem Menschen ein freies Wesen geschaffen. Wir haben die größte Freiheit aller lebenden Wesen dieser Erde. Wir können zu Gott ja oder nein sagen. Er zwingt uns nicht. Er zwingt uns auch nicht, mit Jesus etwas zu wagen. Er möchte, dass wir von uns aus bereit dazu sind.
Beim Bibellesen fand ich irgendwann einmal den Satz: Wem es an Weisheit fehlt, der bitte darum (Jakobus 1, 5). Mit Jesus habe ich gewagt, um diese Weisheit zu beten. Ich habe damit riskiert, dass Gott mich in Situationen des Versagens hineinbringt. Das hat er auch reichlich getan, oder ich könnte natürlich auch sagen, ich habe sie zum Teil selbst verschuldet. Aber ich habe daraus gelernt. Eigenes Versagen, zu dem man ehrlich steht, macht einen demütig und verständnisvoll für das Versagen anderer und nicht nur für deren Versagen, auch für deren andere Lebenssituation, für ihr Verhalten, auch für ihren Glauben. In einem Buch über das Beten fand ich einen Abschnitt: "Angriff der Liebe". Ich merkte, wie mich Jesus zu einem Experiment herausforderte. Ich willigte ein und mir war nicht wohl dabei: Das Ergebnis: Ich wurde eine Weile lang mit einer Person zusammengebracht, die andere bestahl und auch meine Sachen durchwühlte. Statt ihr etwas vorzuwerfen, beschenkte ich sie mit Blumen und Dingen, die sie anderen gestohlen hatte.

Uns ruft Jesus heute zu: ICH bin die Wahrheit, eine lebendige Person. Ich bin Jesus, der mit dir eine Beziehung haben möchte. Ich liebe dich von ganzem Herzen. Wage es doch, zu mir aufzubrechen, dein Herz für mich zu öffnen! Werde stille vor mir!

Gebet: Herr, Jesus Christus, du lebendiger, heiliger Gott, der du jeden von uns von Herzen kennst  und liebst, mach mich bereit, deine Stimme und deinen ganz persönlichen Weg mit mir zu verstehen. Lehre du mich, was Leben heißt.
Öffne mein Herz für deinen heiligen Geist. Ich möchte dich, deinen Geist, und durch dich den Vater kennen lernen. Amen.

Georg Hoffmann


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