Auf der Schwelle
Jahresschlussgottesdienst  am 31.12.1999

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
es ist heute Abend wirklich so weit. Die Jahrtausendwende steht unmittelbar bevor. Zwar haben wir gelernt, dass die mathematisch richtige Jahrtausendwende erst nächstes Jahr eintritt, aber "wer dann feiert, feiert einsam". So ist mit Silvester dieses Jahr viel mehr verbunden, als ein einfaches Überschreiten einer Jahresgrenze. Es wird Bilanz gezogen, die ein ganzes Jahrhundert und Jahrtausend umfasst. Und was vor uns liegt, wirkt so unendlich weit, dass die guten Vorsätze in einem ganzen neuen Jahrtausend kläglich klein und unbedeutend erscheinen. Ich habe mir überlegt, wie wir wohl als ganz unterschiedliche Leute heute Abend hier ankommen. Dazu hat Rainer Behrends sehr treffende Karikaturen gemalt.
Volltischler - Leertischler - voller Rucksack - bequemer SesselDa ist der sogenannte "Volltischler". Er hat seinen Schreibtisch zum Jahresende nicht leer bekommen. Die Aktenberge, ungelesenen Zeitschriften und unvollendeten Werke bleiben liegen und werden wohl als Altlast ins neue Jahr geschleppt. Aber der Volltischler ist eigentlich daran gewöhnt, etwas vor sich her zu schieben. Eins ist sicher, er wird im neuen Jahr keine Langeweile bekommen.
Da ist im Gegensatz dazu die "Leertischlerin". Sie hat alles abgearbeitet, was ihr in diesem Jahr noch vor die Finger kam. Sie sitzt hier nun frei und bereit, neue Aufgaben zu bekommen und mitzunehmen. Aber vielleicht ist sie jetzt auch so müde vor lauter Abarbeiten, dass sie sich wünschte, Silvester wäre schon um 22.00 Uhr.
Dann ist da noch die Wanderin mit dem vollen Rucksack. Die Probleme und Sorgen drücken sie schwer. Sie kommt hierher um abzuladen. Den Rucksack will sie auspacken, alles Gott übergeben und hofft, dann befreit und mit leichtem Gepäck ins neue Jahr zu gehen.
Schließlich sitzt da noch jemand im gemütlichen Sessel. Er freut sich über sein Leben, das Angenehme und Schöne, das er erlebt. Er liebt seinen Sessel und ist nur schwer zu bewegen sich zu verändern. Allerdings blickt er besorgt in das neue Jahr. Wird er es weiter so bequem haben oder muss er womöglich aus der Zufriedenheit aufwachen? Laut Emnid-Institut gehört er zu der größten Gruppe der Bundesbürgerinnen und -bürger. 80% sagen, sie seien mit ihrem Leben zufrieden. 70% blicken besorgt in die Zukunft.
Ich frage mich bei solchen Untersuchungen immer, ob ich auch bei der am häufigsten genannten Gruppe bin oder zu einer anderen gehöre. Ich frage mich, sind wir Christen automatisch bei der Mehrheit oder ist es bei uns anders - anders weil wir mit Jesus Christus leben?
Die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht des Matthäus hat in diesem Zusammenhang wieder ganz neu zu mir gesprochen. Die Weisen aus dem Morgenland, die Jesus begegneten, haben auch etwas zu unserem Jahrtausendwechsel zu sagen.

Matthäus 2,1-12

Jesus wurde in Betlehem in Judäa geboren, zur Zeit, als König Herodes das Land regierte. Bald nach seiner Geburt kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: "Wo finden wir den neugeborenen König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen." Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem. Er ließ alle führenden Priester und Gesetzeslehrer im Volk Gottes zu sich kommen und fragte sie: "Wo soll der versprochene Retter geboren werden?" Sie antworteten: "In Betlehem in Judäa. Denn so hat der Prophet geschrieben: 'Du Betlehem im Land Juda! Du bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten in Juda, denn aus dir wird der Herrscher kommen, der mein Volk Israel schützen und leiten soll.'" Daraufhin rief Herodes die Sterndeuter heimlich zu sich und fragte sie aus, wann sie den Stern zum erstenmal gesehen hätten. Dann schickte er sie nach Betlehem und sagte: "Geht und erkundigt euch genau nach dem Kind, und wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Nachricht! Dann will ich auch hingehen und ihm huldigen." Nachdem sie vom König diesen Bescheid erhalten hatten, machten sich die Sterndeuter auf den Weg. Und der Stern, den sie schon bei seinem Aufgehen beobachtet hatten, ging ihnen voraus. Genau über der Stelle, wo das Kind war, blieb er stehen. Als sie den Stern sahen, kam eine große Freude über sie. Sie gingen in das Haus und fanden das Kind mit seiner Mutter Maria. Da warfen sie sich vor ihm zu Boden und huldigten ihm. Dann holten sie die Schätze hervor, die sie mitgebracht hatten, und legten sie vor ihm nieder: Gold, Weihrauch und Myrrhe. In einem Traum befahl ihnen Gott, nicht wieder zu Herodes zu gehen. So zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

Der Bericht über die Weisen ist eher sachlich, Ausschmückungen suchen wir vergeblich. Deshalb sind wir frei, in ihre Rollen zu schlüpfen und den sachlichen Bericht nachzuempfinden. Die Weisen erforschten den Himmel. Sie waren interessiert an den Zusammenhängen des Lebens und der Welt. Sie lebten in einem sozialen Umfeld, das sie als Weise, als Professoren, anerkannte. Sie waren sesshaft und doch interessiert und offen für Neues. So brachen sie aus ihrer gesicherten Existenz - praktisch aus dem bequemen Sessel - auf, um diesem besonderen Stern zu folgen. Sie vermuteten einen neuen Herrscher am Horizont, der anbetungswürdig war. Hier haben uns die Weisen etwas zu sagen. Wir werden nicht alles abschließen können, wenn uns der Ruf zum Aufbruch in eine neue Zeit ereilt. Wir werden im Alltag, in der Routine, vor einem vollen Schreibtisch stehen und merken, jetzt gilt es, Jesus Christus zu folgen. Jetzt gilt es, zu neuen Ufern aufzubrechen. Jetzt gilt es, wirklich ein neues Kapitel Lebensgeschichte aufzuschlagen. Der Stern, der Hinweis auf die Gemeinschaft mit Jesus Christus ist so wichtig, dass alles andere ins 2.Glied rückt. Und wer weiß, vielleicht ist es ja den Weisen auch so gegangen. Hatten sie sich erst einmal aufgemacht, gingen sie Jesus entgegen, wurden ihre vollen Schreibtische und Rucksäcke voller Sorgen schon leerer. Das Licht, das Gott ihnen mit dem Stern schenkte, brachte manches in Ordnung, was sie für unlösbar hielten. 

Das Jahr 2000 ist eigentlich ein Schwellenjahr in eine neue Zeit, so wie die Weisen auf der Schwelle standen zu einer neuen Zeit. Das Jahr 2000 ist damit auch Gedenkjahr, ein Jahr lang werden wir an das Kommen Jesu in die Welt vor 2000 Jahren erinnert. Und damit ist das Jahr 2000 ein Festjahr, das uns 366 Tage Zeit gibt, Jesus lebendig in unserer Mitte zu feiern. So kommen wir aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. Letzte Woche Weihnachten und nun 1 Jahr Erinnerung an Weihnachten. Wie die Weisen stehen wir auf der Schwelle und sind unterwegs. Wir sehen den Stern, der uns zu Jesus immer wieder neu ruft, wir wollen Jesus folgen und wir wollen offen sein für die Wege, die er uns führen wird. So können wir uns sehr leicht in diese Weisen aus dem Morgenland versetzen. Trotz Zufriedenheit werden wir in Aufbruchstimmung versetzt. Trotz der Sorgen um die Zukunft vertrauen wir Jesus, der uns begleiten wird.

Die Weisen brachten Jesus Geschenke. Das gehört ja auch zu einem richtigen Geburtstag. Und unsere Geschenke anlässlich des Festjahres? Anders als im Goethejahr 1999 haben wir es ja nicht mit einem längst verstorbenen Helden zu tun, sondern mit einem Jubilar, der nach 2000 Jahren immer noch lebt und an dem großen Fest ihm zu Ehren teilnimmt. Also - was würde Jesus im Jahr 2000 Freude machen? Ich habe mit dieser Frage einmal die Evangelien und Briefe betrachtet. Da sind mir verschiedene Geburtstagsgeschenke gekommen: Barmherzig sein wie der barmherzige Samariter, gemeinsam zusammen wirken wie das Bild vom Leib Christi es beschreibt, Jesu Worte hören, dann aber auch tun, wie viele Gleichnisse es beschreiben, einander vergeben und Versöhnung leben - 490 mal mindestens, zwischen uns stehende Schuld aus der Welt schaffen, wie Jesus das für uns tat, die gute Nachricht von Jesus weitersagen, ihn bekannt machen, ihn loben... Ihnen fallen sicher noch viele andere Dinge ein.
Die Weisen gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe, das Kostbarste, das sie hatten, für den neuen König. Wir sollten es ihnen gleich tun und Jesus das Kostbarste geben, was wir haben. Vielleicht die Zeit, vielleicht Liebe, vielleicht Anteil an unserem Leben, vielleicht auch Macht. Und wie die Weisen werden wir dann etwas sehr Merkwürdiges erleben. Sie wurden nämlich durch das Schenken kein bisschen ärmer, das eigentliche Geschenk hatte Gott ihnen gegeben, sie durften ihn kennenlernen in Gestalt seines Sohnes. Zwar führt Matthäus das leider nicht ausführlich aus, aber es ist die folgerichtige Fortsetzung. Sie hatten dort im Stall von Bethlehen das gefunden, was ihr Leben veränderte und alles in ein neues Licht rückte. Zwar war ihr Schreibtisch zu Hause immer noch voll, aber sie kannten nun die Quelle, die ihnen Kraft gab, das alles zu bewältigen. Zwar saß der Sorgenrucksack immer noch auf ihrem Buckel, aber den Inhalt konnten sie an der Krippe lassen. Gott würde sich darum kümmern. Er nahm die Probleme selbst in die Hand. 
So dürfen wir uns heute "auf der Schwelle" von Gott beschenken lassen. Er gibt uns Jesus an die Seite, der uns vorangeht, der uns ermutigt und auch bremst, wo wir zu schnell sind. Er schenkt uns Gaben, die uns befähigen, in seinem Auftrag unterwegs zu sein. Und er lässt uns kreative Geschenke finden, die ihm in den nächsten 366 Tagen wirklich Freude machen.

In der Mitte steht unser Abendmahlstisch, das Mahl ist bereitet. Wenn Jesus uns heute dazu einlädt, will er uns seine Hand geben und uns über die Schwelle in ein neues Jahr bringen. Er bringt Ordnung in unser Leben. Er mistet den vollen Schreibtisch aus, er füllt den leeren Schreibtisch mit neuen Aufgaben. Er nimmt uns den Rucksack ab und stiftet Frieden und er zieht uns energisch hoch aus dem bequemen Sessel, wo es anzupacken und loszugehen heißt. Jesus lässt uns an seinem Leib und seinem Blut in Brot und Traubensaft Anteil haben und gibt uns Anteil an seinem Geist. Liebe, Freude, Friede und Geduld wird sein Geist in uns wachsen lassen.

Die Weisen waren am Ziel, wie sollte es weitergehen? Wir hören von einem Traum und von einem Umweg zurück nach Hause. Die Weisen waren hellhörig geworden für Gottes Stimme, sie ließen sich umleiten auf dem Weg in den Alltag. Das ist ein gutes Bild für den Weg in ein neues Jahr. Das heißt doch, von ihm Wegweisung zu erwarten: in der Familie, in der Freundschaft, in der Gemeinde, im Beruf. Das heißt auch, auf Umwege gefasst zu sein. Da liegt vielleicht ein Überfallener am Weg und wir werden von ihm aufgehalten und zum Umweg gezwungen. Da sind familiäre Aufgaben, die uns in die Quere kommen, und auf einmal entgegen unserer Planung erste Priorität einnehmen. Da ist ein Konflikt und der Friede ist nicht leicht herzustellen. Viele Zeichen der Abrüstung sind nötig und lassen uns manchen Umweg machen. Da sind Menschen, die neu zu unserer Gemeinde stoßen und ihren Platz brauchen, mancher räumt da vielleicht seinen angestammten Platz und gibt dem Neuen eine Chance - und vielleicht dauert es ein Weilchen, bis er für sich den neuen Platz gefunden hat. Bei allen Umwegen haben wir Jesus dabei, er lässt uns nicht allein umher irren und nach Auswegen suchen. Er führt uns und bringt uns an das Ziel, das er für uns vorgesehen hat. 

Das Fest mit Jesus geht weiter - mitten im Alltag. Wir sind aufgefordert, die Zeit auszunützen, bis Jesus wieder kommt - egal ob heute Nacht oder in weiteren 1000 Jahren. Wenn auch alle spätestens am 3.1. weitermachen wie bisher, dann haben wir doch etwas Neues einzubringen. Jesus Christus ist der selbe, ob gestern, heute oder im Jahr 2000. Jeder Tag bietet die Chance, mit Jesus zu leben, Licht zu finden und Licht zu sein. Deshalb sollten wir in Bleibendes investieren, in Liebe, Freude, Frieden und Geduld, das hat Bestand und macht Jesus Freude.

Mit der Jahreslosung für das Jahr 2000 sagt uns unser Herr Großes zu:
"Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen."
Und warum nicht mit den Weisen gehen und Jesus finden?

Cornelia Trick


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